„Das sind doch meine Großeltern!“

Ausstellung zum Häuslingswesen im Kreismuseum löst Emotionen aus

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Ralf Weber vor seinem Lieblingsbild über das Häuslingswesen – aufgenommen in Gödestorf.

Syke - Von Frank Jaursch. Viele Ausstellungen hat Dr. Ralf Vogeding, Leiter des Kreismuseums, in den vergangenen Jahrzehnten bereits begleitet. Große Erfolge waren dabei, und ja, auch schon mal eine Pleite. Die derzeitige Ausstellung über das Häuslingswesen allerdings nimmt eine besondere Stellung ein.

„So was hat man ganz selten“, sagt Vogeding über das Besucherinteresse, die Verweildauer und das Feedback. Die Ausstellung packt die Besucher.

Die bemerkenswerten Reaktionen beim Betrachten der alten Fotos, der Texte und Exponate freuen auch Ralf Weber. Auch für den „Vater“ der Ausstellung, der zwei Jahre lang Informationen zum Häuslingswesen im Landkreis gesammelt hat, war diese Arbeit eine besondere Erfahrung. „So nah an den Menschen zu sein, das ist ja für uns Historiker nicht normal.“

Reaktionen auf Webers Arbeit waren von Beginn an überwältigend

Schon in seiner Arbeit bekam er nicht nur viele Informationen über das Leben in Armut, sondern auch tiefe Emotionen präsentiert. Die Hilfsbereitschaft und Auskunftsfreude war überwältigend, die Masse an Informationen am Ende so groß, dass Weber den Luxus hatte, aus zahllosen Fotografien die besten, intensivsten auswählen zu können.

Wie das Bild, das ihm Else Schröder aus Gödestorf überließ. „Ein typisches Bild“, schwärmt Weber und deutet auf den Jungen, der stolz die Ziege – die „Kuh der Häuslinge“ – hält. Daneben stehen die Geschwister des Jungen, die Eltern – und, ebenso ein typisches Element, die unverheiratete Schwester des Familienvaters, die oft ihren Platz in den kleinen Häuslingshäusern hatte.

Das Foto ziert jetzt das Buch zur Ausstellung, das auch viel umfangreicher wurde als gedacht. Und sich unglaublich gut verkauft. Rund 1000 Exemplare, so berichtet Ralf Vogeding, sind bereits verkauft.

Gast entpuppt sich als Hauptdarsteller einer „rührenden Geschichte“

Rekordresonanzen auf Vorträge und Führungen – und Besucher, die überwältigt vor den vergrößerten Schwarz-Weiß-Aufnahmen stehen. Woher kommt diese Reaktion auf die Ausstellung? Ralf Weber hat eine These. „Es geht sehr viel über das Gefühl. Über die Vorstellung: So ähnlich ist es bei uns auch gewesen.“ Viele hätten nie zuvor so einen unmittelbaren Einblick in das Leben auf dem Land erhalten wie mit der Ausstellung.

Und nicht zuletzt sind viele Besucher des Museums selbst Nachfahren von Häuslingen. Weber berichtet von erstaunlichen Szenen. „Das sind doch meine Großeltern!“, habe ein Besucher bei einer Führung ausgerufen, als er das Foto eines Stuhrer Häuslingshofs erblickte.

Bei einer Führung erzählte Weber die rührende Geschichte vom „kleinen Häusling“ aus Klein Lessen, die in der Ausstellung dokumentiert ist. Als Nachfragen aus der Besuchergruppe kamen, antwortete plötzlich ein anderer Teilnehmer der Gruppe – es war just jener „kleiner Häusling“ von einst.

Ausstellung bis zum 18. Juni zu sehen

Weber bleibt ein Blick voller Stolz auf seine Ausstellung – und hat die Gewissheit, das Richtige am richtigen Ort und zur richtigen Zeit getan zu haben. Wenn der 45-Jährige über sein Projekt spricht, ist er noch immer ganz gefangen von „so viel Menschlichkeit“, die ihm begegnete. Mit dieser Ausstellung „ist dem Aspekt Genüge getan“, sagt Weber. Und was bleibt? Er lacht. „Ganz viele Einladungen zum Kaffee!“

Die Ausstellung „Was Du siehst, wenn Du die Augen zumachst, das gehört Dir“ ist noch bis zum 18. Juni im Kreismuseum zu sehen. Ralf Weber hält am Mittwoch, 7.  Juni, um 19  Uhr einen bebilderten Vortrag mit anschließender Führung durch die Ausstellung. Eine Anmeldung ist erforderlich unter 04242/2527 oder info@kreismuseum-syke.de. Erhoben wird nur der Museumseintritt von zwei Euro.

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