Einblicke eines Spions

Ex-Geheimagent kommt nach Syke: „Lügen sind das Schmiermittel der Gesellschaft“

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Leo Martin zielt bewusst direkt auf sein Publikum: Als Kommunikationsexperte hat er bereits mehrere Bücher veröffentlicht – Bestseller.

Nicht jeder Geheimagent schießt sich den Weg frei wie James Bond. Das beweist zumindest Leo Martin. Er ist Ex-Geheimagent und Kommunikationsprofi. Im Interview verrät er, warum Worte oft die stärkste Waffe sind und warum man auch mal auf das Bauchgefühl hören darf.

Syke - Geheimdienst-Agent, Bestseller-Autor, Kommunikations-Experte: Leo Martin hat eine spannende Biografie. Der 44-Jährige ist am Mittwoch Star-Referent bei der Eröffnung der Berufs-Informations-Börse (BIB) in Syke. Im Interview erklärt er, worauf es bei der Arbeit im Geheimdienst ankommt und warum Lügen manchmal wichtig sind. Die Fragen stellte Anke Seidel.

Herr Martin, immer wieder werden Sie als deutscher 007 beschrieben. Aber Sie heißen ebenso wenig James Bond wie Leo Martin?

Im Geschäft der Geheimdienste sind Namen Schall und Rauch (lacht). Als Agent hatte ich eine ganze Handvoll Tarnpersonalien. Jeweils mit Pass, Personalausweis, Führerschein, Melderegistereintrag, und allem, was dazu gehört. Heute heiße ich anders als damals. Leo Martin ist kein Tarnname, sondern ein Pseudonym, mit dem ich als Autor auftrete. Das ist auch kein Geheimnis. Mein erfolgreichster Spiegel-Bestseller „Ich krieg dich! Die Kunst, Menschen zu gewinnen – Ein-Ex-Agent verrät die besten Strategien“, beginnt mit dem Satz: „Mein Name ist nicht Leo Martin.“

Was war als Mitarbeiter des Geheimdienstes Ihre stärkste Geheimwaffe?

Die Geheimwaffen der Kommunikation. Langfristig gesehen haben die sanften Strategien oft eine durchschlagende Wirkung. Das gilt auf jeden Fall für jeden persönlich. Beim Geheimdienst ist unsere größte Stärke, dass wir als Experten in Teams zusammen arbeiten. Nur wer eine kriminelle Organisation aus möglichst vielen unterschiedlichen Perspektiven beleuchtet, kann am Ende Licht ins Dunkel bringen. Und die Geheimwaffe dafür sind unsere Vertrauensmänner. Diejenigen, die uns mit Insiderinformationen versorgen, und dafür hohe Risiken in Kauf nehmen. Ohne sie wären wir blind und taub!

BIB in Syke: Ex-Geheimagent Leo Martin gewährt tiefe Einblicke

Und Ihr spannendster Fall?

Spannende Fälle erlebe ich heute noch nahezu jeden Tag. Ich arbeite mittlerweile für das Institut für Forensische Textanalyse. Wir unterstützen Unternehmen, die anonym angegriffen, bedroht oder erpresst werden. Und zwar immer dann, wenn der Täter dabei schriftlich vorgeht. Wir haben Sprachprofiler im Einsatz, die anonyme Täter anhand ihrer Sprachmuster überführen können. Und da gibt es Wirtschaftskrimis, die mit jedem Geheimdienstfall mithalten können.

Studien zufolge lügt der Mensch 200 Mal am Tag. Ist das Ihrer Erfahrung nach eher über- oder untertrieben?

Über diese Zahl stolpert man ständig, wenn man in den Medien über Lügen liest. In der Fachliteratur sieht es da schon anders aus. Selbst, wenn wir alle Höflichkeitslügen, wie zum Beispiel „Das Kleid steht dir gut, Schatz!“, „Die Handtasche war ganz billig...“, „Schmeckt lecker...“, oder „Danke, gut geht’s!“, mit dazuzählen, kommen wir wohl nicht auf 200 Stück am Tag. Das zeigt aber auch, dass viele „Lügen“ nicht verwerflich sind. Soziale Lügen sind das Schmiermittel der Gesellschaft und sorgen dafür, dass Beziehungen reibungsloser laufen. Lügen zerstören nur, wenn sie den Kern der Beziehung betreffen. Also das, was dem anderen wirklich wichtig ist.

Ex-Agent Leo Martin: Bei möglichen Lügen auf Widersprüche achten

Darf ich meinem Bauchgefühl trauen, wenn ich glaube, belogen zu werden?

Wenn das Bauchgefühl nicht passt, sollten Sie kritisch werden. Oft haben wir ja auch nicht mehr als nur unser Bauchgefühl. Gesicherte Beweise, die eine Lüge sofort offensichtlich machen, sind eher die Ausnahme als die Regel. Wenn Widersprüche auftauchen oder Zusammenhänge nicht stimmen, sollten Sie hinterfragen. Und noch wichtiger, im Folgenden darauf achten: Wie verhält sich der andere? Setzt er sich wie versprochen voll und ganz für Sie ein? Oder war das nur ein Lippenbekenntnis? Sein Verhalten wird ihn dann entlarven!

Vertrauen ist bekanntlich der Anfang von allem. Kann man Vertrauen lernen?

Vertrauen ist der Anfang von allem. Misstrauen ist der Anfang vom Ende. Vertrauen heißt, zu wissen woran ich beim anderen bin. Die Frage lautet also nicht „Kann ich dir vertrauen?“, sondern „Auf was kann ich vertrauen, wenn ich es mit dir zu tun habe? Kann ich darauf vertrauen, dass du mein Geheimnis für dich behältst? Oder kann ich darauf vertrauen, dass das morgen jeder weiß?“ Es geht also in erster Linie um Klarheit in der Kommunikation. Und ja, das kann man lernen.

Was lernen Menschen Ihrer Erfahrung nach am schwersten?

Die eigenen Überzeugungen über Bord zu werfen ist für viele Menschen am schwersten. Lieber erhöhen wir das Tempo, mit dem wir gegen die Wand rasen, als unsere Meinung zu ändern. Darum wird beispielsweise in der Politik oft so verbittert gestritten. Um Überzeugungen zu ändern, braucht es Erfahrungen und Erlebnisse. Und eine gewisse Reife. Schnell geht da gar nichts, das braucht seine Zeit. Manchmal muss man dazu loslassen und den Druck raus nehmen. Sonst erreicht man das Gegenteil.

Zur Person: Leo Martin

Leo Martin (44) ist Ex-Geheimagent, Kriminalist und Vernehmungsexperte. Er hat Kriminalwissenschaften studiert und war zehn Jahre lang für den deutschen Geheimdienst im Einsatz. Während dieser Zeit deckte er brisante Fälle der organisierten Kriminalität auf. Sein Spezialauftrag war das Anwerben und Führen von Informanten. Heute überführt Leo Martin als Geschäftsführer des Institutes für Forensische Textanalyse Täter, die Unternehmen anonym angreifen, bedrohen oder erpressen.

Mit seinem TV-Format „Verfolgt! Tätern auf der Spur“ war er zwei Jahre lang in der Primetime bei RTL zu sehen. Seine Bücher „Ich krieg dich! Die Kunst, Menschen zu gewinnen.“, „Ich durchschau dich! Die Kunst, Menschen zu lesen.“ und „Ich stopp dich! Gefühlsterroristen erkennen und ausschalten.“ sind Spiegel-Bestseller. Am 17. Juni erscheint sein neues Buch mit dem Titel „Die geheimen Muster der Sprache – ein Sprachprofiler verrät, was andere wirklich sagen“, das er gemeinsam mit Patrick Rottler veröffentlicht.

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