Nach dem Markt ist vor dem Markt

Auf Reisen: Wie der Rotkohl an den Bio-Stand der Kampes kommt

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Mario Kampe mit seiner Tochter Johanna und der neuen Mitarbeiterin Birgit.

Wie kommt ein Bio-Rotkohl vom Feld an den Marktstand auf dem Wochenmarkt? Wir haben die Reise anhand des Beispiels des Biohofes Kampe verfolgt und beschrieben.

  • Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien produziert Gemüse
  • Die Kampes sind auf drei Wochenmärkten unterwegs
  • Breit aufgestellter Marktstand mit rund 100 Produkten

Barrien/Kirchweyhe/Bremen - Wie fast immer am Samstag schälen sich um kurz nach 8 Uhr die Konturen des Mannes in der roten Jacke aus der Dunkelheit. Er geht von Stand zu Stand, bis er schließlich hinter der gelben Zeltplane vom Marktstand Kampe verschwindet. Seinen Namen verrät er nicht. 

Auch Standbesitzer Mario Kampe kennt ihn nicht. Für ihn ist er einfach nur der freundliche Kunde mit dem feinen Humor, der regelmäßig auf den Kirchweyher Wochenmarkt geht. Langsam füllt der Mann in Rot seinen Einkaufskorb, bis er innehält. „Was wird gesucht?“, ruft Mario. „Rotkohl.“ „Der ist da hinten, den habe ich noch nicht ausgepackt.“

Syke: Bio-Hof Kampe baut rund 30 bis 40 Kulturen selbst an

Es ist dunkel, kalt und leise Musik erfüllt den Raum, als die Reise des Rotkohls beginnt. Zwei Tage vor dem Kirchweyher Wochenmarkt steht Mario Kampe in einer großen, alten Scheune und packt Gemüse und Obst in grüne Kisten.

Der Bio-Hof Kampe in Syke-Barrien betreibt seit vielen Jahren einen kleinen Laden auf seinem Hof und ist auf insgesamt drei Wochenmärkten in der Region aktiv. Er baut ausschließlich Gemüse an und hält keine Tiere außer Hofkater Aris. Mario Kampe leitet zusammen mit seiner Frau Julia den Betrieb. Rund 30 bis 40 Kulturen bauen sie hinter ihrem Haus selber an, den Rest der insgesamt weit über 100 Artikel im Markt-Sortiment kaufen sie zu. Dadurch sind Kampes vor allem eins: breit aufgestellte Händler.

Hof Kampe: Ohne Bio-Großhandel geht es nicht

Während Mario die übrig gebliebenen Waren vom Wochenmarkt in Harpstedt sichtet, steigt Julia in einen weißen Sprinter und fährt in zügigem Tempo über die B 6 in Richtung Bremen. Dreimal bestellen Kampes telefonisch bei Großhändlern, einmal fahren sie selbst raus: zum Naturkostkontor in Bremen.

Julia Kampe kauft im Naturkostkontor ein.

Den Besuch in einem Großhandel kann man sich vorstellen wie in einem normalen Supermarkt – nur, dass man zehnmal so viel mitnimmt. Julia hat eine Einkaufsliste dabei, als sie an Dutzenden Kisten Paprika und einer Wand aus Joghurt vorbeiläuft, bis sie schließlich in einem großen Kühlraum mit frischem Gemüse ankommt. 

Systematisch arbeitet sie ihre Liste ab und stapelt die Kisten auf sogenannte Trolleys – auch der Rotkohl ist dabei. Julia weiß: Viele kochen ihn jetzt schon für Weihnachten vor. Vor einigen Tagen wuchs er noch auf einem Biohof in Steyerberg. Jetzt finden vier Kisten á sechs Kilo davon ihren Weg über Bremen nach Syke-Barrien.

Nach rund eineinhalb Stunden fährt Julia schließlich mit vier der großen Einkaufswagen zur Kasse des Bio-Großhandels. Ein kurzes Gespräch mit den Mitarbeitern, die sie seit Jahren kennt, dann geht’s zurück zum Hof. Die Waren müssen eingelagert und gekühlt werden.

Syke: Auf dem Bio-Hof packen alle mit an

Mario Kampe kniet auf dem Boden und erntet mit einem scharfen Messer Babyspinat. Eigentlich sollte eine Angestellte ihm an diesem Freitagmorgen unter die Arme greifen. Sie ist als Gärtnerin auf dem Hof angestellt und hilft beim Bewirtschaften der insgesamt fünf Folientunnel und der „Quartiere“ genannten Freilandflächen. Heute hat sie sich überraschend krank gemeldet, Kampes müssen umdisponieren. „Da muss man immer flexibel sein“, sagt Mario, während er die erste Kiste in einen kleinen Stall bringt, wo er die Blätter mit einem Wasserstrahl von Erdresten befreit.

Mario Kampe bei der Salaternte in Barrien.

Während Julia und zwei Mitarbeiterinnen im benachbarten Hofladen mit den ersten Kunden bereits alle Hände voll zu tun haben, erntet Mario Babyspinat, Asia-Salat und Postelein frisch vom Feld. Dabei erzählt er von der Geschichte des Hofs und welche Bedeutung der Boden in der ökologischen Landwirtschaft hat. Minutenlang erzählt Mario, wie er unter den strengen Bioland-Richtlinien eine gute Bodenqualität erreicht. Am Ende sagt er: „Wenn der Boden nicht stimmt, kann man alles vergessen.“

Dann zeigt der Gemüsegärtner einen großen Acker neben den Folienhäusern, auf dem viele kleine, grüne Bäume stehen. Eigentlich kommt Grünkohl mit dem lehmigen Boden im Landkreis Diepholz nicht gut zurecht. Er habe lange rumprobieren müssen, bis er die richtige Sorte gefunden habe, erklärt Mario. Dafür hat er jetzt gewissermaßen eine „Barrier Palme“ im Angebot.

Kampes fahren unterschiedliche Wochenmärkte an

Als er schließlich die letzte Kiste ernten will, blickt er nach oben auf die schwankenden Wipfel der umliegenden Bäume. „Der Wind ist unser Feind“, sagt Mario und denkt dabei an seinen Stand auf dem Wochenmarkt in Bruchhausen-Vilsen, den er nachher noch aufbauen wird.

Um 5 Uhr morgens sind in der Glockenstraße in Syke-Barrien noch nicht sonderlich viele auf den Beinen. Neben dem schwarzen Kater Aris, der wie ein Schatten über den Hof schleicht, ist da nur der Mann, der im Schein einiger Leuchtstoffröhren Kisten belädt und mit lautem Klappern aufeinanderstapelt. Mario ist wie jeden Samstag um halb 4 aufgestanden. Julia sagt später, dass sie ihn dafür bewundert, dass er immer so früh wach ist und trotzdem gute Laune hat.

Um 8 Uhr muss der Marktstand verkaufsfertig sein

Als wäre er schon stundenlang wach, sagt Mario, dass sie um 8 Uhr verkaufsfertig auf dem Kirchweyher Marktplatz stehen müssen. Währenddessen packt er neben zahlreichen Gemüsesorten auch den Rotkohl auf einen Trolley. Gerade als er erzählt, warum seine Familie auf dem Wochenmarkt verkauft, unterbricht er sich plötzlich und verlässt die Halle. Wie jeden Samstag geht er die Treppe in die Wohnung nach oben, um seine Tochter Johanna zu wecken und Kaffee für das Marktteam aufzusetzen.

Kurz darauf kommt auch sie in die Halle – und aus der Finsternis treten zwei weitere Frauen durchs Scheunentor. Louise ist die Tochter der angestellten Gärtnerin, Birgit ist ganz neu im Team und vor Kurzem von einer Kundin zur Mitarbeiterin geworden.

Während Mario schon einige Trolleys mit Gemüse beladen hat, kümmern sich die drei Frauen um den letzten. „Der sechste Trolley ist essenziell, um den Marktablauf zu gewährleisten“, so Mario. Auf ihn kommen neben der Kasse auch die Kisten mit den Brötchen- und Broten. Johanna, Louise und Birgit packen die Vorbestellungen ein, bevor es mit einem großen Marktanhänger, einem vollgepackten Sprinter und einem Caddy Richtung Kirchweyhe geht.

Um 7 Uhr ist der Platz im Herzen Kirchweyhes noch größtenteils verwaist. Einzelne Händler schlagen im Halbdunkeln ihre Planen zurück. An Kampes Stand beginnt jetzt das, was Mario eine „gewisse Choreografie“ nennt. Innerhalb von 60 Minuten füllt sich das kleine Zelt mit Licht, Wärme, Obst und Gemüse. Um 8 Uhr müssen Mario und die drei Frauen nur noch einige Schilder an den Kisten anbringen. Um 8.04 Uhr kommt der Mann in der roten Jacke um die Ecke.

Wie Gemüse vom Bio-Hof Kampe an den Marktstand kommt

Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 1: Julia Kampe hat sich einen sogenannten Trolley geholt und geht im Bremer Bio-Großhandel Naturkostkontor auf „Shoppingtour“. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 1: Eigentlich hat Julia Kampe ihre Einkäufe im Kopf. Zur Sicherheit hakt sie die einzelnen Gemüse- und Obstsorten aber auf ihrer Einkaufsliste ab. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 1: Ein Großteil des frischen Gemüses wird im Naturkostkontor in einem langen, schlauchförmigen Kühlraum gelagert. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 1: Was den Großhandel vom Biomarkt um die Ecke unterscheidet: Die Produkte stehen allesamt in rauen Mengen zum Verkauf. © L uka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 2: Am Freitagvormittag herrscht im Hofladen bei Kampes schon reger Betrieb. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 2: Viele der angebotenen Salate und Gemüsesorten stammen aus den Folienhäusern hinter dem Haus. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 2: Während Julia Kampe im Hofladen am Verkaufstresen steht, ist ihr Mann Mario hinter dem Haus mit der Ernte beschäftigt. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 2: Mario Kampe erntet an diesem Vormittag Baby-Blattspinat, Asia-Salat und Postelein. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 3: Der Samstag beginnt auf dem Hof Kampe früh. Bereits um 5 Uhr morgens steht Mario in der Lagerhalle und sortiert das Gemüse für den Wochenmarkt. Anpfiff dort: 8 Uhr. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 3:  Die Mitarbeiterinnen Luise (l.) und Birgit schauen sich die Brot- und Brötchenvorbestellungen des Tages an und packen die dementsprechend die Kisten voll. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 3: Auf dem Kirchweyher Marktplatz angekommen, muss alles ganz schnell gehen. Innerhalb von nicht mal einer Stunde ist der komplette Marktstand samt Sortiment aufgebaut. © Luka Spahr
Bio-Hof Kampe aus Syke-Barrien
Tag 3: Es ist gerade einmal 4 Minuten nach Marktbeginn, als schon der erste Kunde durch die Zeltplane ins mittlerweile warme Innerere des Marktstands tritt. Innerhalb kürzester Zeit füllt sich das Marktzelt vom Biohof Kampe. © Luka Spahr

Es wird an diesem Tag etwa 14.30 Uhr sein, wenn Mario wieder in der Halle steht und die Überbleibsel des Kirchweyher Wochenmarktes sortiert. Es müssen Vorbereitungen für die kommende Woche getroffen werden. Nach dem Markt ist vor dem Markt.

Infos: Die Geschichte des Bio-Hofs Kampe

Mario Kampe ist als ursprünglicher Wiesbadener eigentlich ein Städter. Schon nach dem Abitur zog es ihn jedoch raus auf’s Land und er begann nach dem Studium der Agrarwirtschaft auf einem Demeter-Betrieb bei Hamburg zu arbeiten. Dort lernte er die Praktikantin Julia kennen, deren Eltern einen Milchviehbetrieb in Barrien hatten und die zu diesem Zeitpunkt Agrarökologie studierte. Einige Zeit später kam schließlich Johanna zur Welt und die beiden mussten sich beruflich umstellen. Es war genau in diesem Moment, als Julias Eltern sie fragten, wie es mit dem Hof weitergehen solle. 

1996 mussten sie den Milchviehbetrieb einstellen und hatten viele Flächen verpachtet. Jetzt stand zur Debatte, ob die alten Scheunen abgerissen werden sollten. Dann trafen Mario und Julia 2002 die Entscheidung, die sich fundamental auf ihr Leben auswirken sollte. Sie fingen einfach ins Blaue hinein mit ihrem Biohof an. Weder waren sie ausgebildete Gärtner noch Kaufleute. 

Aber es war eine „Betriebsgründung mit angezogener Handbremse“, wie Mario heute sagt. Denn: Auf Johanna (heute 18), folgten Finn (15) und später Antonia (11). Es war also eine Familien- und Betriebsgründung in einem. Unterstützt durch Julias Eltern konnten die beiden schnell viele Kunden gewinnen und den alten Hof wieder zum Leben erwecken.

Angemerkt: Work-/Life-Balance - Gegen den Strom

Als mein Kollege mir diese Geschichte über den Bio-Hof Kampe und seinen Markstand vorschlug, war ich sofort begeistert. Ökologische Landwirtschaft und das Landleben waren mir nicht fremd. Ich besuchte Mario, Julia, Johanna und die Mitarbeiter an drei aufeinanderfolgenden Tagen und fühlte mich in meinen Vorstellungen bestätigt: Der persönliche Umgang, die frischen Waren – so hatte ich es mir vorgestellt. 

Eine Sache jedoch lernte ich dazu. Neben der obersten Maxime auf dem Hof, dass alles einem bestimmten System folgt („Weil man sonst untergeht.“), erklärte mir Mario die Verflechtungen des Familienlebens mit der Arbeit auf dem Hof und das ganzheitliche Modell und die Lebensform dahinter. Dafür habe ich große Bewunderung. 

Während gerade in den Medien ständig eine Debatte um die „richtige“ Work-/Life-Balance tobt, schwimmen Kampes gegen den Strom und haben wie viele Familien mit einem landwirtschaftlichen Betrieb ihr eigenes Lebensmodell gefunden. Es ist geradezu erfrischend, hier einmal über den eigenen Tellerrand zu schauen. Zum Abschied sagte ich zu Julia: Hätte ich mehr Zeit, würde ich sofort bei euch aushelfen. Es wäre sicher eine spannende Abwechslung. Auf dem Wochenmarkt ticken die Uhren anders.

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