Gezackte Geschichte

Syker Briefmarkensammler über Faszination, Fehldrucke und ein Frauenproblem

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Sammelpassionäre mit guter Laune: Die Mitglieder des Syker Briefmarkensammlervereins werben für ihr Hobby.

Syke - Von Detlef Voges. Der gelbe Michel liegt überall griffbereit. Er ist der Partner eines jeden Philatelisten. Der dicke Katalog informiert über all das, was ein Briefmarkenfreund über seine kleinen Objekte der Begierde wissen muss.

Der Michel ist ein Katalog, der Angaben zu den amtlich, meist von staatlichen Postverwaltungen, ausgegebenen Briefmarken aller Länder der Erde macht. Besonders auch zu den Werten zu Marken.

„Hier, diese Marke ist mit 40 Cent angeben, hat sie ein Wasserzeichen, kostet sie 120 Euro“, sagt Manfred Bartsch mit Blick in seinen Michel und lächelt.

Bartsch ist „Mr. Briefmarke“. Bei dem Chef des Syker Briefmarkensammlervereins ist die Leidenschaft zu Briefmarken und Postkarten fast körperlich zu spüren. Bei vielen Kollegen aber auch. Das war am Sonntag auf dem jüngsten Tausch- und Klöntag im Café Alte Posthalterei bemerkbar.

Wie in einem altehrwürdigen englischen Club sitzen die älteren Herren („Die Jüngsten sind in den 50ern“, klärt Bartsch auf), blättern ruhig und abwechselnd in Alben und im Michel oder unterhalten sich leise über Wertezeichen. Ein eingeschworener Kreis, den es nicht mit Macht nach Außen drängt, der aber gern noch mehr Mitglieder hätte als die zurzeit 43. Besonders auch Frauen.

„Die haben irgendwie Schwellenangst“

„Die haben irgendwie eine Schwellenangst“, vermutet der Vorsitzende des Syker Vereins. Kollegen nicken und äußern leise die Hoffnung, dass sich das mal ändert.

Der hohe Altersdurchschnitt des Syker Philatelistenclubs stärkt auch nicht gerade das Zukunftsbild. Gibt es dafür Gründe? Den jungen Leuten fehle es heute an Zeit und Geduld, meint ein Briefmarkenfreund. Früher sei man einfach über Großvater und Vater in die Sammelleidenschaft hinein gezogen worden. „Und wer einmal dabei ist, bleibt in der Regel auch später dabei“, sagt Bartsch. Als langjähriger Postmitarbeiter stand er ohnehin an der Quelle und wurde gleichsam automatisch von Briefmarken infiziert.

Ob er denn auch Fehldrucke, bei Philatelisten wegen einer möglichen Wertsteigerung beliebt, bekommen habe, fragt ein Vereinsmitglied. Bartsch reagiert etwas lauter. „Ist doch komisch“, sagt er, „ich war so lange dabei, aber Fehldrucke von Briefmarken habe ich nie gekriegt.“

„Es ist wie Geschichte“

Die Frage „Was reizt am Briefmarkensammeln?“ ist ein Klassiker und führt stets zu einer gewissen Pause bei der Antwort. „Es ist wie Geschichte“, erklärt der Vereinschef und spricht vom Deutschen Reich, von der Bundesrepublik, von Marken aus aller Welt und von Motiven, die es  Sammlern angetan haben. Bartsch hat es mehr mit der Geschichte. Er verweist dann auch auf ein Album mit 150 Postkarten. In der Tat Exemplare für den Geschichtsunterricht über das Deutsche Reich.

Besonders die Zeit des Dritten Reichs nimmt großen Raum ein und zeigt, dass die Nationalsozialisten auch diesen Bereich werbewirksam abgedeckt haben. Die zahlreichen Postkarten sind bebildert. Darauf zu sehen sind Abbildungen der Kraft durch Freude-Bewegung oder vom Winterhilfswerk mit einer Frau, die für eine Kleidersammlung wirbt. Immer wieder gibt es aber Abbildungen mit Adolf Hitler, am Anfang gemeinsam mit Hindenburg bei der Kanzlerwahl, später solo etwa beim ersten Spatenstich zum Bau der Autobahn.

Eine Zeit, in der die offiziellen Briefmarken und Postkarten die Gesellschaft widerspiegelten und heute bildhafte Geschichtsposten darstellen.

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