Knapp 600 Euro für Auslandsgespräche

Hacker haben es auf Syker Senior abgesehen: Bundesnetzagentur schreitet ein

Russland, die Philippinen, Marokko, Kamerun, Panama, Südafrika, Südafrika und noch mal Südafrika: Wenn man seinem Einzelverbindungsnachweis glaubt, ist Gerhard Wehdeking ein international erstklassig vernetzter Mann.

Ristedt – Mehrmals täglich telefoniert er in die weite Welt. Nachts. Und mit zwei bis vier Teilnehmern gleichzeitig. Wenn man – wie gesagt – seinem Einzelverbindungsnachweis glaubt. Denn tatsächlich hat der 73-Jährige diese ganzen Gespräche nie geführt. Gerhard Wehdeking ist vielmehr Opfer eines Cyber-Angriffs geworden. Ende Oktober ist ihm das aufgefallen. Und bis kurz vor Weihnachten schlug er sich deswegen mit seinem Telefonanbieter rum. „Bekannte haben mich angesprochen: Du bist ja gar nicht mehr zu erreichen“, erzählt er. „Ich hab mich dann selber vom Handy aus angerufen. Und tatsächlich war die Leitung tot.“

StadtSyke
Vorwahl04242
BürgermeisterinSuse Laue
Postleitzahl 28857

Ein Anruf bei seinem Anbieter brachte die Ferndiagnose: Da ist eine Rufumleitung eingerichtet. Die wurde dann rausgenommen, und damit wähnte Wehdeking das Problem erledigt. Bis die nächste Rechnung kam. „Fast 600 Euro für Auslandsgespräche sollte ich bezahlen“, erzählt Wehdeking. Laut Verbindungsnachweis seines Anbieters zustande gekommen innerhalb von acht Stunden in nur einer Nacht. „Das kann ein einzelner Mensch gar nicht vertelefoniert haben.“

Hacker-Angriff: Gerhard Wehdeking erstattet Anzeige bei der Polizei

Sein Widerspruch verhallte wirkungslos: Der Anbieter blieb bei seiner Forderung, obwohl auch er nicht erklären konnte, wie Wehdeking mehrfach während eines Gesprächs eine zweite und dritte Verbindung aufbauen, eine davon wieder trennen und eine vierte aufbauen konnte, während das erste und zweite Gespräch noch liefen. Denn genau so ging es aus dem Verbindungsnachweis des Anbieters hervor.

Der Ristedter erstattete Anzeige bei der Polizei, fühlte sich dort aber alleingelassen. „Die wussten gar nicht, was ich von ihnen wollte.“ Auch bei der Kreisverwaltung in Diepholz sei man zwar sehr nett zu ihm gewesen, helfen können hätte ihm da aber auch niemand.

Gerhard Wehdeking studiert seine Verbindungsnachweise: Laut seinem Telefonanbieter muss er ein Multitasking-Genie sein. Denn dann würde er regelmäßig zwei bis vier Auslandstelefonate gleichzeitig führen.

Cyber-Angriff in Syke: Bundesnetzagentur schildert ähnliche Vorfälle

Im Internet fand Wehdeking heraus: Die Bundesnetzagentur hatte bereits ähnliche Vorfälle geschildert. Er nahm Kontakt auf. „Meine Beschwerde wurde sofort aufgenommen. Einen Tag später bekam ich eine erste Mail mit Fragen und der Bitte um Unterlagen. Und innerhalb einer Woche erhielt ich Nachricht: Die Bundesnetzagentur hat meinem Anbieter ein Inkasso- und Rechnungslegungsverbot auferlegt. Das war für mich erst mal eine Perspektive.“ Von seinem Anbieter bekam Wehdeking daraufhin ebenfalls Nachricht: „Jetzt sollte ich nur noch 90 Euro zahlen.“ Wehdeking teilte das der Bundesnetzagentur mit, und kurz darauf bekam er von seinem Telefonanbieter eine schriftliche Entschuldigung: Es habe sich um ein Versehen gehandelt. „Das fand ich erst mal gut. Die hätten sich ja auch stur stellen können.“

Hacker-Angriff auf Syker: Aber was genau ist da jetzt eigentlich passiert?

Die Bundesnetzagentur spricht von „Hacking-Angriffen bei Endkunden“. Bei den Abläufen gebe es verschiedene Varianten. Die Verursacher können meist nicht ermittelt werden. „Gemeinsam ist diesen Varianten, dass sich jeweils ein unbekannter Dritter Zugang zum Router oder zur Telefonanlage verschafft und anschließend eine Vielzahl hochpreisiger Verbindungen, häufig zu ausländischen Nummern generiert“, erklärt Pressesprecher Michael Reifenberg.

Hier laufen alle Fäden zusammen: Telefon, WLAN und kabelgebundenes Internet. Und damit ist so ein Router auch ein potenzielles Ziel für Hacker-Angriffe. Vor allem, wenn es sich – wie hier – um ein älteres Modell handelt.

Wie das passiert sein kann, ist Gerhard Wehdeking völlig schleierhaft, obwohl er in dieser Hinsicht nicht ganz unbeleckt ist: Vor seiner Rente hatte er in Sittensen ein Elektronikunternehmen, das sich auf Sicherheitstechnik spezialisiert hat. „Ich bin extrem vorsichtig mit E-Mails und öffne grundsätzlich nichts, von dem ich den Absender nicht kenne. Ich kann mich auch an keine merkwürdigen Anrufe erinnern. Und über’s WLAN? Das reicht vielleicht 30 Meter rund ums Haus. Da müsste ja jemand schon gezielt hier bei mir auf dem Grundstück gewesen sein, um den Router zu manipulieren.“ Und damit hat er auch schon die drei prinzipiell möglichen „Ansteckungswege“ aufgezeigt.

„Die technischen Hintergründe können häufig nicht aufgeklärt werden“, gibt Michael Reifenberg zu. „Die Bundesnetzagentur reagiert in entsprechenden Fällen, in denen von Router- oder TK-Anlagen-Hacking ausgegangen wird, mit dem Erlass von Rechnungslegungs- und Inkassierungsverboten.“ Das schützt nicht nur den betroffenen Endkunden, sondern auch den Netzbetreiber. Denn die müssen dann nicht die Rechnungsbeträge an die ausländischen Zusammenschaltungspartner zahlen.

Ristedter ist nun Fan der Bundesnetzagentur

„Ziel der Bundesnetzagentur ist es, mittels dieser Verbote die Zahlungsflüsse zu unterbrechen und dadurch den Missbrauch wirtschaftlich unattraktiv zu machen“, erklärt Reifenberg. „Inzwischen werden solche Fälle zu einem nicht unwesentlichen Teil von den Netzbetreibern oder Telefonanbietern selbst gemeldet. Im Idealfall erhalten Verbraucher dann schon keine erhöhte Rechnung.“

Gerhard Wehdeking ist seitdem Fan der Bundesnetzagentur. „Ohne die wäre ich aufgeschmissen gewesen. Und dass die als Behörde so schnell arbeiten, hat mich überrascht.“ Er ist froh, dass er diesen Hacker-Angriff so glimpflich überstanden hat. „Stellen’se sich doch mal vor, ich wäre jetzt ‘ne alte Frau gewesen. Die steht doch völlig auf dem Schlauch und bezahlt, weil sie Angst hat, dass ihr sonst das Telefon gesperrt wird!“

Weitere Infos unter www.bundesnetzagentur.de/Massnahmenliste

Rubriklistenbild: © Michael Walter

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