Lokführer händeringend gesucht

Michael Zander ist Ausbildungslokführer: „Das war die beste Entscheidung meines Lebens!“

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Michael Zander (47) liebt seinen Beruf. Er ist Triebwagenführer mit Herz und Seele.

Allein bei der Nordwestbahn (NWB) klafft im Personalbestand ein Loch von sage und schreibe 17 Prozent. Züge fallen aus, weil sie niemand steuern kann. Mit eigenen Ausbildungskursen will die NWB für mehr Fachpersonal sorgen. Michael Zander ist Ausbildungslokführer. Sein Herz schlägt für die Schiene.

Landkreis Diepholz – Voll konzentriert hat Michael Zander die Anzeigetafeln in seinem Cockpit im Blick, während er seinen 150 Meter langen Zug sanft aus dem Syker Bahnhof steuert. Wie ein vertrautes, oft gelesenes offenes Buch liegt der Schienenweg vor dem Triebwagenfahrer.

In seinem früheren Leben hat der Familienvater aus Dorum (Landkreis Cuxhaven) den Beruf des Zimmermanns gelernt, war außerdem Radio- und Fernsehtechniker. Dann entschloss er sich zum Wechsel: Seit sechs Jahren ist Zander nun schon für die Nordwestbahn (NWB) unterwegs, hat als Quereinsteiger begonnen – und ist heute Ausbildungslokführer.

Michael Zander (47) liebt seinen Beruf. Er ist Triebwagenführer mit Herz und Seele.

„Das war die beste Entscheidung meines Lebens!“, sagt der 47-Jährige über seine berufliche Neuorientierung, während er mit dem Fuß die Sicherheitsfahrschaltung bedient und damit enorm wichtige Impulse gibt. Denn sie beweisen dem System, dass er aufmerksam und gesund ist. Fehlt diese in regelmäßigen Abständen angeforderte Reaktion, ertönt ein unüberhörbares Signal. „Dann hab’ ich genau noch drei Sekunden Zeit, die Sicherheitsfahrschaltung zu bedienen“, sagt der Triebwagenführer.

Immer im Blick: das Fahrplan-Buch

Zehn Stunden und 21 Minuten dauert sein Einsatz an diesem Tag. Im Wechselschichtsystem muss sich der vierfache Familienvater auf ganz unterschiedliche Zeiten einstellen. Der Frühdienst beginnt um 3 Uhr, Feierabend ist um 10.30 Uhr. Beim Spätdienst startet Zander um 21.26 Uhr und hat um 5.40 Uhr Feierabend. Abschluss- und Vorbereitungsdienst sind jeweils inklusive.

Die Brücke zwischen den Triebwagenfahrern der verschiedenen Schichten schlägt das Bordbuch: „Da werden alle betriebsrelevanten Dinge aufgezeichnet“, sagt der Lokführer. Das gilt natürlich auch für Störungen – wie zum Beispiel eines Türöffners – und Fakten darüber, ob der Zugführer das Problem selbst beheben konnte oder nicht.

Immer im Blick hat Michael Zander das Fahrplan-Buch: „Da steht alles drin“, tippt der Zugführer auf das auffallend dicke Werk. Ankunfts- und Abfahrtszeiten, Signale und andere elementare Fakten sind darin enthalten. In einem zweiten Band mit dem Titel LA sind die Langsamfahrstellen ausgewiesen, die sich zum Beispiel durch Bauarbeiten ergeben.

Anspruchsvoll und abwechslungsreich

Und dann muss Zander noch den Anweisungen des Fahrdienstleiters folgen. Es ist also ein breites Spektrum an Aufgaben, das der 47-Jährige zu erfüllen hat. Er tut es mit Herzblut: „Mein Beruf ist anspruchsvoll und abwechslungsreich.“ Außerdem müsse er sich ständig fortbilden, was dem aufgeschlossenen Dorumer gut gefällt: „Die Sicherheitsvorkehrungen im Bahnverkehr sind riesig!“

Zweimal pro Jahr müssen Zander und seine Kollegen ihre Fähigkeiten bei Überwachungsfahrten unter Beweis stellen, sich außerdem alle zwei Jahre bei Simulationsfahrten bewähren. Dafür hat der Triebwagenführer großes Verständnis: „Wenn wir nicht funktionieren und unser Fachwissen nicht da ist, dann kann das Menschenleben kosten.“

Die meisten Fahrgäste sind freundlich

Aus eigener Erfahrung weiß Michael Zander, dass ein Berufswechsel eine Herausforderung bedeutet – aber auch, welche Chancen er birgt. „Meine Aufgabe ist es, die Menschen sicher von A nach B zu bringen“, ist der Familienvater stolz auf seine verantwortungsvolle Aufgabe.

Auch wenn einzelne Fahrgäste sein Engagement nicht zu schätzen wissen: Ihren Frust über Zugausfälle oder Verspätungen lassen sie vom Bahnsteig aus an ihm aus, wenn er – wie aus Sicherheitsgründen vorgeschrieben – vor der Abfahrt des Zuges kontrollierend aus dem Cockpit-Fenster schaut. „Aber fünfundneunzig Prozent der Fahrgäste verhalten sich angemessen und freundlich“, sagt Zander.

„Es ist eine Ausbildung auf hohem Niveau“

Zugausfälle sind an der Tagesordnung, weil Lokführer fehlen. Allein bei der NWB sind laut ihrem Pressesprecher Steffen Högemann 17 Prozent der Lok- und Triebwagenfahrer-Stellen nicht besetzt – was immer wieder zu Frust bei den Bahnkunden führt. „Aber der Markt ist komplett leer gefegt“, sagt Högemann. Genau deshalb bildet die NWB jetzt selbst aus – Quereinsteiger. Selbst 55-Jährige haben eine Chance. Im August beginnt wieder ein Kurs mit 15 Teilnehmern. Zudem soll noch in diesem Jahr ein weiterer starten.

„Es ist eine Ausbildung auf hohem Niveau“, sagt Ausbildungslokführer Zander. In der Vergangenheit haben längst nicht alle Teilnehmer die Anforderungen gemeistert, gesteht Högemann. „Wir haben jetzt aber gute Leute gefunden und guten Zulauf.“ Das erklärte Ziel bei der NWB: Im April sollen die ersten selbst ausgebildeten Triebwagenführer auf die Strecke gehen.

Ganz wichtig: Belastbarkeit

Weitere Kandidaten sind willkommen. Üblicherweise kämen die Bewerber aus technischen Berufen. „Aber das ist kein absolutes Muss“, sagt der Pressesprecher. Mitbringen sollten Interessierte aber ein technisches Verständnis. „Man muss auch ein Gefühl für Menschen haben“, beschreibt Zander eine weitere Fähigkeit. Disziplin und die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen, gehöre genauso dazu wie Flexibilität: „Es kann ja auch mal ein Kollege ausfallen und da sollte man bereit sein, den Dienst zu tauschen.“ Außerdem sei Belastbarkeit ganz wichtig, betont Zander: „Man hat manchmal auch psychischen Druck. Dem muss man Stand halten können.“

In den sechs Jahren als Triebwagenführer hat Michael Zander schon 50 „Beinahe-Unfälle“ erlebt: Menschen, die sich in den Gleisen befanden – in Lebensgefahr. Dafür hat er absolut kein Verständnis: „Das Sicherheitsbewusstsein ist überhaupt nicht mehr gegeben.“ Bis zu 400 Menschen hat der 47-Jährige an Bord, ist mit bis zu 160 Stundenkilometern unterwegs. Tag für Tag und immer wieder gern.

Info: Ausbildung und Vergütung

In zehn Monaten erwerben die Teilnehmer an den Ausbildungskursen das Fachwissen, das sie als Triebwagen- oder Lokführer Tag für Tag einsetzen müssen. Außerdem müssen sie während ihrer Ausbildung 40 Schichten fahren – mehr als 400 Stunden im Zug-Cockpit. „Während der Ausbildung zahlen wir Quereinsteigern 2 050 Euro im Monat“, erläutert Steffen Högemann als Pressesprecher der Nordwestbahn (NWB). Das Anfangsgehalt liege dann bei 2 750 Euro brutto. „Mit Schichtzulagen kommt man aber schnell auf 3 000 Euro brutto.“

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