Hoffnungsschimmer bei Nachfolgersuche

Dr. Schwithal geht mit einem Lächeln: Hausarzt schließt Praxis Ende März

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Wolf Schwithal hat den Schreibtisch immer frei von Computern gehalten. Ihm ist es wichtig, seinen Patienten in die Augen zu schauen.

Syke - Von Marc Lentvogt. Seit 1948 sorgt Familie Schwithal für die Gesundheit der Syker Bevölkerung. Ende März endet diese Epoche. Dr. Wolf Schwithal möchte kürzertreten – langsam lassen die Kräfte nach. Seine Tochter, ebenfalls Medizinerin, würde in einigen Jahren nach Syke kommen, jetzt sei es noch zu früh. Auch außerhalb der Familie fand Schwithal keinen Nachfolger, Syke ist ab dem zweiten Quartal um eine Hausarztpraxis ärmer.

„Ich versuche zu denken, dass ich es ganz gut gemacht habe, auch wenn ich die Familiengeschichte nicht retten kann.“ Trotz der Wehmut, die Schwithal empfindet, verlässt das Lächeln sein Gesicht nicht. Ein Lächeln, welches seine Patienten immer sehen sollten. Dass kein Computer auf dem Tisch steht, sei eine bewusste Entscheidung, denn „meine Stärke ist das Reden“. Notizen macht der Ur-Syker sich auf Karteikarten, die notwendigen Daten – Diagnose und Medikamente – werden später in die Datenbank eingepflegt. Der Verlust simpler, aber wichtiger Rituale wie der Begrüßung – eine Erfahrung, die manche Patienten in Facharztpraxen haben machen müssen – sind Schwithal unverständlich. Die Bildschirm-Flut macht er mitverantwortlich.

Im Gegenzug hat sich vieles in den 33 Jahren zum Positiven entwickelt, seit er die Praxis von Mutter Ursula übernahm. „Früher schickte ich meine Patienten nach Bremen ins Unbekannte, hier und heute kenne ich die Facharzt-Kollegen, an die ich meine Patienten verweise.“

Problematisch, wenn Patienten panisch werden

Und die Wochenenddienste erst: „Sie waren früher eine Schlacht“, erinnert sich Schwithal. Tage- und nächtelang musste er durcharbeiten, der Zuständigkeitsbereich war zudem größer. Notarztwagen habe es 1985 noch nicht gegeben. „Ich bin in den Wagen gesprungen, habe den Notarzt gemacht und in der Praxis ist alles zusammengebrochen. Das war noch etwas steinzeitlich.“

Aber früher war doch sicherlich auch manches besser – als sich durch das fehlende Internet noch nicht jeder Patient vor dem Praxisbesuch selbst diagnostiziert hatte? „Problematisch ist es, wenn die Personen panisch werden.“ Allgemein schätze Schwithal es aber, wenn Patienten informiert sind. Die resultierenden Diskussionen haben auch eine gute Seite, argumentiert er, sie bilden Vertrauen.

Beruf des Hausarztes verliert offenbar den Reiz

Nein, mit Ausnahme der Finanzen „ist der Beruf des Hausarztes wunderschön“. In den vergangenen Jahren wurden „Krankenhäuser, Kassenärzte und Seniorenheime total vernachlässigt“. Schwithal attestiert den Kassen und der Politik in diesem Bereich ein Versagen. Noch immer trägt er Wut auf die frühere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) und ihre Fixierung auf betriebswirtschaftliches Denken in sich. Mit Syker Kollegen ist Schwithal in der damaligen Legislaturperiode auf die Straße gegangen. „Wir haben uns nicht verstanden gefühlt.“

Als Schwithal sich bewusst wurde, dass er pro Quartal zwei bis drei Wochen umsonst arbeitet, da nicht genug Geld von den Kassen kommt, beschloss er, in dieser Zeit Urlaub zu machen. Er nutzt die Zeit um Kraft zu schöpfen und seine Patienten, erklärt er, kennen dadurch bereits viele Kollegen – ihnen dürfte es leicht fallen, einen neuen Hausarzt zu finden.

Einst veränderte sich für Patienten oft nur das Gesicht des Arztes, die Praxis blieb ihnen vertraut. Heute ist das anders. Der Beruf des Hausarztes habe für junge Menschen augenscheinlich seinen Reiz verloren.

Ablenkung mit Gitarre und Klavier

„Das Gemeine ist, dass es keine Hilfe von der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) gibt.“ Die zuständige Bezirksstelle in Verden habe sich nicht gemeldet. Da stellt sich für Schwithal die Frage: „Was soll das ,Ärztlich willkommen’-Banner in der Stadt?“ Zumal derzeit nur eine einzige Hausarztstelle offen sei, die besetzt werden müsste.

In einen Topf dürfen die beiden Sachverhalte nicht geworfen werden, heißt es seitens der KV. Michael Schmitz, Geschäftsführer in der Bezirksstelle Verden, äußert Unverständnis für die Kritik: „Ich bin überrascht. Wir haben eine Praxisberatung. Wenn junge Ärzte kommen, was leider nicht in Massen der Fall ist, informieren wir sie.“ Aber leider passiere es gelegentlich, dass sich niemand findet, der eine Praxis übernehmen möchte.

Die „Ärztlich willkommen“-Kampagne werde von der KV unterstützt, aber von den Kommunen initiiert, erläutert Detlef Haffke, Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. In der Region Syke sei der Altersdurchschnitt bei Hausärzten hoch, liege bei gut 55 Jahren. „Da muss jetzt schon Werbung gemacht werden. Das ist eine Investition in die Zukunft.“

Hoffnungsschimmer für Doktor und Stadt

Für Wolf Schwithal dürfte das kein Trost sein. Ablenkung erhofft er sich von Gitarre und Klavier. „Mit einem Instrument in der Hand komme ich auf andere Gedanken.“ Politik, die KV – nicht alles hat sich in den vergangenen 33 Jahren gebessert, aber das Lächeln ziert noch immer Wolf Schwithals Gesicht.

Einige Stunden nach unserem Gespräch klingelt das Telefon in der Redaktion. Das Lächeln ist bei Wolf Schwithal in diesem Moment hörbar noch größer als bei unserem Abschied. „Ein Kollege hat mich angerufen. Vielleicht hat er einen jungen Kollegen gefunden, der die Praxis kurzfristig übernehmen will.“ Ein Hoffnungsschimmer für Doktor und Stadt.

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