Über alternative Wohnformen

Henning Scherf – Publikumsmagnet und Mutmacher

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Henning Scherf erwies sich bei der Podiumsdiskussion in Barrien als Idealbesetzung, um für zukunftsfähiges Wohnen zu werben.

Barrien - Von Detlef Voges. Vom Hachehuus Barrien in die Barrier Kirche: Wer heute zu einer Podiumsdiskussion über bezahlbares Wohnen und Wohnen in der Zukunft einlädt, muss schon mal Platz schaffen, auch spontan. Die Barrier Kirche bot ihn. Das Gotteshaus war am Dienstagabend bis auf den letzten Platz besetzt.

Die Menschen erwarteten Wegweiser und Antworten. Manche gab es, manches blieb vage. Das Fazit klang positiv: Über alternative Wohnformen nachzudenken, Neues anzupacken, gemeinsame Modelle zu entwickeln, das Wir über das Ich zu stellen.

Die Gastgeber, Bürgermeisterin und Moderatorin Suse Laue sowie Hartwig Seevers, Makler und Mitglied des Barrier Kirchenvorstands, hatten eine interessante Podiumsrunde aus Machern, Idealisten und Wohngemeinschafts-Erfahrenen um sich versammelt: Henning Scherf (Bremer Ex-Bürgermeister), Wilfried Seifert (Seniorenbeirat Syke), Ralf Borchers (Syker Wohn-Mix), Christian Dimke (Syker Wohnnest), Susanne Krebser (Kommunalverbund Bremen/Niedersachsen) und Michael Döhring (Mietgemeinschaftliches Wohnen Syke).

Scherf erwies sich auch in Barrien als Idealbesetzung, um für zukunftsfähiges Wohnen zu werben. Der 81-Jährige bewohnt seit 1987 im Bremer Zentrum mit neun anderen Mitstreitern ein Mehrgenerationenhaus. Die Jugend ist längst eingezogen. Im Haus erwartet ein Paar ein Baby. „Wir freuen uns wie die Schneekönige“, sagt Scherf. Eine Flüchtlingsmutter aus Afrika mit drei Kindern hat die alternativen Bewohner vor fünf Jahren erweitert. Als sie ankamen, sprachen die Kinder kein Deutsch. Heute besuchen sie das Gymnasium und nennen Henning und Co. Opa und Oma. „Wir haben Platz für Gäste, wir machen viel gemeinsam, helfen auch im Krankheitsfall“, nannte Scherf Gründe für das Gelingen des Projekts.

Eine Wohnungsgemeinschaft schafft seiner Meinung nach Ideen gegen den Pflegenotstand. Denn er wolle ja auch dort sterben, wo er zuhause sei. Die Menschen sollten nicht jammern, sondern Vorhaben angehen. Wohngemeinschaftsmodelle – das klappe.

Über bereits existierende Objekte berichteten Borchers (Syker Wohn-Mix) und Döhring (LRP Immobilen) – Letzterer über ein Mehrgenerationenhaus Haus (20 Parteien) in Bremen, das zur Hälfte über geförderte Wohnungen zu 6,50 Euro pro Quadratmeter verfüge. Borchers stellte ein fertiges genossenschaftliches Haus mit acht Parteien vor. Beide sprachen von Wartelisten. Daraus hat sich in Syke das neue Projekt Syker Wohnnest gebildet. Drei Paare sind zurzeit dabei, ein geeignetes Baugelände zu finden. Seevers plant in Barrien ein Projekt für bezahlbares Wohnen.

Was denn zum Start wichtiger sei, das Gelände oder die Wohngemeinschaft, wollten Besucher wissen. „Das zusammen Kennenlernen ist wichtig als erster Schritt“, betonte Dimke. Das bestätigten Döhring, Borchers und Scherf. Die Chemie müsse stimmen, so Scherf, der von gemeinsamen Entscheidungen aller Mietbewohner sprach. Erst dann sollte man sich auf die Suche nach einer Immobilie machen.

Das „Bezahlbare“ in alternativen Wohnformen war natürlich ein Thema. Susanne Krebser sprach von sichtbarem Bedarf, auch in Syke. Die Anbieter nannten Zahlen: Acht Euro Miete pro Quadratmeter (Borchers im Wohn-Mix), 5,60 Euro Kaltmiete (Seevers). Bei 5,60 Euro Kaltmiete horchte Seifert auf. Er habe schon seit Jahren auf das Problem bezahlbaren Wohnraums hingewiesen, aber kein Gehör bei der Politik gefunden, monierte der Vertreter des Seniorenbeirats, der das städtische Projekt am Hallenbad hervorhob. Früher habe man das mit dem Verkauf des Eigenheims finanzieren können. Heute müsse man noch zusätzlich einen Kredit aufnehmen. Und den bekämen viele Ältere nicht. Die Veranstaltung verstehe er als ein Signal an die Politik, nach Lösungen zu suchen.

Auch an dieser Stelle war Scherf Mutmacher. Er habe das Haus in Bremen 1987 mit zwei Freunden gekauft und einen Kredit von 800 000 DM aufgenommen. Um die Schwächeren in der Gruppe nicht ungerecht zu belasten, sei jeder entsprechend der Größe seiner Wohnung zur Kasse gebeten worden. Das habe geklappt. Seit zehn Jahren sei die WG schuldenfrei. Auch Pflegefälle in der Gruppe seien durchaus finanzierbar. In Bremen erfolge das über die Heimstiftung. „In Syke gibt es doch ambulante Pflegedienste“, erklärte der 81-Jährige.

Einig war sich die Runde, dass man den Mut aufbringen sollte, loszulassen und Neues zu beginnen, mit Kindern und Freunden darüber zu reden und gemeinsam etwas zu bewegen. „Ich wünsche mir, dass Sie angesteckt werden“, meinte Bremens Ex-Bürgermeister in das Publikum.

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