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Selbstversuch unter Atemschutz: „Was, wenn die Flasche leer ist?“

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Nur krabbelnd geht es durch die Atemschutzteststrecke.
Nur krabbelnd geht es durch die Atemschutzteststrecke. © Jantje Ehlers

Welche Anstrengungen nehmen Atemschutzgeräteträger bei ihren Einsätzen immer wieder auf sich? Kreiszeitungs-Volontär Marten Vorwerk will es im Selbstversuch herausfinden.

Landkreis Diepholz – Da stehe ich nun. Mit 18 Kilogramm Feuerwehrausrüstung vor einem Käfig, den ich „durchlaufen“ muss. Ob ich das packe? Als Selbstversuch will ich bei der Feuerwehrtechnischen Zentrale (FTZ) in Barrien den Leistungsnachweis bewältigen, den Atemschutzträger einmal jährlich machen müssen. Ich will selbst erfahren, was unter großer körperlicher Anstrengung geleistet werden muss. Um es vorwegzunehmen: einiges!

Der Atemschutzleistungsnachweis wird zu zweit durchlaufen

Unterstützt werde ich von meinem Kollegen der Kreiszeitung, Fabian Pieper. Er ist selbst Atemschutzgeräteträger bei der Feuerwehr. Er kennt das also schon. Die Teststrecke wird zu zweit abgelaufen. Fabian sagt vorher zu mir: „Das wird richtig Spaß machen, warte ab!“ Schauen wir mal ...

Das wird richtig Spaß machen, warte ab!

Fabian Pieper, Kreiszeitungs-Mitarbeiten und Atemschutzgeräteträger

Bei der FTZ in Barrien treffen wir auf Ralf Ebert und Thomas Meyer, die sich sofort per „Du“ vorstellen. Das wird bei der Feuerwehr so gemacht. Ralf ist Lehrgruppenleiter für die Atemschutzausbildung, Thomas ist Kreisausbildungsleiter des Brandabschnitts Nord im Landkreis Diepholz. Ich habe also erfahrene Leute um mich rum.

Beim Atemschutzleistungsnachweis geht es darum, einen Parcours zu durchlaufen, ohne dabei die Luft in der Atemschutzflasche ganz zu verbrauchen. Zu Beginn zeigt die Anzeige der Flasche 300 bar Druck. Unter realitätsnahen Bedingungen werde ich einen Einblick davon bekommen, was Feuerwehrleute in Einsätzen leisten und riskieren müssen, um Menschen zu retten. Dann, wenn es wirklich um Leben und Tod gehen kann.

Ausrüstung wiegt 18 Kilogramm

Bevor es losgeht, zeigen Ralf und Thomas uns kurz die Teststrecke. Hitzeraum, Käfig, Hindernisse. Vielmehr erfahre und sehe ich nicht. Jetzt muss ich die volle Feuerwehrmontur anziehen. Jacke, Hose, Schuhe, Helm, Handschuhe und die Atemschutzmaske mit Atemluftflasche. Ganz schön schwer. 18 Kilo extra Gewicht schleppe ich rum.

Die Atemschutzmaske muss sitzen: Ralf Ebert gibt mir letzte Instruktionen.
Die Atemschutzmaske muss sitzen: Ralf Ebert gibt mir letzte Instruktionen. © Jantje Ehlers

„Wenn du noch 50 bar Druck auf der Flasche hast, beginnt es zu piepen“, erklärt Thomas. „Und was, wenn die Flasche leer ist und ich noch auf der Strecke feststecke?“, frage ich mit leicht mulmigem Gefühl. „Dann sind wir schon längst drin und holen dich raus“, sagt Thomas. Na dann ist ja gut.

Leichte Panik schon bei der ersten Übung

Die Atemschutzbelastungsübung beginnt an einem Sportgerät. Das heißt: Hammerschläge. Etwa 20-mal müssen wir mit Kraft ein Gewicht runterziehen. Nach einer Minute sind die Schläge geschafft. Das war anstrengend, aber noch kein großes Problem.

Dann geht es in den Käfig. Sofort am Start müssen wir runter auf die Knie und krabbeln. Danach folgt das erste Hindernis: Eine Klapptür, die den sehr schmalen Weg noch mal doppelt so eng macht. Und wir haben richtig Probleme damit. Wie kommen wir da am besten durch? Oben drüber oder unten durch?

Zwei Minuten lang versuchen wir, die Tür zu passieren. Ich bekomme leichte Panik. Jetzt scheitere ich hier schon bei der ersten Tür. Ganz schön peinlich. Und Atemluft verbrauche ich auch viel zu viel. Von außen gibt Ralf nach einer gefühlten Ewigkeit des Rätselns den entscheidenden Tipp: „Ihr müsst unten durch“, ruft er. Mein Kollege kriecht vor, ich hinterher. Es ist sehr eng, aber es funktioniert. Die Atemluftflasche auf dem Rücken bereitet Schwierigkeiten, weil sie viel Platz wegnimmt.

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Danach geht es zum Glück besser vorwärts. Durch eine Luke, durch die ich gerade so durchpasse, gelangen wir eine Ebene weiter nach oben. Schon jetzt merke ich, wie sehr ich unter dieser ganzen Kleidung schwitze. Und das nach nur wenigen Minuten.

Genau so schwitzen müssen 1 700 Atemschutzträger im Landkreis Diepholz, wenn sie jährlich den Nachweis leisten. Um zu testen, ob sie überhaupt als Atemschutzträger in Frage kommen, müssen sie sich vorher einer ärztlichen Untersuchung unterziehen und diese je nach Alter alle drei bis fünf Jahre wiederholen. 5 000 Einsatzkräfte sind insgesamt bei den 112 Feuerwehren im Landkreis aktiv.

Zurück zur Prüfung: Plötzlich kommt Nebel in den Raum. Da es sowieso vorher schon dunkel war, ist jetzt fast nichts mehr zu sehen. Nur unsere Taschenlampe gibt uns etwas Licht.

Bei Fehlern sind die Kameraden für einen da

Vor uns erscheint als Nächstes eine Röhre, etwa zwei Meter lang. Durch unsere Lampe können wir zumindest das Innere der Röhre ganz gut beleuchten. Mein Kamerad kriecht vor. Ich versuche hinterherzukommen. Dann merke ich, dass ich beim Einstieg in die Röhre einen Fehler gemacht habe.

Ich bin nur mit dem linken Arm voraus rein. Meine rechte Hand fehlt mir, um mich durchzuziehen. Ich will sie vor meinen Körper holen. Das geht aber nicht mehr, weil es in der Röhre so eng ist, dass der Arm hinter mir festhängt. Zum Glück kommt die helfende Hand von Fabian, der mich den letzten Meter aus der Röhre rauszieht. Geschafft! Einmal durchatmen.

Die Endlosleiter hat mir körperlich noch mal alles abverlangt.
Die Endlosleiter hat mir körperlich noch mal alles abverlangt. © Ehlers, Jantje

Viel Zeit dafür ist aber nicht. Wir müssen weiter. Ich versuche, meine Atmung möglichst gleichmäßig zu halten. Das hatten uns Thomas und Ralf vorher gesagt. Immer wieder ertappe ich mich aber dabei, dass ich zu schnell atme. Wie viel Luft wohl noch in der Flasche ist? Ich habe keine Ahnung, es ist zu dunkel.

Atemschutzträger fallen nur sehr selten durch die Prüfung

Wir krabbeln weiter, müssen durch Luken nach unten kriechen oder uns nach oben durchziehen. Es ist anstrengend, aber es fängt auch an, Spaß zu machen. Jedes einzelne Hindernis zu überwinden, gibt einem einen richtigen Schub. Es gelingt mir auch, aus den kurzfristigen Erfahrungen zu lernen. Ich entwickle meine eigenen Methoden, wie ich am besten die nächste Tür, die nächste Luke oder die nächste Röhre überwinden kann.

Dass Atemschutzträger bei dieser Prüfung durchfallen, kommt übrigens sehr selten vor. „Nur, wenn sie mal gesundheitlich nicht fit sind. Dann gibt es aber Ersatztermine, um den Nachweis nachzuholen“, erklärt Thomas. In ihren jeweiligen Kommunen müssen die Atemschutzträger jährlich zusätzlich mindestens einmal unter Realbedingungen mit der Atemschutzmaske eine Übung machen, wenn nicht sogar ein Einsatz, zum Beispiel in einem brennenden Haus, ansteht.

20 Minuten bin ich nun im Parcours und wir sind endlich am Ziel. Ein Stein fällt mir vom Herzen. Als wir rauskommen, kontrolliert Ralf meine noch vorhandene Luft in der Flasche. „Du hast noch mehr als dein Kompagnon“, meint er und zeigt auf meinen Kameraden. Dann war ich ja gar nicht so schlecht. Fast 100 bar Druck habe ich noch auf meiner Flasche.

Nach dem Krabbeln durch die Strecke folgt die Endlosleiter

Doch das war es noch nicht: Am Schluss wartet ein Sportgerät. Ich muss auf die Endlosleiter. Und die hat es in sich! 20 Meter muss ich hochsteigen, obwohl ich gar nicht nach oben komme, da das Gerät automatisch mitläuft. Es ist unglaublich anstrengend, in der Feuerwehrmontur.

„Noch fünf Meter“, ruft Ralf, als plötzlich das Atemschutzgerät anfängt zu piepen. Also noch 50 bar. Das muss ich doch jetzt packen. Kurz danach stoppt die Leiter. Eine Erlösung! Geschafft.

Fabian (r.) und vor allem ich sind nach Bewältigung der Aufgabe stolz auf unsere Leistung.
Fabian (r.) und vor allem ich sind nach Bewältigung der Aufgabe stolz auf unsere Leistung. © Ehlers, Jantje

Ich bin völlig erschöpft. Als ich endlich die Atemschutzflasche und die Maske abnehme, fühlt sich alles wieder leichter an. Mein T-Shirt ist unter der Feuerwehrjacke komplett durchgeschwitzt. Aber egal: Der Test ist bestanden. Das war doch „ganz gut“, sagt Ralf zu mir. Das denke ich auch.

Nachdem Thomas mir eine Flasche kühles Wasser reicht, lasse ich das Ganze kurz Revue passieren und denke mir: Eine tolle Erfahrung. Fabian hatte recht. Das hat richtig Spaß gemacht!

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