Den Kürzeren gezogen

Hausanschluss gesperrt: Syker kämpft mit der EWE um seine alte Heizung

Manfred Nagel zeigt den Aufkleber auf seiner Gasuhr, der auf den gesperrten Hausanschluss hinweist.
+
Manfred Nagel zeigt den Aufkleber auf seiner Gasuhr, der auf den gesperrten Hausanschluss hinweist.

In der Region erfolgt bald die Energieversorgung von L-Gas auf H-Gas. Kein Problem für den Syker Manfred Nagel. Das sieht sein Versorger EWE allerdings ganz anders.

Syke – Manfred Nagel versteht die Welt nicht mehr: Seit einem halben Jahr streitet er mit dem Gasversorger EWE über seine Zentralheizung und hat dabei den Kürzeren gezogen. Die EWE hat ihm den Hausanschluss gesperrt. Der Rentner und seine pflegebedürftige Frau haben weder Heizung noch Warmwasser. Und auch nicht der Sohn, der in seinem eigenen Haushalt im gleichen Haus lebt. Es geht um die Umstellung von L-Gas auf H-Gas.

Diese beiden Gas-Sorten gibt es im Prinzip schon immer. Sie sind im Grunde gleich, haben aber einen unterschiedlich hohen Brennwert. L steht für „low“ und H steht für „high“. Bezirksschornsteinfegermeister Jörg Webel erklärt: „Hier bei uns haben wir bisher L-Gas aus Norwegen bekommen. Jetzt bekommen wir H-Gas aus Russland. Und weil das einen höheren Brennwert hat, müssen die Heizungen umgestellt werden.“

Den Auftrag dazu hat in großen Teilen Nordwestdeutschlands die EWE vom Bund bekommen. Das Unternehmen ist in Syke darüber hinaus auch der sogenannte Grundversorger und damit dafür verantwortlich, dass das Gas auch sicher und zuverlässig beim Kunden ankommt – egal von welchem Anbieter der es bezieht.

Manfred Nagel und das Corpus Delicti: Seine Zentralheizung ist laut Aussage des Grundversorgers EWE nicht auf H-Gas anpassbar.

Laut Aussage der EWE hat Manfred Nagel das Pech, dass seine Zentralheizung zu den noch nicht mal zwei Prozent aller Geräte gehört, die sich technisch nicht auf H-Gas anpassen lassen. Und das könnte gefährlich werden: Sollte ein für L-Gas eingestelltes Gerät mit H-Gas befeuert werden, könnte unter Umständen das Atemgift Kohlenmonoxid austreten. Daher müsse Manfred Nagel wohl eine neue Heizung einbauen lassen.

Das sieht Manfred Nagel aber ganz anders. Erstens, weil er eine neue Zentralheizung nicht mal eben so aus der Portokassse bezahlen kann. Und zweitens, weil sowohl ein Schild des Herstellers an seiner Heizung als auch die Betriebsanleitung eindeutig sagen, dass seine Heizung schon ab Werk für beide Gas-Sorten geeignet ist. „Man muss da nicht mal irgendwelche Düsen tauschen“, sagt Nagel und verweist auf die entsprechende Stelle in der originalen Betriebsanleitung, die er sorgfältig aufbewahrt hat.

Das Herstellerschild hat zwar die Patina von 40 Jahren, weist aber eindeutig aus: Diese Zentralheizung ist sowohl für L- als auch für H-Gas geeignet.

Daraus geht tatsächlich hervor: Stellt man von der einen Gas-Sorte auf die andere um, muss der Heizungsfachmann lediglich an einer Einstellschraube am Brenner die durchfließende Gas-Menge rauf- oder runterregeln. „Das versuche ich denen von der EWE ja schon seit Monaten zu erklären. Aber die hören mir ja nicht mal zu.“

Die EWE sagt dazu: „Grundlage für alle Arbeiten, die wir an Kundengeräten umsetzen, ist eine Datenbank, die vom Deutschen Verein des Gas- und Wasserfaches (DVGW) geführt wird. Hier hinterlegen insbesondere die Geräte-Hersteller Informationen über ihre Erdgasgeräte.“ Pressesprecher Jens Witthus weiter: „Laut der DVGW-Datenbank ist das Erdgasgerät von Herrn Nagel, Baujahr 1980, leider nicht mehr an H-Erdgas anpassbar. Aus Sicherheitsgründen für alle Hausbewohner halten wir uns an diese Vorgaben.“

Anleitung und DVGW-Datenbank mit unterschiedlichen Angaben

Die Preisfrage lautet also jetzt: Wieso steht dieses Gerät als „nicht mehr anpassbar“ in der alles entscheidenden Datenbank, wenn für die Anpassung nur buchstäblich an einer Stellschraube gedreht werden muss? – Genau weiß das selbst der DVGW nicht. Die Antwort von Pressesprecher Lars Wagner lautet lediglich: Weil das Gerät „seit vielen Jahren nicht mehr am Markt beziehbar ist“.

Das Wichtigste aus dem Landkreis Diepholz: Immer samstags um 7:30 Uhr in Ihr Mail-Postfach – jetzt kostenlos anmelden.

Richtig ist: Manfred Nagels Heizung wurde damals als Eigenmarke eines Großhändlers vertrieben, den es längst schon nicht mehr gibt. Eigenmarke heißt aber auch: Entweder lässt der Besitzer dieser Marke komplette Geräte von anderen Herstellern fertigen und baut dann sozusagen nur noch sein eigenes Gehäuse drumherum, oder er kauft auf dem freien Markt einzelne Komponenten und baut sie dann zu eigenen Geräten zusammen. So war das auch bei Manfred Nagels Heizung. „Der Brenner kommt vom Hersteller Honeywell, und der wird heute noch unverändert gebaut“, hat er inzwischen herausgefunden.

„Einregulieren auf H-Gas nach etwa 20 Jahren kann zu mechanischen Störungen führen“

Das ist für den DVGW allerdings kein Argument. Für den Verein ist entscheidend, dass der Anbieter vom Markt verschwunden ist und darüber hinaus diese Heizung mittlerweile 40 Jahre Betriebszeit auf dem Buckel hat. „Ein Einregulieren auf H-Gas nach etwa 20 Jahren kann zu mechanischen Störungen führen. Zum Beispiel durch poröses Material“, sagt Sprecher Lars Wagner. „Ein Austausch-Regler wäre beim Hersteller nicht zu bekommen.“ Denn der ist ja vom Markt verschwunden.

Der DVGW bleibt also bei seiner Einstufung. Und für die EWE ist und bleibt die Empfehlung des DVGW die Bibel.

Manfred Nagel bleiben damit nur noch drei Möglichkeiten. Erstens: Er besorgt sich eine neue Gasheizung. Das will er aber nicht.

Zweitens: Er kann seine Heizung in Eigenverantwortung umstellen. Dazu muss er sich einen Fachhändler suchen, der ihm mit Brief und Siegel bestätigt, dass seine Anlage mit H-Gas befeuert werden kann. Die EWE hatte Manfred Nagel das schon im April angeboten und würde das sogar bezahlen.

Umstieg auf neuen Energieträger – gänzlich fort vom Gas – ist eine Option

Nagel hat auch schon versucht, dafür einen Fachbetrieb zu finden. Aber bisher ohne Erfolg. „Die wollen mir alle nur für 5000 Euro eine neue Heizung verkaufen“, argwöhnt er. Vielleicht scheuen die Fachbetriebe aber auch bloß das Risiko. Denn sie würden in dem Fall auch die Verantwortung für die Sicherheit der Anlage übernehmen – und unter Umständen dafür haften, falls doch etwas passiert.

Dritte Möglichkeit: Manfred Nagel steigt auf einen anderen Energieträger um. Der Gedanke ist ihm sympathisch. „Es gibt mittlerweile ganz tolle strombetriebene Heizungen.“

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Weitere Impfteams im Kreis Diepholz kurz vor dem Start

Weitere Impfteams im Kreis Diepholz kurz vor dem Start

Weitere Impfteams im Kreis Diepholz kurz vor dem Start
Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte

Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte

Blitzer im Landkreis Diepholz: Dies sind die aktuellen Standorte
Corona-Testzentrum in Brinkum: Neustart für Abstrich durch die Autoscheibe

Corona-Testzentrum in Brinkum: Neustart für Abstrich durch die Autoscheibe

Corona-Testzentrum in Brinkum: Neustart für Abstrich durch die Autoscheibe
Waldgebiet des Jahres 2022: Auszeichnung für Erdmannwälder bei Bassum

Waldgebiet des Jahres 2022: Auszeichnung für Erdmannwälder bei Bassum

Waldgebiet des Jahres 2022: Auszeichnung für Erdmannwälder bei Bassum

Kommentare