Resonanz mäßig

Silent-Reading-Party in Syke: Volle Konzentration bei absoluter Stille

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George Orwells „Die Farm der Tiere“ entführt mich in eine andere Welt.

Syke - Walter Moers, Friedrich Dürrenmatt oder Sebastian Fitzek – Geschichten dieser drei und noch etlicher anderer Schriftsteller sind in der Syker Stadtbibliothek zu entdecken.

In insgesamt rund 16.000 Büchern verstecken sich spannende Krimis, Literatur der Gegenwart oder Texte über Gesundheitstrends. Mein Weg führt mich zum Regal der klassischen Literatur. Ein schlichtes Cover, bloß mit etwas Rot und einem grimmig dreinschauendem Schwein, das eine Fahne schwenkt, gewinnt meine Aufmerksamkeit. „Die Farm der Tiere“ von George Orwell soll es an diesem Abend sein, bei der Silent-Reading-Party.

Silent-Reading-Party: Konzentration spielt große Rolle

Jutta Behrens ist die Leiterin der Stadtbücherei und organisiert diesen Abend bereits zum vierten Mal. Sie habe von Silent-Reading-Partys bei einer Fortbildung in Osnabrück erfahren. Nun wollte Behrens einfach mal schauen, ob dies auch in der Heimat gut ankommt. „Das Angebot richtet sich vor allem an Leute, die zu Hause wenig Ruhe zum Lesen haben“, erklärt sie. Denn die Konzentration beim Lesen spiele eine große Rolle. Das sollte ich an diesem Abend merken.

Bewaffnet mit dem rund 130-seitigen Märchen mache ich es mir auf einem grünen Stuhl mit grauem Sitzkissen gemütlich. Was mir direkt auffällt: das gute Licht. So gutes Leselicht habe ich zu Hause an keinem Platz. Zugegeben: Zuerst muss ich mich an die ohrenbetäubende Stille gewöhnen und versuchen, das Gedankenkarussell abzuschalten. Nach ein paar Seiten ist das aber geschafft. Doch an das, was ich gelesen habe, kann ich mich nicht wirklich erinnern. Kann es vielleicht zu still sein, um richtig aufmerksam zu lesen?

Silent-Reading-Party: Stadtbücherei genau der richtige Ort

„Nein“, meint Karin Schierholz. Die Sykerin ist zum ersten Mal bei einer Silent-Reading-Party dabei. Sie hat sich mit einem eigenen Buch für den Abend ausgestattet: „Willst du normal sein oder glücklich?“ von Robert Betz liegt vor ihr auf dem Tisch. „Das habe ich zum Durchblättern dabei.“ Seit gut 20 Jahren war sie nicht mehr in der Bibliothek. Sie hätte in der Zeitung von dem Angebot gelesen, in Gesellschaft zu lesen. Nun wollte sie mal wieder vorbeischauen und gucken, wie das so ist. „Ich brauche absolute Stille beim Lesen“, erzählt sie. Dann sollte sie in einer Bücherei doch genau am richtigen Ort sein.

Es ist gerade 20 Uhr, als die Kirchturmglocken läuten. In der Bibliothek ist ein Blättern zu hören, hier ertönt ein Husten, da ein Räuspern. Jutta Behrens sitzt an ihrem Arbeitsplatz und tippt auf einer Tastatur. Ich empfinde die subtile Geräuschkulisse als sehr angenehm, frage mich aber dennoch, was Behrens wohl gerade tippt. Das völlige Abtauchen in das Märchen fällt mir noch schwer.

Silent Reading: Auf die Geschichte konzentrieren

Gerade als mir Wörter wie „Fersengeld“ und Bezeichnungen wie „samt und sonders“ ein Schmunzeln bescheren, klingelt das Telefon. Ich bin raus. Karin Schierholz beschließt sogar, den Abend abzubrechen, da es ihr zu unruhig wird. „Zuhause kann ich wohl doch besser lesen. Dort habe ich für zwei oder drei Stunden komplette Ruhe“, begründet sie ihre Entscheidung und geht. Ich bleibe noch. Außer mir sollte Karin Schierholz an diesem Abend die einzige Leserin bleiben, die das Angebot der Bücherei wahrnimmt.

Endlich kann ich mich voll und ganz auf die Geschichte konzentrieren. Als ich gerade lese, dass Menschen nur schlimme Angewohnheiten hätten, startet die Gedankenreise jedoch erneut. Ich frage mich, welche Merkmale mich prägen, und realisiere, dass mein Fuß pausenlos hin und her wippt. Dazu kommt, dass eine Haarsträhne zwischen meinem linken Daumen und Zeigefinger gezwirbelt wird. Wie ferngesteuert. Ob das eher ein Zeichen für vertieftes oder unkonzentriertes Lesen ist, bleibt mir unbeantwortet. Ich schweife mit meinen Gedanken zwar ab, kann mich aber trotzdem daran erinnern, wie die Tiere der Farm die Menschen vertreiben.

Behrens beschließt noch an diesem Abend, das Projekt einzustampfen: „Für eine Person lohnt es sich nicht.“ Auch die geplante Veranstaltung am 19. Februar wird es nicht mehr geben. Zuvor wären gut zehn bis zwölf Gäste dagewesen.

Kommentar: Mut zum Philosophieren

Von Lisa-Marie Rumann.

Die Bücherei der Stadt Syke hat am Mittwochabend eine Silent-Reading-Party organisiert. Leider bloß für eine interessierte Leserin und mich, die als Reporterin einen Selbstversuch wagte. Ich bin eine sehr begeisterte Leserin, doch im Alltag kommt es oftmals einfach zu kurz. Abends nach der Arbeit noch lesen? Vermutlich im Bett oder auf einer gemütlichen Couch? Es ist schwierig, die Augen offen zu halten. Daher finde ich die Idee der Silent-Reading-Party besonders gut! Gerade auch in Zeiten, in denen Menschen sich nur noch vor der Flimmerkiste berieseln lassen und viele Gespräche bloß noch an der Oberfläche kratzen, hätte das ein geeigneter Treffpunkt für Buch-Fans sein können, um gemeinsam in eine ganz eigene Welt abzutauchen und zu philosophieren. Ich hätte gerne mit jemandem darüber diskutiert, ob die Farm-Tiere vorbildlich handeln oder was ein plausibles Ende sein könnte.

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