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Von Afrika nach Syke: Flüchtlingsgeschichte mit Happy End

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Von: Michael Walter

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Bakary Jarjo war 15, als er als unbegleiteter Flüchtling nach Syke kam. Ein Praktikum bei Könenkamp & Eickhoff war für beide Seiten ein Aha-Erlebnis. Inzwischen ist er volljährig und Azubi zur Fachkraft für Metalltechnik. Sein Ausbilder Hauke Kreynhop hält ebenso große Stücke auf ihn wie seine Kollegen.
Bakary Jarjo begeistert als Azubi zur Fachkraft für Metalltechnik seinen Ausbilder Hauke Kreynhop und weitere Kollegen. © Michael Walter

Es war keine leichte Zeit für ihn, aber er hat sich durchgekämpft: Bakary Jarjo als jugendlicher Flüchtling nach Syke. Nach einem Praktikum begeistert der junge Mann heute seine Chefs und Kollegen.

Syke – Ein ganz normaler junger Mann kommt durch die Tür. Zierlich, drahtig, mit geschmeidigen Bewegungen. Freundlich lächelnd, begrüßt er die anderen im Raum, besonders herzlich die beiden Frauen am entgegengesetzten Ende, die er länger schon nicht mehr gesehen hat. Man scherzt, macht ein bisschen Small Talk. Bakary Jarjo hat einen leisen, sanften Tonfall. Und einen hellwachen Blick. Wer den 18-Jährigen anschaut, würde kaum vermuten, dass er bereits mehr gesehen und erlebt hat als die meisten anderen Menschen in ihrem ganzen Leben.

Eine Reise von Tausenden Kilometern

Bakary Jarjo stammt aus Guinea-Bissau, einem Staat an der afrikanischen Westküste mit knapp zwei Millionen Einwohnern. Die ehemalige portugiesische Kolonie zählt zu den ärmsten Ländern der Erde. Als zehnjähriger Junge hat Bakary Jarjo seine Heimat verlassen und sich fünf Jahre lang bis an die nordafrikanische Mittelmeerküste durchgeschlagen. Ganz allein. Knapp 6000 Kilometer. Das entspricht ungefähr der Strecke von Syke bis nach Nowosibirsk. Und von Libyen aus ging es dann noch einmal 2500 Kilometer weiter bis nach Syke.

Wann und wo er geboren ist, weiß Bakary nicht. Sein Alter ist in Europa medizinisch errechnet worden. Seine Eltern hat er nie gesehen. „Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen“, erzählt er. „In einem kleinen Dorf mit 200 oder 300 Menschen. Als ich sieben oder acht war, ist ein Mann ins Haus gekommen und hat mich mitgenommen. Der hatte eine Firma. Da habe ich dann gearbeitet. Türen und Fenster haben wir gemacht und manchmal Balkone. Ich habe hauptsächlich geschweißt. 2015 ist mein Chef dann weggegangen. Der lebt jetzt in Bayern.“

Für Bakary war damit eine Zeit der relativen Sicherheit vorbei. „Niemand interessierte sich für mich“, erzählt er. „Alle, die ich kannte, sind nach Europa gegangen. Da bin ich dann schließlich auch weggegangen.“

Geldsparen für die Flucht

In Mauretanien ist Bakary länger hängen geblieben. „Ein Jahr lang habe ich da in einem Restaurant gearbeitet und viel Geld verdient. Mein Boss hat mir davon eine Fahrkarte nach Algerien gekauft. Da bin ich sogar anderthalb Jahre geblieben und habe in einer Fabrik gearbeitet, Geld verdient und gespart.“ Das Geld hat er in ein Ticket nach Libyen investiert, wo er nach etwa einem Monat einen Platz in einem der berüchtigten Flüchtlingsboote bekam. „Wir waren 130 Leute in einem kleinen Boot.“

Anders als so viele andere, die bei der Überfahrt ums Leben kamen, hatte Bakary Glück: „Wir waren noch nicht lange unterwegs, da kam ein großes Schiff und nahm uns auf.“ Die nächsten zweieinhalb Jahre verbrachte er in Italien. Erst auf Sizilien und später bei Neapel. Und zum ersten Mal in seinem Leben sah Bakary eine Schule von innen. Zurecht kam er dort nicht: Er wollte arbeiten. Aber als Minderjähriger und ohne Schulbildung war das nahezu aussichtslos.

Ich mag Syke!

Bakary Jarjo, Flüchtling und Azubi

Die Leitung seiner Wohngruppe stellte auf seinen Wunsch alle nötigen Papiere zusammen, damit Bakary weiterreisen konnte. Und so kam er 2019 über die Schweiz nach Deutschland. Erst nach Bremen, und von da in eine Wohngruppe für Minderjährige in Syke. „Aber da war Stress“, erzählt er. Nachdem unter ungeklärten Umständen ein Fenster zu Bruch gegangen war, flog Bakary in Syke raus. Er kam in ein Wohnheim in Lemförde, aber ging weiter in Syke zur Schule. „Das war meine eigene Entscheidung“, betont er. „Ich mag Syke! Das war auch ganz easy: Aufstehen um sechs, Zug um sieben, Schule um acht.“

Jetzt kommen die beiden Frauen ins Spiel, die Bakary am Beginn des Gesprächs so herzlich begrüßt hat: Theresa Szyszko und Sandra Kranz. Beide sind Sozialpädagoginnen und haben Bakary Jarjo fast zwei Jahre lang in Lemförde betreut. „Das war am Anfang recht schwierig“, erzählt Theresa Szyszko. „Er war sehr emotional, hat sich in Syke ungerecht behandelt gefühlt und kannte uns nicht. Das hat ein paar Wochen gedauert, bis er Vertrauen zu uns aufbauen konnte. Aber er hat sich ganz bewundernswert gefangen.“

Das betont sie ganz besonders unter dem Aspekt, dass Bakary in Deutschland von seiner schwierigen Biografie eingeholt worden ist. „Plötzlich riefen ihn Leute an und sagten: Ich bin Deine Mutter, schick mir Geld! Das war zu viel für ihn. Er war sehr wütend.“ Aber es hat noch mehr mit ihm gemacht: „Das ist das Witzige“, sagt Theresa. „Als er hier die Ausbildung begonnen hat, hat Bakary sofort angefangen, Geld zu sparen. Für die Familie, die er später einmal selbst haben will. Und er hat immer gesagt: Meine Familie wird anders!“

Gemeinsam mit seinen Kollegen Mahyar Sabet und Pouya Mohammad Doost baut Bakary Jarjo eine vollelektronisch gesteuerte Tür.
Gemeinsam mit seinen Kollegen Mahyar Sabet und Pouya Mohammad Doost baut Bakary Jarjo eine vollelektronisch gesteuerte Tür. © Michael Walter

Ausbildung als Glücksfall

Die Ausbildung: Das ist etwas, das beide Seiten als erklärten Glücksfall empfinden. Über ein Praktikum an der – damals noch – GTS 2001 kam Bakary zum Syker Unternehmen Könenkamp und Eickhoff. „Der Chef hat gesagt, ich bin gut“, sagt Bakary. Und der Chef, Lars Eickhoff, bestätigt das: „Ein total intelligenter, sehr fleißiger Junge! Er ist total freundlich und er ist besonders. Meine Mitarbeiter sind auf mich zugekommen und haben gesagt: Der macht das super!“

Bakary hätte sofort eine Festanstellung in dem Betrieb bekommen können. Da er zu der Zeit aber noch schulpflichtig war, ging das nicht. Und auch rein rechtlich wäre das problematisch geworden: Weil der junge Mann aus einem Land kommt, in dem es aktuell weder Krieg noch Verfolgung gibt, ist sein Asylantrag abgelehnt worden. Er hätte also sehr wahrscheinlich auch keine Arbeitserlaubnis bekommen. Lernen darf er hingegen. „Also macht er eine Ausbildung“, sagt Lars Eickhoff, und so unterschrieb Bakary Jarjo mit Wirkung zum 1. August 2021 seinen Ausbildungsvertrag zur Fachkraft für Metalltechnik. Sandra Kranz erklärt: „Wenn er seine Ausbildung schafft und im Anschluss Arbeit hat, wird es relativ einfach, dass er hierbleiben kann.“ Und Theresa Szyszko ergänzt: „Im Moment muss er alle drei Monate seine Duldung verlängern lassen. Das belastet ihn sehr.“

Problem: fehlende Dokumente

Theresa Szyszko (links) und Sandra Kranz haben Bakary Jarjo lange Zeit betreut und ihm sehr geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen.
Theresa Szyszko (links) und Sandra Kranz haben Bakary Jarjo lange Zeit betreut und ihm sehr geholfen, in Deutschland Fuß zu fassen. © Michael Walter

Das eigentliche Problem sind aber seine fehlenden Personaldokumente: Es gibt in Guinea-Bissau nicht einmal eine Geburtsurkunde, geschweige denn, dass Bakary je eine Art Ausweis besessen hätte. Irgendetwas in der Art muss er aber beibringen, wenn er dauerhaft in Deutschland bleiben will. Inwieweit die Behörden in Deutschland und in seinem Heimatland da helfen können, ist unklar. „Das ist richtig, richtig schwer“, sagt er.

Aber Bakary bleibt Optimist: „Ich will hierbleiben“, sagt er klipp und klar. Seit Anfang April wohnt er wieder in Syke: ein Zimmer, Küche, Bad. Und er ist stolz darauf wie ein kleiner König. „Das erste Mal in meinem Leben, dass ich eine eigene Wohnung habe!“ Sein nächstes Ziel hat er bereits ins Auge gefasst: Bakary möchte seinen Führerschein machen. Dafür legt er jetzt schon zusätzlich Geld beiseite.

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