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Syke hat ein Hilfskrankenhaus unter den BBS – behandelt wurde dort nie jemand

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Von: Anke Seidel

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Die Angst vor Corona und fehlenden Behandlungsbetten hat es in Erinnerung gerufen: Das Hilfskrankenhaus unter der BBS Europaschule Syke ist im Kalten Krieg gebaut worden.

Auf 3500 Quadratmetern bot es Behandlungsmöglichkeiten für 531 Patienten – betreut von 150 Pflegekräften und Ärzten. Drei Operationssäle standen unter der Erde bereit. Doch niemand ist dort jemals behandelt worden. Zum Glück: Die schlimmsten Befürchtungen des Kalten Krieges sind nicht eingetreten. Mittlerweile sind die doppelstöckigen Eisenbetten und die medizinische Ausstattung verschwunden. Nur einzelne Stücke erinnern noch daran, wie die Opfer dort hätten leben – ausharren – müssen nach einem Atomschlag. 14 Tage, schätzen Fachleute, wäre das möglich gewesen.

Gespenstische Stimmung im Krankenhaus unter den BBS Syke

Gespenstisch ist die Stimmung in dieser Unterwelt. BBS-Direktor Horst Burghardt, an diesem Tag mit seinem Stellvertreter Bernhard Zahn, Hausmeister Peter Göbel und mir auf einem Rundgang, zeigt auf einen Zählerwert in der Steuerzentrale: „Das System ist insgesamt 239 Stunden gelaufen.“ Die Leistungsdaten von Stromaggregaten, Luft- und Abluftsystemen, Filteranlagen und mehr laufen hier zusammen. Einst regelmäßig und peinlichst genau überprüft von einem Kontrolleur. Ausschließlich für diese Aufgabe war er vom Land eingesetzt.

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Die Zimmereinrichtung © Seidel

480 Krankenhausbetten prägten damals diese strahlen- und trümmergeschützte Unterwelt – plus 25 Spezial- und 26 Kinderbetten. Dazu die 150 für das Personal. Jeweils zehn – doppelstöckig und aus weißem Metall – standen in einem Patientenzimmer. Eines hat die Zeit überdauert, ebenso eine graue Filzdecke mit der Aufschrift „Bundeseigentum“ und ein Metallschrank, in dem noch hölzerne Kleiderbügel hängen.

Diese Relikte lassen erahnen, wie es damals gewesen sein muss – auch im Sanitärtrakt: Toiletten in gerader Reihe. In einzelnen Kabinen hängt noch Papier. Dann Waschbecken und Duschen in Reih und Glied, dunkelgrau vom Staub.

Hilfskrankenhaus in Syke: Leuchtstreifen funktionieren noch

Durch schmale, kahle Gänge geht es in den Küchentrakt. Aus einzelnen Schränken lugt weißes Geschirr hervor: Tassen und Teller aus Melamin, alles Plastik. Und dann gibt es noch die großen Kellen zur Verteilung von Suppe. Sie wirken so neu, als hätte sie gerade jemand benutzt. Wasser wäre kein Problem gewesen. Darauf lassen große grüne Filteranlagen schließen. Sie sind mit einem eigenen Brunnen verbunden. Gegenüber stehen riesige Kohlefilter mit der Aufschrift 1965. Kilometerlange Rohre unter den niedrigen Decken münden in Ventile – offenbar von Hand steuerbar.

In Schulterhöhe hebt sich ein blasser Streifen von den Bunkerwänden ab. Hausmeister Peter Göbel blickt wissend und schaltet das Licht aus: Signalgrün leuchten die Streifen in der bleiernen Dunkelheit. „Die funktionieren immer noch“, blickt er auf die Leuchtstreifen, die den Menschen im schlimmsten Fall Orientierung hätten geben müssen.

Das Licht brennt wieder. Die Zeit hat Spuren in dem Bunker hinterlassen. Manche an den Wänden künden von eindringendem Oberflächenwasser. Plötzlich wird es heller: Wir haben den Ausgang erreicht – und sind zurück in der Zeit.

Info: Hilfskrankenhaus in Syke

Das Hilfskrankenhaus in Syke ist Geschichte, eine Reaktivierung nicht möglich. Und selbst in Corona-Zeiten nicht notwendig: „Wir haben drei Krankenhäuser und zwei Drittel der Betten stehen leer“, bilanziert Landrat Cord Bockhop. Die Zahl der Neuinfektionen sinkt. Dass Gesundheitsminister Jens Spahn jetzt wieder planbare Operationen zulassen wolle, begrüßt Landrat Bockhop. Trotzdem wolle man mindestens noch ein Jahr Betten für Coronafälle freihalten.

Scheinbar endlos ziehen sich schmale Gänge durch den 3 500 Quadratmeter großen Klinikbunker.
Scheinbar endlos ziehen sich schmale Gänge durch den 3500 Quadratmeter großen Klinikbunker.

Im Übrigen halte sich der Landkreis streng an die Weisung des Landes, im Notfall vor Einrichtung von Behelfskrankenhäusern – zum Beispiel in Turnhallen – die Betten umliegender Rehabilitationskliniken zu nutzen. Zurzeit aber ist nur ein Bruchteil der Corona-Intensivbetten der Kliniken des Landkreises Diepholz belegt. Gleichwohl hat der Landkreis weitere Optionen geprüft. So könnte bei einer großen Infektionswelle das DRK Betten zur Verfügung stellen. Zum Glück scheine das aber nicht erforderlich zu sein.

„Nur ein Fundament“: Bunkertrakt heute Lagerraum 

22 Hilfskrankenhäuser gab es vor einem halben Jahrhundert in Niedersachsen. Das in Syke hatte die Bundesregierung mit 700.000 D-Mark gefördert, weil es mehr als 600 Betten hatte. Es war der höchstmögliche Betrag. Das Zivilschutzgesetz von 1958 hatte den Weg für den Bau dieser Schutzanlagen geebnet. Mischa Flaspöhler, Leiter des Landkreis-Fachdienstes Liegenschaften, hat den Bauplan für das Syker Hilfskrankenhauses aus dem Jahr 1969 noch vorliegen. Er hat erst vor wenigen Monaten geprüft, ob dort das Kreisarchiv eingerichtet werden könnte. Weil sie sich Temperatur in dem Bunkerbau steuern lässt, wäre die Lagerung der Akten gut möglich gewesen. „Aber wir konnten keine Räume für Mitarbeiter und Besucher schaffen“, sagt Flaspöhler. Denn auf dem Gelände der BBS-Europaschule wäre kein Platz für einen oberirdischen Ergänzungsbau gewesen. Deshalb wird nun in Diepholz ein Neubau für das Kreisarchiv errichtet.

Hilfskrankenhaus in Syke wurde 1969 gebaut

Bis 1997 war das Hilfskrankenhaus in Syke gesetzlich gesichert und musste dementsprechend auf Funktionstüchtigkeit kontrolliert werden. Dann verabschiedete der Bundestag ein neues Zivilschutzgesetz, die Hilfskrankenhäuser wurden entwidmet. Heute gehört der Bau dem Landkreis Diepholz. Uwe Meyer, Mitarbeiter der Gebäudewirtschaft des Landkreises, kennt sich gut aus mit der Syker Klinik unter Tage. „Das Hilfskrankenhaus ist 1969 gebaut worden“, bestätigt er. Die Inneneinrichtung sei 2004 von der Bundesregierung gespendet und nach Russland transportiert worden. Heute würden bestimmte Bereiche vom Amtsgericht, dem Jobcenter und der Stadt Syke als Lagerräume genutzt. Der Landkreis sieht keine weitere Verwendungsmöglichkeit: „Für uns ist das nur noch ein Fundament für die Berufsschule“, sagt Meyer.

Kommentar zum Thema

Damals wie heute: Alles für den Schutz des Lebens

Von Anke Seidel

Wie ein Fanal wirkt es, das Hilfskrankenhaus unter der BBS Europaschule Syke. Auch wenn nicht viel mehr geblieben ist als eine dunkle Bunkerwelt und eine stark veraltete Technik: Diese Relikte beweisen noch heute, dass der Kalte Krieg und die lähmende Angst vor einem Atomschlag vor einem halben Jahrhundert bittere Realität waren. Aber wer hätte im Ernstfall überhaupt überlebt – und wenn: Welche Lebensperspektiven hätten die Menschen aus der medizinischen Unterwelt gehabt, selbst wenn sie genesen wären?

Für den Schutz der Bevölkerung hat die Regierung damals viel Geld ausgegeben. Gleichwohl hätte er nur für einen Bruchteil der Menschen gereicht: Auf 46 Niedersachsen kam damals ein Schutzplatz. Was für ein Gefühl muss es gewesen sein, einer militärischen Bedrohung so hilflos ausgeliefert zu sein?

Zum Glück ist das alles Geschichte. Auch wenn die Angst jetzt wieder den Alltag prägt – diesmal vor einem unsichtbaren Feind: Corona. Wie gut, dass jeder handeln und seinen Beitrag dazu leisten kann, das Virus zu besiegen: Einfach an die Schutzregeln halten! Damals wie heute die erste Pflicht: Alles für den Schutz des Lebens.

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