Stephan Orth berichtet in der Bibliothek von seinen zwei Monaten „Couchsurfing im Iran“

„Hinter der Tür fällt der Schleier“

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Erst zwei Monate im Iran, jetzt einen Abend in Syke: Autor Stephan Orth beeindruckte mit seinem etwas anderen Reisebericht in der Stadtbibliothek.

Von Lena Bolt. Zwei Monate im Iran leben? Das würden wohl die wenigsten Deutschen wagen. Am Montagabend besuchte der Mann Syke, der das gemacht hat – einfach so. Stephan Orth berichtete über „Couchsurfing im Iran“.

„Es ging mir nicht so sehr darum, die ganzen Sehenswürdigkeiten zu sehen, obwohl es da ganz tolle gibt. Ich wollte die Menschen treffen. Und die sind unglaublich gastfreundlich“, so startete Orth seine Lesung in der Stadtbibliothek. Und berichtete von dem Land ganz anders, als es die Klischees vermuten lassen. Vom April bis Mai 2014 lebte er im Iran. Darüber ist nun sein Buch mit Bildern, Tipps und ganz vielen Erlebnissen erschienen.

Um so nah wie möglich am einheimischen Leben dran zu sein und hinter die Türen blicken zu können, schlief er nicht in Hotels, sondern bei Einheimischen auf der Couch, dem Teppich und auch mal einem Bett. Dies funktioniert über Netzwerke wie „Couchsurfing“ „Hospitality Club“ oder „Be Welcome“.

Couchsurfing ist im Iran verboten. Trotzdem gelang es Orth, Plätze zu finden. Ob er die Sprache denn beherrsche, fragt jemand aus der Runde. „Nicht wirklich. Verständigt haben wir uns mit Englisch oder auch oft mit Händen und Füßen“, so Orth. Einen Trick gebe es bei der Kommunikation aber doch. Man müsse nur die zentralen Fußballer bei Namen wissen, schon hätte man neue Freunde. Gelächter im Raum.

Die Stimmung während der Lesung ist außerordentlich gut, die Stadtbibliothek bis auf den letzten Platz besetzt. Die Anekdoten, die Orth erzählt, sind oft überraschend und witzig, verrückt, manchmal auch traurig. Er berichtet von „Funman“, dem freiesten Menschen, dem er auf seiner Reise begegnet sei. Der wird im Buch so zitiert: „Ich liiiebe Eiscreme! Warum sind so viele Menschen unglücklich oder gestresst? Ein Eis reicht doch schon, um glücklich zu sein. Und genau das ist das Wichtigste im Leben: Spaß haben!“

Vorher las Orth aus einem Kapitel über den Krieg zwischen Irak und Iran vor. Solche plötzlichen Stimmungsumschwünge seien allerdings auch typisch für den Iran. „Ich habe das Gefühl, die guten Momente sind dort kostbarer als bei uns“, sagt Orth.

Seine Lesungen und Erzählungen werfen ein ganz anderes Licht auf den Iran, als es aus der Tagesschau zu vermuten ist. „Der Iran ist überhaupt nicht rückständig. Es besteht Schulpflicht, und viele, auch die Frauen, studieren. Überhaupt ist das Verschleiern von Frauen gar nicht so extrem. Hinter der Tür fällt der Schleier – und mit ihm die Angst vor den Sittenwächtern. Außerdem improvisieren die Iraner sehr gut, um Gesetze zu umgehen“, erklärt Orth.

Tatsächlich hat er auch schon Lesungen vor Iranern gehalten. Manche sind vor Jahren aus ihrer Heimat geflohen. Orth berichtet von einigen, die nach dem Buch wieder Sehnsucht nach ihrem Land verspürt hätten und gerne einmal hinreisen würden. Auch an diesem Abend lässt das Buch die Zuhörer nicht unberührt. Das ist an den Gesprächen nach der Lesung und auch an der Schlange vor Orths Tisch zu erkennen.

www.stephan-orth.de

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