Stilmittel: Labern ohne Punkt und Komma

Horst Evers präsentiert Comedy ohne Haudrauf-Rhetorik

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Horst Evers bescherte dem Publikum im ausverkauften Syker Theater einen Comedy-Abend ohne polarisierende Haudrauf-Rhetorik, politische Plattitüden oder Avancen unterhalb der Gürtellinie. Veranstalter war das Gleis 1, das zum zweiten Mal wegen der starken Nachfrage in den Theatersaal ausgewichen war.

Syke - Von Ulf Kaack. Abseits der ausgetretenen, von privaten TV-Sendern unsäglich befeuerten Comedy-Pfade hat sich mit Horst Evers ein Mann in der deutschen Humorbranche etabliert, der sich nicht so recht einreihen mag zwischen Mario Barth und Michael Mittermayer.

Und daran tut er gut, was er am Sonnabend auf Einladung vom Gleis 1 im ausverkauften Syker Theater eindrucksvoll unter Beweis stellte. Als „Der Kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex“ war das Programm über Anstand und Moral angekündigt. Ohne übertriebene Berücksichtigung derselben allerdings, wie Horst Evers eingangs klarstellte.

Am ehesten mag er von der Machart her in der Liga von Olaf Schubert und Piet Klocke spielen, womit dann aber auch Schluss sein soll mit der Schubladisierung. Mit seiner ganz eigenen Art der Selbstinszenierung hat er sich ein Alleinstellungsmerkmal im weiten Feld der Comedy-Branche geschaffen.

Nicht zu bremsender Wortschwall

Horst Evers ist eine Kunstfigur. Dahinter verbirgt sich der gebürtige Diepholzer Gerd Winter. Das Stilmittel der Kunstfigur ist ihr nicht zu bremsender Wortschwall.

Typen wie Horst Evers sind es, die einem mit unendlich uninteressantem Geschwafel die Zeit und den letzten Nerv rauben. Man kennt sie aus der Bahn, von der Kfz-Zulassungsstelle, vom Elternabend: Labern ohne Punkt und Komma, Zutexten ohne Sinn und Verstand.

Was einen im echten Leben in den Wahnsinn treibt, hat bei Evers Methode und führt zu höchstmöglichem Amüsement. Er sieht so aus wie jemand, den man lange kennt und an dessen Namen man sich einfach nicht erinnern kann. In allem, was er sagt und tut, ist er konsequent unteres Mittelmaß. Kleidung, Frisur, eigentlich alles. Wortreich redet er sich seine kleine Welt groß. Und die befindet sich im ereignisreichen Berlin.

Stories aus dem urbanen Alltag

Dumm nur, dass die großen Ereignisse an seinem Leben komplett vorbeigehen. Und so erzählt er Stories aus dem urbanen Alltag. Banales, Belangloses scheinbar. Aus den Großstadtcafés, Arztpraxen und von zunächst harmlosen Polizeikontrollen. Scharf analysierend steigert Evers seine Geschichten schrittweise hinein ins Absurde, übermaßen wortreich und begleitet von ungelenker Gestik. Und das auf eine naiv-tapsige Art, die wirklich Laune macht: „Auf der Autobahn fahre ich immer ganz dicht auf den Fernbus auf, damit ich dessen kostenloses WLAN nutzen kann“ – das muss einem erstmal einfallen.

„Ein gelungener Abend braucht keine zwei Meinungen“, philosophiert Evers mit Unschuldsmiene über einseitige Kommunikation in den angesagten Szenebars der Hauptstadt – und springt gleich zum nächsten Thema: der Nachdenkensnotwendigkeit über die Neutralisierung übler Badezimmergerüche.

Auf den Punkt platzierte Pointen eher die Ausnahme

Seine Argumente funktionieren dabei unabhängig vom Inhalt, wie Evers selbst die Bedienungsanleitung für seine Art Humor formuliert. In seinen Plots, so hat es den Anschein, markiert er keine präzisen Landmarken. Auf den Punkt platzierte Pointen sind eher die Ausnahme. Die Art des Vortrags und die Story bilden die Gags an sich. Eine Flut von unvollendeten Halbsätzen und abgedroschenen Phrasen tragen ihren Teil dazu bei.

Skurril seine Betrachtung einer mit 24 untereinander angeordneten Strichen zum Adventskalender umfunktionierten Wodkaflasche, die rechnerisch also auf eine Nutzung für 25 Tage angelegt ist. Eine seltsame Zählweise. In der Folge weiß Evers zu berichten, dass der Protagonist seiner Geschichte den Beginn der Adventszeit bereits in den September verlegt hat und dies seine soundsovielte Adventskalender-Wodka-Pulle ist. Er wolle das als Protest gegen den Islam verstanden wissen, weil die Muslime ja alle christlichen Feiertage annullieren wollen: „Lieber eine Islam-Phobie als ein Alkoholproblem“, so die angewandte Logik dahinter.

Es war ein Comedy-Abend ohne polarisierende Haudrauf-Rhetorik, politische Plattitüden oder Avancen unterhalb der Gürtellinie. Horst Evers kam bei höchstmöglicher Gagfrequenz ohne Plakatives aus, und das kam an beim Publikum. Selbst die obligatorische Eigenwerbung für den Erwerb von Büchern und Tonträgern nach der Vorstellung im Foyer vermochte er als ein humoristisches Feuerwerk zu formulieren.

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