Scheiter heiter 

Selbstversuch: Improvisationstheater für Anfänger

+
„Freeze!“ hat Mitspielerin Perdita gerade im Hintergrund kommandiert und ist aufgesprungen, um diese Szene fortzusetzen – aber mit völlig anderem Inhalt.

Syke - Von Michael Walter. Neun erwachsene Menschen stehen im Kreis um einen zehnten herum. „Biddeli“ ruft der einem der neun zu, und erhält ein „Bop“ als Antwort. „Toaster“ sagt er zu einem anderen. Der hüpft nun auf und ab, während seine beiden Nebenleute ihre Arme wie Schranken vor und hinter ihm ausstrecken. Keine Szene aus der Irrenanstalt, sondern eine Aufwärmübung beim Improvisationstheater-Workshop, den Stadt  & Kultur jetzt zum ersten Mal angeboten hat.

20 Teilnehmer verbringen an diesem Mittwoch einen ebenso spaßigen wie anstrengenden Abend in den Katakomben des Syker Theaters, und ich mittendrin.

Dozentin Tinka erklärt uns den Sinn dieses Aufwärmspiels. Es geht darum, ohne nachzudenken auf Stichworte zu reagieren. Dass man „richtig“ reagiert, ist dabei gar nicht entscheidend. Im Gegenteil: Wenn alle immer richtig reagieren, ist es strunzlangweilig. Andersrum ausgedrückt: Dieses Spiel funktioniert nur, wenn man Fehler macht. Scheiter heiter.

Den wichtigsten Grundsatz haben wir zuvor bei Tinkas Kollegen Frank auf der Theaterbühne gelernt: Alle sitzen auf Stühlen. Bis auf einen. Das ist der Zombie. Ein Stuhl ist noch frei. Alle Sitzenden müssen nun so die Positionen wechseln, dass der Zombie sich nicht setzen kann – wodurch zwangsläufig andere Stühle frei werden, auf die sich der Zombie setzen könnte. Also muss wieder jemand anderes vor ihm den freien Platz besetzen. Sobald der Zombie sitzt, ist das Spiel vorbei. „Alle sind verantwortlich, dass das Spiel weiterläuft“, sagt Frank. Und meint das übertragen aufs Improvisationstheater allgemein. Wer mitmacht, muss seine persönliche Komfortzone aufgeben. „Lieber erst noch mal kucken und die anderen machen lassen – das funktioniert nicht“, ergänzt Tinka. „Wenn ihr eine Idee habt: Gebt ihr nach! Setzt den ersten Gedanken um, der euch in den Sinn kommt.“

Scharade mal anders

Das üben wir danach in zwei Gruppen. Etwa mit dem „Biddeli Bop“-Spiel. Ein anderes Spiel führt uns zum nächsten Schritt: Jemand stellt pantomimisch eine Szene dar – so lange, bis ein zweiter erkennt, was es ist. Der kommt dann dazu, greift die Situation auf, und beide spielen – Sprechen ist ab da wieder erlaubt – die Szene weiter.

Ich schiebe also ein imaginäres Fahrrad vor mir her, bemerke einen Platten, drehe das Rad um und löse den Schlauch aus dem Mantel. Das ist so eindeutig und einfach, dass ich sofort eine Mitspielerin habe. Und während ich gerade den Flicken auf dem Schlauch aufbringe, fragt mich die Mitspielerin: „Ist das Kabel bald repariert? Ich hätte gern langsam mal wieder Strom.“

War wohl doch nicht so eindeutig. Mein „Erst wenn ich den Reifen geflickt habe“ rettet zwar die Situation und bekommt einen Lacher. Aber ich lerne: Besser wäre es gewesen, hätte ich die neue Situation angenommen und damit weitergespielt.

Im weiteren Verlauf steigern wir uns über verschiedene Formen von Stafetten. Zwei Spieler stellen eine Szene dar. Sobald ein anderer Mitspieler zu Gestik oder Haltung der beiden eine Assoziation hat, unterbricht er das Spiel, klatscht einen der beiden ab, nimmt dessen Position und Haltung ein und setzt die Szene fort – aber mit einem völlig anderen Inhalt, auf den der übrig gebliebene Mitspieler nun eingehen muss.

Aserbaidschanische Antworten

In der erweiterten Form beginnt ein einzelner Spieler, dann kommen nach und nach ein zweiter, dritter, vierter, fünfter hinzu. Und jedes Mal wechselt die Szene. Aus einem Solo im Schuhgeschäft werden eine Yoga-Stunde zu zweit, drei Putzfrauen bei der Arbeit, ein Wiederbelebungsversuch nach einem Unfall und die Suche nach Ostereiern. Und dann steigt einer nach dem anderen „begründet“ wieder aus, und die übrigen nehmen die Szene davor wieder auf, bis am Ende der Erste als Letzter übrig bleibt.

Nach gut vier Stunden treffen sich beide Gruppen auf der Bühne wieder. Jede spielt der anderen zwei Szenen vor.

Zwei Kerle im Fitnessstudio. Beim Impro-Theater gibt es weder Bühnenbild noch Requisiten. Nur viel Fantasie.

Den Vogel schießen dabei Silvia, Amelie und Brigitte aus der anderen Gruppe ab. Sie stellen ein Fernseh-Interview dar: Moderatorin, Gast und Dolmetscherin. Person, Thema und Sprache – diese Vorgaben kommen aus dem Publikum, also von uns. Somit wird es ein Interview mit einer Profifußballerin aus Aserbaidschan. Die drei Frauen machen das so großartig, dass wir anderen uns nur noch kringeln. Insbesondere Amelies aserbaidschanische Antworten und Brigittes Übersetzungen sitzen wie geprobt und sind einfach hinreißend.

Bei der kurzen Feedback-Runde zum Abschied überwiegen zwei Reaktionen: Praktisch alle sind erstaunt, wie schnell fünf Stunden rumgehen können. Und allen hat es riesig Spaß gemacht. Einige würden gern tiefer in die Materie eintauchen und weitere Kurse besuchen. Und der Wunsch wird laut, dass die Stadt diesen Workshop nächstes Jahr wieder anbietet. Ich glaube, mein Kollege Frank Jaursch fände das gut.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema:

Rajoy kündigt Regierungsabsetzung in Katalonien an

Rajoy kündigt Regierungsabsetzung in Katalonien an

Erneuter Rückschlag für BVB - Bayern schließen auf

Erneuter Rückschlag für BVB - Bayern schließen auf

Artistisches Abschlusstraining

Artistisches Abschlusstraining

Krause-Sause in der Halle 7

Krause-Sause in der Halle 7

Meistgelesene Artikel

„Sperrung könnte auch länger dauern“

„Sperrung könnte auch länger dauern“

Zeugen für Trunkenheitsfahrt in Barnstorf gesucht

Zeugen für Trunkenheitsfahrt in Barnstorf gesucht

Unfallflucht nach Kollision zweier Autos in Gessel

Unfallflucht nach Kollision zweier Autos in Gessel

Der neue Fantasyroman von Ireene Schaufuß: Fernweh inklusive

Der neue Fantasyroman von Ireene Schaufuß: Fernweh inklusive

Kommentare