Nachfolger führt Praxis fort

Orthopäde Fred Opata geht in den Ruhestand und zurück nach Afrika

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Freitag ist Schluss für Fred Opata und seine rechte Hand Birgit Kellmann, die vom ersten Tag an seine Praxis geleitet hat.

Syke - Von Michael Walter. Ausgerechnet jetzt! Mehr als 25 Jahre lang hat Fred Opata als Orthopäde seine Patienten in Syke bei Gelenk- und Rückenschmerzen behandelt. Ende dieser Woche schließt er die Praxis an der Hauptstraße und geht in Rente. Und ausgerechnet in dieser letzten Arbeitswoche schleicht er mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht ganz vorsichtig über den Flur. Beinahe entschuldigend sagt er nur das eine Wort: „Bandscheibe!“

Am 11. Februar 1954 wurde Fred Lartey Opata in der ghanaischen Hauptstadt Accra geboren. „Mein Dad hat mich Fred genannt, nach Friedrich dem Großen – auf Englisch: Frederick“, erzählt er. „Dad war Militärhistoriker und von Friedrich fasziniert. Und bei uns zu Hause herrschte auch preußische Ordnung“, sagt er lachend.

Im Winter 1983 kam Opata ins damals noch geteilte Berlin. Beim Medizinstudium in der Sowjetunion hatte er eine Frau aus Weimar kennen- und liebengelernt und quasi vom Fleck weggeheiratet. Nach der Wende verschlug es beide in die norddeutsche Tiefebene: zuerst nach Hoya, dann nach Brinkum. Im April 1993 eröffnete Fred Opata seine Praxis in Syke. Ein Jahr zuvor hatte er die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. „Sonst hätte ich auch meine Zulassung gar nicht bekommen“, sagt er.

„Viele hatten Tränen in den Augen“

Mehr als ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her. Und Freitag ist sein letzter Arbeitstag. „Die Zeit geht so schnell...!“ Seine Patienten wissen es schon länger. Die Reaktionen haben Fred Opata trotzdem überrascht. „Viele hatten Tränen in den Augen, als ich es ihnen gesagt habe. Das hatte ich nicht erwartet.“

Vielleicht liegt das auch daran, dass es für die meisten wahrscheinlich ein Abschied für immer sein wird. Denn „Doktor Fred“, wie ihn viele seiner Patienten liebevoll nennen, geht zurück nach Afrika. Konkret: nach Gambia, etwa 2.500 Kilometer westlich seiner Geburtsstadt. Sein Plan: In Gambia und den beiden Nachbarländern Senegal und Guinea-Bissau als wandernder Doktor eine mobile Praxis betreiben.

„Vor vier Jahren war ich das erste Mal in Gambia“, erzählt Fred Opata. „Durch Zufall habe ich dort zwei Kollegen wiedergetroffen, mit denen ich in Russland zusammen studiert hatte. Mit der Zeit habe ich erkannt, welche Probleme sie dort haben.“ Die Kurzform lautet: viel zu wenig Orthopäden, kaum Behandlungsmöglichkeiten außerhalb der großen Städte und so gut wie keine Möglichkeiten für Operationen. „Und da habe ich mir gesagt: Hier zu sitzen und nichts zu tun, wäre eine Verschwendung von Ressourcen.“ Opata ist überzeugt: Er kann noch helfen. Und er ist ebenso überzeugt: Diese Hilfe wird gebraucht. Und nicht nur in Gambia. „Im Südsenegal gibt es eine Gesundheitsstation des Arbeiter-Samariter-Bunds, mit der ich Kontakt habe. Die brauchen dringend Unterstützung.“

„Die Praxis ist mein Lebenswerk“

Für den 64-Jährigen ist klar: Das kann man nicht mal eben schnell in vier Wochen machen. Die Konsequenz für ihn heißt, Deutschland zu verlassen. Wann das sein wird, steht noch nicht fest. „Jetzt mache ich erstmal Urlaub in Ghana und komme danach nochmal zurück“, sagt er. „Wann ich endgültig gehe, hängt davon ab, was ich alles an Equipment brauche und wie schnell ich das besorgen kann.“

Beim Gedanken an den Abschied kommen Doktor Fred die Emotionen hoch. „Das fällt schon sehr schwer“, sagt er. „Alle meine Freunde sind hier in Deutschland. Und diese Praxis ist mein Lebenswerk. Ich hab die Wände selbst mit hochgezogen. Ich bin immer gern hierher gekommen und habe mich immer auf die Arbeit gefreut. Es ist sehr schwer, sowas aufzugeben. Aber die Zeit ruft, und ich kann nicht einfach still sitzen, meine Rente genießen und nichts tun.“

Opata hätte allerdings noch eine ganz andere Möglichkeit: Er könnte in Ghana König werden. „Mein Großvater war König der Shai. Das ist ein Stamm im Süden des Landes. Etwa 500.000 bis eine Million Menschen, so genau weiß ich das gar nicht. Seine älteste Tochter war meine Mutter. Der Titel ging auf ihren Mann über, und als mein Vater 1999 starb, auf mich“, erzählt er. „Ich habe den Titel damals abgelehnt, weil ich da schon lange meine Praxis hatte und nicht auf zwei Hochzeiten tanzen wollte. Seitdem ist der Titel vakant. Solange ich lebe, darf kein neuer König gewählt werden.“ Also könnte Fred Opata den Titel doch jetzt noch annehmen. „Will ich aber gar nicht“, sagt er lächelnd.

Für seine Patienten ist übrigens gesorgt: Es gibt einen Nachfolger. Fawad Faqiri übernimmt die Orthopädie-Praxis mit Wirkung zum 1. Juli. Eröffnung ist – nach Umbau und Renovierung – am 16. Juli.

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