Erinnerung ist Friedensarbeit

75 Jahre danach gedenken Amerikaner und Deutsche einer Episode aus dem Krieg

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Joni Moran-Peterson trägt sich ins Goldene Buch der Stadt ein.

Syke - Von Michael Walter. Am 29. November 1943 hatte Eugene Moran seinen zweiten Geburtstag: Wie durch ein Wunder überlebte der damals 19-Jährige ohne Fallschirm den Absturz seines Flugzeugs, einer amerikanischen B 17, die bei einem Bombenangriff auf Bremen abgeschossen wurde und über Syke auseinanderbrach. Von den zehn Crew-Mitgliedern überlebte außer Moran nur noch der Navigator Jessy Orrison. Jetzt, genau 75 Jahre später, besuchten Angehörige beider Familien und von zwei weiteren bei dem Absturz getöteten US-Soldaten die Absturzstelle im Syker Friedeholz und enthüllten eine Gedenktafel.

Möglich gemacht haben das die Stadt Syke, der Kreisheimatbund und vor allem der Journalist Ulf Kaack, der gemeinsam mit dem Heimatforscher Jürgen Kuhlmann den Luftkrieg über Bremen dokumentiert und in einem Buch verarbeitet hat. Über seine Recherchen war Kaack mit den Nachkommen der beiden Überlebenden in Kontakt gekommen.

Jessy Orrisons Sohn Wayne ist heute 72 und somit ein Nachkriegskind. „Ich wusste zwar, dass mein Vater im Krieg mal abgeschossen wurde und in Gefangenschaft war“, sagt er im Gespräch mit der Kreiszeitung. „Aber er hat nicht viel darüber erzählt – nie. Das meiste habe ich damals so nebenbei mitbekommen. Eugen Moran und mein Vater waren sehr eng befreundet. Die beiden standen sich näher als Brüder wegen dieser Geschichte damals, und unsere Familien hatten immer sehr engen Kontakt.“

Wayne Orrison (l.) enthüllt die Gedenktafel im Friedeholz, dicht an der Stelle, wo auf den Tag genau vor 75 Jahren sein Vater nach dem Abschuss seines Flugzeugs an einem Fallschirm in einer Buche hing. 

In Deutschland ist Wayne Orrison an diesem Tag zum ersten Mal. An der Stelle zu stehen, an der sein Vater damals am Fallschirm in einer Buche hing, ist für ihn schon eine ziemlich seltsame Situation. „Overwhelming“ beschreibt er seine Gefühlslage. Überwältigend im Sinne von erschütternd.

Kurz und gefasst sind seine Worte bei der Enthüllung der Gedenktafel. „Eine sagenhafte Erfahrung“ sei das für ihn und seine Familie. „Ich hoffe, wir alle lernen etwas aus der Vergangenheit.“ Er selbst erlebe diesen Moment mit Demut.

Etwa 500 Meter weiter im Wald hatten sich eine halbe Stunde zuvor sehr emotionale Momente abgespielt, als die 24 Angehörigen der Familien die Stelle besichtigten, an der damals Eugene Moran mit dem Heck des Bombers im Friedeholz aufgeschlagen war. „Da flossen Tränen“, beschreibt Ulf Kaack.

Bremens Ex-Bürgermeister Henning Scherf erlebte den Bombenangriff vom 29. November 1943 als Fünfjähriger im Luftschutzbunker. „Der Krieg war damals der einzige Weg, die Naziherrschaft zu beenden“, sagte er gestern beim anschließenden Empfang im Syker Ratssaal. „Mein eigenes Leben wäre völlig anders verlaufen, wenn die Nazi-Diktatur angedauert hätte. Und dafür danke ich Ihnen“, sagte er an die Angehörigen der Besatzungsmitglieder gewandt. „Denen, die überlebt haben, und denen, die gefallen sind.“

Dass sich nun Angehörige beider damals Krieg führender Nationen friedlich gemeinsam der Ereignisse vor 75 Jahren erinnern, halte er für eine der größten Errungenschaften der Nachkriegszeit, so Scherf. „Erinnerungsarbeit ist Friedensarbeit“ schloss er seine Ansprache, und lag damit exakt auf einer Linie mit Eugene Morans Tochter Joni Moran-Peterson, die in ihrem Grußwort die praktisch gleiche Formulierung benutzt hatte.

Die beiden US-amerikanischen Familien trugen sich im Anschluss in das Goldene Buch der Stadt ein. Heute setzen sie ihr Besichtigungsprogramm in und um Syke und Bremen fort, morgen fliegen sie zurück in die USA.

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