Alles außer Rambo

Selbstversuch: Auf dem Schießstand mit den Schnepker Sportschützen

Selbstversuch beim Schnepker Schützenverein.
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Selbstversuch beim Schnepker Schützenverein.

„Einatmen oder ausatmen?“ – „Ausatmen“, sagt Wilfried Witte. „Und dann mit fast leerer Lunge die Luft anhalten. Dann hast du etwa zehn Sekunden für den Schuss.“

Schnepke - Klingt überzeugend. Ich lege also das Gewehr an und peile die Mitte der Zielscheibe an. Der Diopter vergrößert die zwar etwas, trotzdem ist das Schwarze geradezu winzig klein. Ich atme gaaaanz langsam ausssss, konzentriere mich, halte dann die Luft an, konzentriere mich mehr... – aber es gelingt mir nicht, das Gewehr auch nur einigermaßen ruhig zu halten. Dabei ist der Schaft schon unten auf eine Stütze aufgelegt, und die Seite presse ich mit der linken Hand auch noch dagegen. Trotzdem: Wie eine Stubenfliege schwirrt das Schwarze durch mein Blickfeld. In einem Moment, der mir günstig erscheint, drücke ich ab.

Eine Sechs. Immerhin: Ich hab zumindest die Scheibe getroffen.

Wir sind auf dem Schießstand beim Schützenverein Schnepke. Mit aktuell 112 Mitgliedern nicht gerade einer der größten seiner Art, und nur etwa zehn davon schießen wettbewerbsmäßig. Aber die sind gut! Auf Kreisebene sind die Schnepker Sportschützen schon seit Jahren immer ganz vorne mit dabei. Und ein paar von ihnen haben es schon mehrfach zu den Deutschen Meisterschaften geschafft.

Sabine Weber trägt deshalb eine spezielle Schießbrille.

Wilfried Witte ist einer davon. Sechs Jahre ist das inzwischen her, dass er die Endrunden mit Pistole und Luftgewehr erreicht hatte. In Schnepke ist er der sportliche Leiter.

„Stell dich mal ein bisschen anders hin“, sagt er zu mir und zeigt mir die richtige Fußstellung. Ich schiebe die nächste Patrone in den Lauf, verriegele den Verschluss und versuche es nochmal. Mit mäßigem Erfolg. Kleinkaliber 50 Meter aufgelegt wird nicht meine Disziplin. Freihändig versuche ich’s gar nicht erst.

Nebenan am Luftgewehrstand hatte es vorhin deutlich besser geklappt. Aber da ist die Scheibe ja auch nur zehn Meter weit weg. Okay, dafür ist sie auch deutlich kleiner – kommt also unterm Strich wieder irgendwo aufs selbe raus. Trotzdem: Mit ein paar Achten und ein paar Neunen war das gar nicht mal schlecht.

Jetzt steht da an dem Stand Sabine Weber und zeigt mal, wie es richtig geht. Sie schießt in der Bezirksklasse. Bei 40 Schuss pro Wettkampf sind 400 Ringe maximal möglich. Sabine schießt im Schnitt 370er Ergebnisse. Sie selbst findet das „eher mittelmäßig“. Als Ungeübter träumst du aber von so einer Trefferquote. Zumal ich auch „nur“ aufgelegt geschossen habe und Sabine Weber dagegen „frei“ schießt. Seit 34 Jahren macht sie das inzwischen. Angefangen hat sie als Kind.

Noch ein paar Jahre mehr Erfahrung hat Uwe Koehler. Auch er gehört zu den Schnepkern, die schon auf nationaler Ebene dabei waren. Viermal hat er an den Deutschen Meisterschaften teilgenommen. Wilfried Weber erklärt: „Da kannst du dich nicht einfach anmelden. Um dahin zu kommen, musst du dich über die Bezirks- und Landesmeisterschaften qualifizieren.“ Kleinkaliber auf 50 und auf 100 Meter waren Koehlers Disziplinen. „Ich bin mal 150. geworden“, sagt er. „Von 600 Teilnehmern.“

Koehler ist jetzt 69 – noch kein Alter für Schützen. „Es gibt viele über 80, die noch auf hohem Niveau schießen. Nachher, wenn du nicht mehr stehen kannst, kriegst du ‘n Hocker“, lacht Koehler.

Schnepke ist der zweitkleinste Verein im Schützenkreis. „Aber der erfolgreichste“, sagt Uwe Koehler. „Wir haben immer drei, vier Leute ganz vorne mit dabei. Und da sind wir sehr stolz drauf.“

Davon sieht man allerdings wenig, als die Schützen für ein Gruppenbild posieren sollen. Das Gewehr lässig quer über die Brust? Auf gar keinen Fall! Am liebsten würden sie ihre Sportwaffen ganz verstecken. Nur keine Klischees bedienen! Bloß nicht als Gunslinger daherkommen. „Winnenden hat viel kaputtgemacht“, sagt Uwe Koehler leise. Fast genau zehn Jahre ist es jetzt her, dass ein jugendlicher Amokläufer 20 Kilometer vor Stuttgart an seiner Schule 15 Menschen getötet und ein knappes Dutzend weitere schwer verletzt hat. Mit einer Pistole aus dem Besitz seines Vaters. Der Vater war Sportschütze.

Rumms fliegt die Tür zum Clubraum auf. Einer der anderen Schützen, die dort am Tisch miteinander klönen, hatte durch das Fenster zum Schießstand den Fotoshoot beobachtet. „Da ist ja Rambo ein Waisenknabe gegen“, ruft er lachend seinen Kameraden zu. Sollte ein Scherz sein. Aber es zeigt: Alle haben das im Kopf.

Ein billiges Hobby ist Schießen übrigens nicht. Wer nur so zum Spaß dabeisein möchte, kommt mit den vereinseigenen Gewehren ganz gut zurecht. Wer aber wettkampfmäßig schießt, braucht irgendwann sein eigenes, das ihm sozusagen auf den Leib geschneidert ist. Das sind dann schnell mal ein paar Tausend Euro. Und die Grenzen sind nach oben offen. Wer was richtig Gutes haben will, kann schon mal im Bereich eines Kleinwagens landen.

Damit ist es aber noch nicht getan. Wilfried Witte zeigt auf einen Stapel Klamotten: „Spezielle Schießkleidung“, sagt er. Handschuhe, Jacke, Hose, Stiefel. „Fühl mal!“ Das Zeug ist steif wie ein Brett. Steckt man da drin, fühlt man sich wahrscheinlich eher wie in einer Art Ritterrüstung. „Laufen fällt damit definitiv schwer“, sagt Witte. „Aber der ganze Körper ist da drin enorm stabil. Man hat gleich einen viel ruhigeren Anschlag.“

Die Waffen würden sie am liebsten gar nicht erst in die Kamera halten. Von links: Vereinsvorsitzender Raphael Rademacher, Sportleiter Wilfried Witte und Uwe Koehler.

Einmal im Jahr Schützenfest, Männer mit Hut in lodengrüner Uniform, Bierzelt, Umzug, Humtata: Das sind die gängigen Klischees zum Stichwort Schützenverein. „Tradition“ ist der Begriff, der Uwe Koehler und Wilfried Witte dazu am ehesten einfällt. Das ist für sie aber ein eher unwichtiger Aspekt. Entscheidend für sie ist der Sport. Der Wettbewerb. Und was da alles dranhängt.

Aber worin genau liegt für sie die Faszination? Was ist der Reiz dabei? Beide müssen einmal kurz nachdenken, wie sie das am besten in Worte fassen sollen.

„Schießsport kann man nicht mit Fußball oder Handball vergleichen“, sagt Wilfried Witte.

Oder vielleicht doch? Uwe Koehler sagt: „Fußball haben wir alle gespielt. Und die Knochen sind kaputt. Das hast du beim Schießen nicht. Es schult hervorragend die Konzentration. Im Wettkampf musst du dich fokussieren. Und das über einen langen Zeitraum.“ Heißt: 50 oder 60 Minuten für 40 Schuss. „Da kann ein einziger kleiner Wackler über Sieg und Niederlage entscheiden.“ Genau diese Konzentrationsleistung ist es, die Wilfried Witte so fasziniert. „Dass du dabei vollkommen abschalten kannst. Nirgendwo sonst kriege ich den Kopf so frei wie beim Schießen.“

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