„Das ist wie Detektivarbeit“

Sütterlin-Kurs der Volkshochschule startet im Kreismuseum

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Die ABC-Tafel hilft den Teilnehmern, die Sütterlinschrift zu lesen. 

Inzwischen stehe ich dazu, wenn ich etwas nicht begriffen habe. Zumindest dann, wenn es sich um ein Thema wie Sütterlinschrift handelt. Und um einen Volkshochschul-Kurs, bei dem die Teilnahme freiwillig ist.

Syke - Von Janna Sillinger. Dennoch fühlte es sich einen Moment lang an wie früher: 13. Klasse, Matheunterricht. Wenn der Reihe nach jeder ein Ergebnis vorlesen musste und man selber leider keins hatte. Dann gab es drei Optionen. Die Wahrheit sagen, sich eine falsche Antwort ausdenken, um wenigstens guten Willen zu zeigen, oder vortäuschen, dass man ganz dringend auf Toilette muss. Damals gingen meistens ein roter Kopf und hektische Flecken mit diesen Situationen einher.

In einem Zustand des absoluten Unwissens bezüglich dieser alten deutschen Schreibschrift ging es am Dienstag ins Kreismuseum. Ganz klar: Der Kurs war eine Bereicherung. Auch wenn ich mit Abstand am wenigsten Ahnung hatte. Sowohl von der Herkunft dieser Schriftart als auch von den Buchstaben. Im Gegensatz zu einigen anderen Teilnehmern.

Sie alle hatten gute Gründe, dort zu sitzen. Familienforschung, Ortsgeschichte, alte Briefe, Omas Kochbuch. Sie hatten diese Schrift wenigstens schon einmal gesehen. Fühlten sich aus persönlichen Gründen berufen oder aus Neugierde getrieben, sie lesen zu können, diese Buchstaben, die Bogen, Zacken, Kringel und Kreisel. Sie hatten schon einmal von dem Unterschied zwischen Binnen-S und Schluss-S gehört. Es war kein großes Problem für sie, dass das kleine „h“ wie ein „f“, das große „Ä“ wie ein „Ö“ und das „w“ wie eine abstrakte Zeichnung aussieht.

Vor der Einführung dieser Schreibschrift hatten die Menschen Kurrent genutzt. „Der Begriff stammt vom lateinischen Wort ,currere’ ab, das bedeutet laufen“, erklärte Kursleiterin Miriam Schulz. Kurrent sei jedoch komplexer in der Schreibweise und wurde üblicherweise mit einem Federkiel oder einer Bandzugfeder geschrieben, später mit einer Spitzfeder.

Im Auftrag des preußischen Kultur- und Schulministeriums habe 1911 Ludwig Sütterlin dann die Sütterlinschrift entwickelt. Eingeführt wurde sie 1914. Sinn und Zweck war es, die Schrift so zu vereinfachen, dass die Schüler sie erlernen konnten. Breite, aufrechte Buchstaben, simplere Formen. Diese wurde mit einer Gleichzugfeder auf das Papier gebracht. Der Vorteil dabei war der kugelige Kopf, der eine gleichmäßige Stichbreite ermöglichte.

Schreiben stand in der ersten Kurseinheit aber nicht auf dem Programm. Schulz verteilte eine ABC-Tafel, und die Teilnehmer versuchten, anhand von Übungsbeispielen einzelne Worte und Sätze zu lesen. Es fühlte sich ein wenig so an, als gebe es ein Rätsel zu lösen. „Das ist wie Detektivarbeit“, so Schulz.

„Man muss geduldig sein“, stellte ein Teilnehmer zum Schluss fest. Und vor allem sei es wichtig, am Ball zu bleiben. Sonst sei alles neu Gelernte innerhalb kürzester Zeit wieder vergessen. Außerdem sei es hilfreich, sich nicht „seinen Teil zu denken“, sondern solange zu üben, bis man die Buchstaben sicher erkenne.

Wir sind weit gekommen in der ersten Kurseinheit, da waren sich alle einig. Bei vielen wurde Wissen aufgefrischt, bei anderen ein neuer Denkanstoß geschaffen bezüglich der Komplexität historischer Forschung.

Und der Vergleich der Ergebnisse unserer Leseübung tat eigentlich kaum weh. Obwohl ein netter Herr neben mir „Blau, lieben, blendend, tarnen, toll“ und ich nur „nichts, nichts, nichts, nichts, nichts“ vorlas.

Zum Glück bin ich nicht mehr auf eine Versetzung angewiesen.

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