„Tod eines Handlungsreisenden“

Das Scheitern des Normalos: Helmut Zierl füllt die Rolle von Willy Loman

Helmut Zierl als Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“. Foto: Jantje Ehlers
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Helmut Zierl als Willy Loman in „Tod eines Handlungsreisenden“.

Syke - Von Detlef Voges. Dustin Hoffman spielte ihn, Heinz Rühmann auch. Am Montagabend verkörperte Helmut Zierl im Syker Theater den Willy Loman in Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“. Eine nach wie vor beklemmende Menschenstudie, der Zierl ein eindringliches Format gab.

Der 65-jährige Schauspieler aus dem schleswig-holsteinischen Meldorf hat mittlerweile das Alter, die Körpersprache und die Erfahrung, um solche Rollen zu füllen. Willy Loman, das ist ja keine rührselige, platte Schmonzettenfigur. Der Mann hat eher die Ausmaße eines shakespearischen „King Lear“. Ein tragischer Mensch, der am und im Leben scheitert.

Arthur Miller hat mit ihm eine grandiose menschliche Parabel geschaffen, die 71 Jahre nach ihrer Erstaufführung in New York auch heute noch viele Facetten des Menschseins abgreift zwischen Anspruch und Scheitern, Illusion und Realität. Vielleicht ist es genau diese greifbare Lebensnähe, die dem Tod des Handlungsreisenden und seiner Hauptfigur Willy Loman so viel Frische verleiht. Der Handlungsreisende ist keine Fantasie-Erscheinung, sondern ein Normalo, in dem viele sich wiederfinden können. Eine verlorene Seele, die die Gesellschaft ausspuckt, wenn sie ihr Soll nicht mehr erfüllt. Das war 1949 so. 2020 ist es nicht anders.

Regisseur Harald Demmer hat das Gleichnis des Scheiterns, das Verwechseln von Traum und Wirklichkeit in eindrucksvollen Bildern festgehalten: Willy Loman als Verfechter des „American Dream“, der genau an dieser profitorientierten Gesellschaft scheitert, nach 35 Jahren seinen Job verliert. Seinem Freund Howard (Martin Molitor) vertraut er sich an und sagt: „Du kannst die Zitrone nicht auspressen und dann die Schale wegwerfen – der Mensch ist doch kein Abfall.“ Da irrt Herr Loman.

Der Handlungsreisende verliert seinen Stolz an sich, aber nicht die Hoffnung am Erfolg seiner Söhne Biff (Julian Härtner) und Happy (Marcel Schubbe). Bis zum Schluss hängt Loman dem Profittraum an, glaubt besonders an die große Karriere von Biff und verliert den Blick für das Menschliche. Beide Söhne wandeln auf der Verliererstraße, dem Geld folgend. Das Modell „Loman Brothers“ bleibt eine Illusion.

Das Trugbild des Mammon beschwört Demmer immer wieder in Rückblenden, wenn Loman seinem Bruder Ben (Jonas Gruber) begegnet, der als junger Mann im Urwald beim Diamantenabbau sein Geld gemacht hat.

Mitten im menschlichen Getümmel steht Lomans Frau Linda (Patricia Schäfer). Sie vermittelt, gleicht aus und konfrontiert die Söhne mit der Wahrheit. „In diesem Haus ist keine zehn Minuten die Wahrheit gesagt worden“, erklärt sie und verlangt Respekt von ihren Söhnen gegenüber dem Vater. Während Biff seinem Vater sein bisheriges Versagen offenbart, aber auch seine Liebe zeigt, bleibt Willy Loman in der Lebenslüge des großen American Dream und seinem „buy now, pay later“ gefangen. Ein kleiner Handlungsreisender, in dem sich die ganze Welt spiegelt.

Zierl verlieh der Figur Größe durch ein authentisches, eher zurückhaltendes Spiel, das nie der Effekthascherei aufsaß. Seine reduzierte Körpersprache machte das Scheitern umso nachhaltiger. Zierls Willy Loman im abgetragenen grauen Anzug, sein Blick nach innen und seine Euphorie, wenn der Lebensschwindel Gestalt annahm, das waren Momente, die beredter waren als viele Worte.

Dazu passte das Spiel von Patricia Schäfer als Ehefrau Linda. „Er war immer so geschickt mit seinen Händen“, sagt sie am Grab von Loman. Schäfer verkörpert ihre Figur facettenreich. Hier ganz dienende Ehefrau, die ihrem Mann in den Mantel hilft, dort aufbrausende Mutter, die ihren Söhnen die Leviten liest. Beklemmend in ihrer Resignation, als sie zum Ende des ersten Aktes ihrem Mann das Lied „What a wonderful world“ vorsingt.

Ironie in musikalischer Form und bildhafte Lebenslüge, die in der Welt des Profits aber keinen Platz hat.

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