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Syke: Aktiv Center des BNW wird zum Rettungsanker

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Von: Michael Walter

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„Von Herz zu Herz“ heißt das Projekt, das der aktuelle Lehrgang am Aktiv Center des BNW zusammen mit der Awo realisiert hat.
„Von Herz zu Herz“ heißt das Projekt, das der aktuelle Lehrgang am Aktiv Center des BNW zusammen mit der Awo realisiert hat. © Michael Walter

Das Aktiv Center des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) in Syke versucht, Menschen, die derzeit nicht für den Arbeitsmarkt vermittelbar sind, darauf wieder vorzubereiten. Die Maßnahmen dafür sind ähnlich vielfältig wie die Geschichten der Protagonisten. Und das Konzept kommt gut an.

Syke – Aus Hilflosigkeit können schöne Gesten entstehen: Die Aktion „Von Herz zu Herz“ vom aktuellen Lehrgang am Aktiv Center des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW) an der Boschstraße ist so ein Beispiel. Die Teilnehmer haben gebastelt: Kleine Glücksbringer und Aufmunterer für die Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine.

Der Lehrgang besteht aus zwölf derzeit nicht am Arbeitsmarkt vermittelbaren Personen, die für ein halbes Jahr vom Jobcenter dort hingeschickt worden sind. Den Krieg in der Ukraine haben sie vom ersten Tag an verfolgt. „Angst war zu spüren“, erzählt Claudia Wittig, die Leiterin des Aktiv Centers. „Die armen Menschen! Aber wir können nichts für sie tun, wir haben doch kein Geld“, gibt sie die Stimmung unter den Teilnehmern wieder. „Doch! Können wir! Und wenn es nur eine Kleinigkeit ist.“ Und dann haben sie gebastelt. Kleine Anhänger mit lustigen Figuren, Wand-Deko und Glücksbäumchen. Das Material dafür haben die Teilnehmer selbst gesucht und gesammelt.

Die fertigen Arbeiten haben sie an Kai-Uwe „Charly“ Campe von der Awo in Barrien übergeben. Campe leitet dort die Möbelstube. „Wir kennen uns von früheren gemeinsamen Aktionen“, sagt Claudia Wittig. Und Campe erklärt: „Im Moment kommen hauptsächlich Ukraine-Flüchtlinge zu uns.“ Stichwort: Erstausstattung. Die Basteleien vom Aktiv Center gibt es dann als kleine Zugabe obendrauf. Es wirkt, es kommt so an, wie es gemeint ist, hat Charly Campe festgestellt. Und dann schlägt er den Bogen zu den Lehrgangsteilnehmern: „Alle sind aus dem Berufsleben ausgeschieden, meist durch Schicksal. Sowohl AWO als auch Aktiv Center arbeiten daran, diese Menschen wieder zu integrieren.“ Dafür gibt es kein Patentrezept, denn man kann die Teilnehmer unmöglich über einen Kamm scheren.

Sprachbarrieren und psychischer Druck

Zeri (45) zum Beispiel ist selbst Kriegsflüchtling – und leider auch ein Beispiel für eine nicht gelungene Integration. Seit zehn Jahren ist sie in Deutschland. Das vordergründigste Problem ist die Sprache. Verstehen geht, selber sprechen so mittel, aber Deutsch lesen und schreiben kann sie praktisch nicht. „Ich möchte Arbeit“, sagt sie und weiß, dass sie dazu die Sprache beherrschen muss. „Ich hatte zwei Jahre Sprachkurse“, erzählt sie. „Aber ich hab nicht gut gelernt. In meinem Umfeld sprechen alle nur Arabisch. Ich wollte weiter lernen, aber das Jobcenter hat abgelehnt.“

Ralf hat 14 Jahre lang als Systementwickler in der IT gearbeitet. Permanenter Druck von seinem Chef kombiniert mit Versagensängsten haben ihn fertiggemacht. „Ich sollte einem Kunden etwas beibringen, das ich selber nicht konnte und eine Anwendung in einer Programmiersprache schreiben, die ich nicht beherrsche.“ Was dann kam, war vorhersehbar: Erst gab es Ärger mit dem Kunden und dann Ärger mit dem Chef. Und am Ende des Jahres war Ralf arbeitslos.

„Mehrere Jahre hab ich vom Ersparten gelebt, weil ich nicht mehr wusste, was ich machen sollte.“ Es gab einen neuen Job: Dort kam Ralf nicht zurecht. Dann starb sein Onkel, und das gab ihm den Rest: Burnout. Kein Vertrauen mehr in andere Menschen, Selbstzweifel, keine Lust mehr auf das Leben.

Seit Februar ist Ralf jetzt im Aktiv Center. „Das hat mir sehr gutgetan“, sagt er. „Es geht aufwärts.“ Und weiter: „Hier sind wirklich tolle Menschen, das hätte ich nicht gedacht.“Das richtet sich sowohl an seine Mitteilnehmer als auch an das Leitungsteam Claudia Wittig und Martin Seiters. „Hier gehe ich wirklich gerne hin.“ Ein paar Stellenangebote hat Ralf auch gefunden, auf die er sich bewerben möchte. „Das ist dann der nächste Schritt.“

Andreas kämpft sich zurück

Andreas hat eine Biographie: wenn man die als Mehrteiler fürs Fernsehen verfilmte, würden die Zuschauer wahrscheinlich den Drehbuchautor für eine völlig überzogene Story an die Wand nageln. Trotzdem ist seine Geschichte echt.

„Ich war obdachlos seit ich 15 bin“, erzählt er. Aufgewachsen ist Andreas in Bremerhaven. Scheidungskind. „Meine Mutter hatte keinen Bock auf mich und steckte mich ins Internat. Da bin ich einen Tag gewesen. Lauter Leute, die gedacht haben, sie wären etwas besseres.“ Andreas ist abgehauen und hat seitdem quasi auf der Straße gelebt. Und schlimmer: Er wurde schwerst drogenabhängig. „Ich hab die ganze Palette eingeworfen, von A bis Z. Bekannte und unbekannt Substanzen. Abgebrochene Nadeln im Arm waren genauso normal wie Tote rechts und links von mir.“ Zehn Jahre lang gab es immer wieder Therapieversuche: Jeden einzelnen hat Andreas von sich aus abgebrochen.

Wenn Andreas erzählt, wirkt er souverän und energiegeladen. Jemand, der die Dinge anpackt. Der andere motivieren und mitreißen kann. Das ist auch echt! Darunter aber liegt irgendwo noch immer der nie verheilte Seelenschmerz des verstoßenen 15-jährigen Jungen. Mit einer anderen Drogenabhängigen hatte Andreas selbst ein Kind. Das ist dann die Stelle, an der es auch ihm zu tief geht. Da möchte er am liebsten abbrechen.

Der Traum von einer Therapiewerkstatt

„Ich hab mich selber therapiert“, erzählt er weiter. Andreas war in eine Art Sekte geraten, wie er beschreibt. Kein gutes Haar lässt er daran. Aber: Vielleicht hat die Sekte ihm das Leben gerettet. Denn irgendwann hatte er einen klaren Moment: „Ich wollte leben und keine Gehirnwäsche.“ Also ist Andreas – wieder einmal – abgehauen. „Ich bin in ein Sägewerk gegangen und hab da gearbeitet. Die wussten dort von nichts. Die dachten, ich wäre ein Vollidiot, weil ich immer so gezittert habe.“ Folgen und Begleiterscheinungen des überaus schmerzhaften kalten Entzugs. Andreas war bewusst, worauf er sich da einließ. „Wer leben will, muss kämpfen. Und wer aufhört, hat schon verloren.“

Andreas hat’s geschafft und ist seitdem clean. Er machte seinen Führerschein, kaufte ein Auto und machte sich selbstständig als Transporteur für Gefahrgut. „Das hab ich fünf Jahre lang gemacht. Eine sehr coole Zeit, in der ich viel Selbstvertrauen getankt habe. Dann kriegte ich einen Burnout und fing an zu saufen. Ich hatte Angst, wieder in die alten Zeiten zurückzufallen. Da habe ich die Entscheidung getroffen, mich von all diesen Dingen komplett zu trennen.“

Über das Job Center bekam Andreas eine intensive Betreuung. Und über die landete er letztlich beim Aktiv Center. „Dass ich das kennengelernt habe, ist der Heilige Gral“, sagt er. „Ich habe noch nie eine so auf den Menschen bezogene Begleitung erlebt wie hier!“

Parallel dazu hat er sich eine Tischlerwerkstatt eingerichtet. Andreas träumt von einer Art Thearapiewerkstatt für andere. Ob das klappt, ist völlig offen. Aber Andreas ist zuversichtlich, dass es am Ende irgendwie hinhaut. Seine Motivation dafür ist stark: „Ich hab der Gesellschaft so viel weggenommen, da möchte ich jetzt was zurückgeben.“ Und wenn einer wie Andreas das sagt, dann ist das keine Floskel.

Das Aktiv Center:
Das Aktiv Center ist eine Einrichtung des Bildungswerks der Niedersächsischen Wirtschaft (BNW). Die Teilnehmer kommen nicht freiwillig, sie werden vom Jobcenter des Landkreises geschickt. Weil sie am Arbeitsmarkt als nicht vermittelbar gelten und die unterschiedlichsten Defizite aufweisen.
Die Kernaufgabe ist die Vermittlung von fehlenden schulischen Grundlagen in Deutsch, Mathe und Allgemeinwissen sowie die Vermittlung von Grundlagen der persönlichen Kommunikation. Wie telefoniere ich? Wie stelle ich mich vor? Wie stelle ich mich dar? Ein Lehrgang dauert in der Regel ein halbes Jahr. Im Einzelfall ist auch eine Verlängerung möglich.

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