Hunderte Syker lassen sich typisieren

Auf der Suche nach dem Lebensretter

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Wo geht’s denn hier zur Typisierung? – Gefühlt halb Syke war gestern an die Barrier Grundschule gekommen, um einen Knochenmarkspender für Eva-Sophie zu finden.

Barrien - Von Michael Walter. „Kann ich hier bitte mal kurz durch?“ – Das war gestern der meistgehörte Satz an der Barrier Grundschule. Um 15 Uhr gingen die Türen auf, um 15.01 Uhr war die Bude voll – und so sollte es bis in die Abendstunden bleiben. Gefühlt halb Syke war gekommen, um sich typisieren zu lassen, damit die 13-jährige an Leukämie erkrankte Eva-Sophie möglicherweise einen Knochenmarkspender findet, durch den sie wieder gesund werden könnte.

Der DRK-Ortsverein Barrien hatte dafür bei der gemeinnützigen Gesellschaft DSD (Deutsche Stammzellspenderdatei) in Dessau um Hilfe gebeten. Die hatte sich daraufhin mit dem Blutspendedienst des DRK in Springe kurzgeschlossen. Und somit konnte diese Reihentypisierung jetzt parallel zur regulären Blutspendenaktion des Barrier DRK erfolgen. Die Resonanz: Überwältigend.

Es ist stickig im Foyer der Grundschule. Dicht gedrängt stehen die Menschen. Die erste Herausforderung für jeden Neuankömmling: Das Ende der richtigen Schlange zu finden. Die Mitarbeiter des Blutspendendiensts und die ehrenamtlichen Helfer vom Barrier DRK geben sich alle Mühe, das Chaos zu sortieren.

Doch sie werden an zu vielen Stellen gleichzeitig benötigt. Und so übernehmen die, die schon ein paar Minuten länger da sind, die Aufgabe, die nachfolgenden Menschen sozusagen auf den rechten Weg zu bringen. „Nur typisieren lassen? Da links anstellen. Nur Blutspenden? Da rechts. Beides zusammen? Bitte dorthin.“ Ich entscheide mich für beides. Wenn ich schonmal hier bin,...

Schlange stehen bis auf den Pausenhof

Keine dumme Wahl, schon allein, weil meine Schlange deutlich kürzer ist. Vorne ist Gesichtskontrolle. Ich muss meinen Ausweis abgeben. Eine DRK-Mitarbeiterin nimmt meine Personalien auf und drückt mir dann ein paar Formulare in die Hand. Und ein Bapperl, das mich als Erstspender erkennbar macht. „Den bitte gut sichtbar am T-Shirt aufkleben“, sagt sie. „Die Formulare bitte ausfüllen und dann da rüber gehen“, zeigt sie in die andere Ecke des Raums. Da werde ich das erste Mal gezapft. Nur ein Tröpfchen, um den Eisengehalt des Bluts zu bestimmen. Und Fiebermessen.

Beides ist in Ordnung. Ich kriege meinen Waschzettel zurück. Und darf erstmal wieder Schlange stehen. Zum obligatorischen Check beim Arzt. Wer sich nur typisieren lassen will, braucht den nicht, steht aber mindestens genauso lange an, bis er seinen Abstrich machen darf. „Da drüben ist auch noch ein Arzt“, ruft jemand im DRK-Shirt und zeigt in die entgegengesetzte Richtung. „Sie können sich auch da anstellen.“ 

Warten müssen wir trotzdem. Dann geht die Tür auf. Der Doc zeigt auf mein Erstspender-Bapperl und winkt mich vor. Bei ihm im Zimmer sitzt schon ein weiterer Erstspender. „Dann muss ich nicht alles zweimal erzählen“, sagt er und erklärt. „Fünf Liter Blut haben Sie. Einen halben nehmen wir Ihnen davon ab. Der wird pharmakologisch verarbeitet. Kann sein, dass wir die Arterie treffen, dann kann es einen Bluterguss geben. In ganz seltenen Fällen kann es auch passieren, dass wir den Nerv treffen. Wer seine Familie mit Klavierspielen ernährt, sollte sich gut überlegen, ob er hier richtig ist.“

Kommt für uns nicht in Betracht. Also weiter. Blutdruck messen. Und dann wieder Schlange stehen. Diesmal vor dem Blutspenderaum. Noch ein letztes Formular ausfüllen, dann bin ich an der Reihe. „Links oder rechts“, fragt der freundliche Vampir, und dann zapft er mich an.

„Allen, die sich für die Knochenmarkspenderdatei typisieren lassen, nehmen wir ein Röhrchen Blut zusätzlich ab“, erklärt er. „Das geht genauso wie mit einem Abstrich von der Mundschleimhaut, ist für uns hier jetzt aber praktischer.“

Dann bin ich um einen guten halben Liter Blut ärmer und um eine Erfahrung reicher. Gute zwei Stunden hat alles insgesamt gedauert.

Draußen im Foyer drängen sich noch immer zahllose Menschen. Vorne am Kopf kämpfen Waltraud Lüdtke und Erika Mönch vom Barrier DRK gegen die Flut. Wie im Akkord geben sie mit der einen Hand Fragebögen an die Neuankömmlinge aus während sie mit der anderen die fertigen Abstriche entgegennehmen. Die Menschenschlangen reichen mittlerweile bis auf den Pausenhof.

Es wird dauern, bis alle Proben untersucht sind. Und bis feststeht, ob unter den Sykern ein Lebensretter ist.

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