Kleinkunst-Duo Annie Heger und Vanessa Maurischat begeistert im Gleis 1 mit tiefen Gefühlen und Hassliebe

„Spring doch bitte vom Balkon“

Vanessa Maurischat (l.) und Annie Heger: zwischen inniger Freundschaft und ständigen Sticheleien. Foto: Heinfried Husmann

Syke - Von Riccardo Terrasi. Das Kabarett-Duo Annie Heger und Vanessa Maurischat ist am Samstag mit seinem Programm „Eine geht noch!“ im ausverkauften Gleis 1 zu Gast gewesen. Wer sich auf einen Abend voller Harmonie und warmer Zweisamkeit gefreut hatte, wie es andere musikalische Duos oft verkörpern, wurde bitter enttäuscht.

Aus einer Schnapslaune heraus hatten die beiden Künstlerinnen beschlossen, mal zusammen auf Tour zu gehen. Weil sie seit Jahren aufeinander hocken („wie Bonnie und Clyde oder Elmex und Aronal“) kommt es nicht selten zu Spannungen und Sticheleien, die sie auf der Bühne voll ausleben. Das Programm ist ein Mix aus Comedy und Musik.

Oftmals erkennt man seine eigenen Empfindungen in den Stücken wieder, denn Menschen sind kompliziert: Auch tiefste Bindungen oder Beziehungen sind immer mit Reibereien verbunden, die zu einer profunden Hassliebe führen können. So sangen die beiden über ihre langjährige Freundschaft „auch wenn’s mich quält, verstehen wir uns gut“ und „spring doch bitte vom Balkon“. Kleine Marotten des Alltags können einen auf die Palme bringen: das Schnarchen etwa oder lautes Seufzen beim Teetrinken.

Die beiden Kabarettistinnen haben passenderweise Stücke von einst erfolgreichen Comedy- und Musiker-Duos gewählt, die dann aber getrennte Wege gegangen sind. Darunter waren die Missfits und Queen Bee, aber auch Modern Talking durfte nicht fehlen. Oft versehen mit eigenen Texten und auf individuelle Art interpretiert, verarbeiten die Lieder die Themen Beziehung, Partnerschaft und generell das komplexe Phänomen zwischenmenschlicher Beziehungen. Zentrale Elemente des Programms sind persönliche Gefühle und Empfindungen. Die Angst beispielsweise ist ein stets wiederkehrendes Motiv: die Angst vor dem Versagen, davor, mit anderen nicht klarzukommen oder die Angst vor der Zukunft. Warum sind so viele Menschen so oft allein, obwohl doch das Zusammensein viel toller ist? Warum kommt uns die Vergangenheit oftmals so schön vor? Ist „der Scheiß von heute nicht etwa die gute alte Zeit von morgen?“

Die Künstlerinnen bieten nicht nur Humoristisches, sondern fordern das Publikum auch zum Nachdenken heraus. Vanessa Maurischat begleitete den gemeinsamen Gesang virtuos am Klavier, während Annie Heger gelegentlich zu Blockflöte oder Ukulele griff.

Geistreich, sarkastisch und melancholisch zog das sympathische Duo interessante Schlüsse. Etwa, warum Freundschaften funktionieren, obwohl man dem anderen zuweilen an die Kehle will.

Wichtiges Attribut und ständiger Begleiter auf ihrer oft bissig-ironischen Reise war die (zwischendurch nachgereichte) Sektflasche, die so manches Gläschen gefüllt hat. Sie war sicherlich auch ein Grund, warum die stolze Ostfriesin Annie gegen Ende der Show zeitweise ins Plattdeutsche rutschte.

Im abschließenden Kultsong von den Missfits ging es um die Endlichkeit des Lebens, um verpasste Gelegenheiten und darum, dass man rausgehen „und auf die Kacke hauen“ sollte, bevor es zu Ende geht.

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