Gaby Letzing

Sternenkindfotografin macht das erste und das letzte Bild eines Kindes

Große Hände, die kleine Füße eines Sternenkindes festhalten.
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Ein Foto kann helfen, einen unerträglichen Abschied zu akzeptieren.

Aus Hoffnung wird unerträgliche Verzweiflung, wenn Eltern erfahren, dass ihr ungeborenes Kind gestorben ist – oder es kurz nach der Geburt Abschied vom Leben nehmen muss. Dann steht die Welt still. Und doch kann das erste und das letzte Foto ein großer Trost und eine liebevolle Erinnerung an ein wundervolles Wesen sein. Als Fotografin für „Dein Sternenkind“ macht Gaby Letzing Müttern und Vätern dieses Geschenk.

Syke/Nordwohlde – Eine Lichterkette mit leuchtenden Sternchen hüllt das kleine Wesen ein, dessen Gesicht nicht zu erkennen ist. Sein kleiner Körper wirkt friedlich, fast als hätte sich ein Kreis geschlossen. Es ist ein Bild, das Erinnerungen an ein viel zu kurzes Leben zeigt – an ein Sternenkind, das diese Welt schon als Neugeborenes wieder verlassen musste.

60 ehrenamtliche Sternenkind-Fotografen decken ganz Norddeutschland ab

Es ist das erste und das letzte Bild, das die passionierte Fotografin Gaby Letzing auf Wunsch der Eltern gemacht hat – als liebevolle Erinnerung an ein wundervolles Wesen. Ehrenamtlich ist die 60-Jährige als Fotografin der Organisation „Dein Sternenkind“ im Einsatz – immer dann, wenn mit dem Kind die hoffnungsvolle Zukunft seiner Eltern stirbt und sie stumm verzweifelt zurückbleiben. Gaby Letzing ist eine der bundesweit knapp 600 Fotografen, die für „Dein Sternenkind“ unterwegs sind – Tag und Nacht.

Organisation: Dein Sternenkind

Kai Gebel hat die Organisation „Dein Sternenkind“ 2013 gegründet. Schon vier Jahre später wurde sie mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet. Sie ist heute eine Stiftung. Die Fotografen arbeiten ehrenamtlich. Für betroffene Eltern ist ihr Einsatz kostenlos. Die Stiftung sucht zurzeit ehrenamtliche Fotografen, die sich der Sternenkinder-Aufgabe in ihrer Freizeit widmen möchten.

Das erste und das letzte Bild: Betroffene Eltern erfahren oft in der Klinik von dieser Möglichkeit. Gaby Letzing weiß, dass bei Weitem nicht alle Väter und Mütter dieses Angebot annehmen können: „Nicht alle Eltern möchten Fotos haben.“ Aber die Nordwohlderin weiß aus vielen Rückmeldungen, insbesondere von Müttern, wie wertvoll diese Bilder sein können – vor allem in späteren Jahren, wenn Geschwister vielleicht etwas über die Schwester oder den Bruder erfahren möchten, die oder den sie nie kennengelernt haben.

Seit drei Jahren ist Gaby Letzing als Sternenkind-Fotografin unterwegs – als eine von rund 60 Ehrenamtlichen im Bereich zwischen Oldenburg und der Nordseeküste, der Region Hannover bis an die Tore Hamburgs. „Im Moment sind wir nur ein kleiner Kreis, etwa zwölf Aktive“, berichtet sie über die Situation in Corona-Zeiten. 45 Einsätze hat sie allein in diesem Jahr gehabt – und damit 45 Elternpaaren zur Seite gestanden, die Unvorstellbares verkraften müssen.

Gaby Letzing: Die Berührung des toten Kindes hilft bei der Trauerbewältigung

Die wichtigste Frage beim Kennenlernen ist für Gaby Letzing: „Wie komme ich mit den Eltern in Kontakt?“ Sie selbst habe keine Berührungsängste, sagt die 60-Jährige, die als Initiatorin und Geschäftsführerin des Kinder- und Jugendhospiz" Löwenherz in Syke seit Jahrzehnten mit schwerstkranken Kindern arbeitet. „Aber das ist streng getrennt!“, sagt sie über ihre Aufgabe als Sternenkind-Fotografin in ihrer Freizeit.

„Ich rede mit dem Kind“, beschreibt sie ihre Arbeit mit der Kamera, „manchmal werde ich auch ganz still“. Die größte Herausforderung sei, die Eltern mit ihrem verstorbenen Kind in Berührung zu bringen: „Ich bin überzeugt, dass es bei der Trauerbewältigung hilft“, sagt Gaby Letzing. Die kleine Hand oder den winzigen Fuß berühren, kann eine Mutter und einen Vater spüren lassen: „Ja, das ist mein Kind.“

Auch wenn die Umstände noch so schwierig sind: „Es ist immer möglich, etwas zu machen“, sagt Gaby Letzing über die Foto-Motive. Sie weiß: „Den Finger in die Hand des Kindes legen, das hilft zu begreifen.“ Das Kind in ein Nestchen zu betten und die Lichterkette darum zu legen, lässt trotz der Gegenwart des Todes einen Schimmer von Trost aufscheinen: Das Kind ist von Licht umfangen. Manchmal setzt Gaby Letzing bewusst Unschärfe ein. Immer geht es um die Würde des Kindes, um einen liebevollen Blick.

Manche Eltern schauen das Foto ihres Sternenkindes erst nach Jahren an

Ihre Bilder sind in einer harmonischen Intensität gehalten, die den Betrachter berührt – und ihn spüren lässt: Jedes Leben ist wunderschön, so kurz es auch gewesen sein mag. Vor allem für die Mütter, die zu dem Kind in ihrem Bauch längst eine Beziehung aufgebaut haben, ist der Abschied besonders schwer zu ertragen.

Die Fotos erhalten die Eltern in schwarz-weiß oder in Farbe, meist auf einem Stick. Aber auch Ausdrucke sind möglich. Alles ist kostenlos. Das kann die Organisation „Dein Sternenkind“, mittlerweile eine Stiftung, durch Spenden ermöglichen

Gaby Letzing ist eine passionierte Fotografin.

Für nicht wenige Eltern gehört viel Mut dazu, sich die Fotos anzuschauen – und damit den Tod ihres Kindes endgültig zu akzeptieren. Manche brauchen Jahre dafür, weiß Gaby Letzing. Andere wiederum können es kaum erwarten. Die Sternenkind-Fotografin bekommt immer wieder Rückmeldungen von Vätern und Müttern. „Ich bin so froh, dass ich mich getraut habe, mein Kind anzufassen“, zitiert sie aus einem Dankesbrief. Gaby Letzing ist froh, Menschen in einer unerträglichen Situation zur Seite stehen zu können – und betont: „Ich bedanke mich bei den Eltern. Das ist ein großer Vertrauensbeweis!“

Mit den unterschiedlichsten Schicksalen wird die Fotografin konfrontiert – zum Beispiel von Eltern, die sich bewusst gegen ihr Kind entschieden haben: „Weil sie mit der starken Behinderung oder der unheilbaren Krankheit nicht leben können.“

Sternenkind-Fotografin Gaby Letzing erlebt bei Eltern erdrückende Schuldgefühle

Sie habe in ihrer ehrenamtlichen Arbeit viel gelernt, sagt die 60-Jährige. Vor allem, dass eine solche Entscheidung unendlich schwer ist: „Da müssen sich Mütter und Väter gegen ihr sehnlichst erwünschtes Kind entscheiden, weil es schwer krank und behindert sein würde. Das macht sich keine Familie leicht!“ Erdrückende Schuldgefühle hat die Fotografin schon erlebt.

Dann gibt es Eltern, die mit solchen Handicaps anders umgehen. Bekannte von Gaby Letzing haben sich trotz einer lebensbedrohlichen Fehlbildung für ihr Kind entschieden: „Es ist kurz nach der Geburt gestorben.“

Solche Schicksale kosten auch die Fotografin Kraft. Denn sie erlebt, „was das mit dem Familiensystem macht“. Dem toten Kind einen würdigen Platz im Leben zu geben, kann heilsam sein. Deshalb sind der Nordwohlderin diese Einsätze so wichtig. Die Fotos bearbeitet sie, sobald sie nach Hause kommt. „Manchmal muss ich danach noch auf Bestellungen warten“, berichtet sie. Doch wenn der Brief an die Eltern absendebereit sei, „dann lasse ich das Kind los.“

Wenn andere Eltern ihre Unterstützung brauchen, greift sie wieder zu ihrer Kamera – und macht sich auf den Weg.

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