Richter Christoph Kellermann für Mischung aus Strafverfolgung und Prävention

„Haschisch freigeben ist Augenwischerei“

Syke - Von Dieter Niederheide und Michael Walter. Die Freigabe von Cannabis bewegt zur Zeit die politischen Gemüter in Niedersachsen und Bremen. Der Bremer Bürgermeister Carsten Sieling hat eine legale Abgabe über lizensierte Ausgabestellen als Modellversuch vorgeschlagen.

Richter Christoph Kellermann

Eine Idee, die auch bei SPD, FDP und Grünen im Niedersächsischen Landtag Gefallen findet. Argument: Die Strafverfolgung von Marihuana und Haschisch sei nicht mehr zeitgemäß. Stimmt das? Wir haben Richter Christoph Kellermann danach gefragt. Kellermann ist Vorsitzender des Schöffen- und Jugendschöffengerichts am Syker Amtsgericht. Fast jedes dritte Jugendverfahren hat mit Cannabis zu tun.

Was halten Sie von dem Bremer Vorschlag?

Christoph Kellermann: Erste Erfahrungen aus den USA, wo es in einzelnen Bundesstaaten ähnliche Modellversuche gibt, zeigen, dass das Konzept nicht funktioniert. Es ist ja keineswegs geplant, Cannabis kostenlos abzugeben. Aber legal gehandeltes und damit versteuertes kontrolliert angebautes Cannabis ist fast doppelt so teuer wie illegal angebautes. Es ist Augenwischerei, wenn man sagt, dass man mit einer Freigabe die Beschaffungskriminali- tät aushebeln würde.

Auf der anderen Seite verhandeln Sie und Ihre Kollegen regelmäßig wegen einem Gramm Haschisch hier oder zwei Gramm Gras dort. Gemäß der Bremer Idee wären bis zu 60 Gramm für den Eigenbedarf straffrei. Wäre das nicht sinnvoll? Das würde doch auch die Justiz erheblich entlasten.

Kellermann: Erstens sind 60 Gramm schon eine ganze Menge. Und zweitens: Warum soll gerade da die Grenze liegen und nicht woanders? Also, entweder ist es erlaubt oder nicht. Drittens wäre das die falsche Antwort auf die von Bremen seit Jahren beklagte Personalnot bei Justiz und Polizei.

Seit ungefähr 150 Jahren versucht die Polizei, den organisierten Drogenhandel zu bekämpfen. Bisher vergeblich. Wäre es da nicht besser, sämtliche Drogen zu legalisieren und unter ärztlicher Aufsicht abzugeben? Das würde doch zumindest dem organisierten Verbrechen den Boden unter den Füßen wegziehen.

Kellermann: Tatsächlich sollte man angesichts des Bremer Vorschlags ehrlicherweise diskutieren, mit welcher Rechtfertigung etwa Heroin oder Kokain nicht für den eigenen Konsum freigegeben werden sollten.

Und? Sollten sie?

Kellermann: Ich finde nicht. Mit der gleichen Argumentation könnte man ja zum Beispiel auch Wohnungseinbrüche legalisieren – was ja wohl von niemanden gewollt ist.

Aber wie soll man denn dann den Drogensumpf trocken legen?

Kellermann: Das wird uns wahrscheinlich nie gelingen. Allein schon, weil es immer Leute gibt, die Drogen nehmen WOLLEN. Damit werden wir wohl leben müssen.

Damit wir damit richtig umgehen können, brauchen wir die passende Mischung aus Strafverfolgung und Prävention. Wichtig ist insbesondere die Aufklärungsarbeit in den Schulen. Bei der Gewaltkriminalität war die Präventionsarbeit der Schulen – und auch die der Polizei – zum Beispiel sehr erfolgreich. Das zeigen die rückläufigen Zahlen in diesem Bereich.

Wir müssen außerdem die Gewinne aus dem Drogengeschäft konsequent abschöpfen. Es gibt dafür schon ein paar vielversprechende Ansätze.

Stichwort „Drogen nehmen wollen“: Es heißt ja seit Jahrzehnten immer, Haschisch und Marihuana wären die Einstiegsdrogen schlechthin. Das heißt, man steigt dann früher oder später zwangsläufig auf härtere Drogen um und legt mit dem gelegentlichen Joint den Grundstein für eine Junkie-Karriere. Stimmt das?

Kellermann: Für eine Einstiegsdroge halte ich es nicht. Diese Einstufung ist aber auch irrelevant, da grundsätzlich jede Droge zum lebensbestimmenden Inhalt werden kann, auch ohne Steigerung. Genau wie bei unserem Betäubungsmittel Nummer eins: Alkohol.

Für wie gefährlich halten Sie Cannabis?

Kellermann: Cannabis beziehungsweise der Wirkstoff THC ist für sich genommen ungefährlich. Er ist jedoch nicht zu verharmlosen. Jedes Betäubungsmittel ist gefährlich für die Psyche von Dauerkonsumenten. Hinzu kommt: Das meiste gehandelte Cannabis stammt aus Indoor-Plantagen und ist hochgradig belastet mit Düngemitteln und Pestiziden.

Niedersachsens Innenminister sagt, dass der Wirkstoffgehalt in Haschisch und Marihuana in den letzten Jahren drastisch gestiegen sei. Ist das so?

Kellermann: Das ist aus meiner Sicht vollkommen richtig. Die Wirkstoffgehalte sind durch neue Züchtungen und professionalisierten Anbau in Regionen geschossen, die bis zum Fünf-bis Achtfachen dessen liegen, was manche in ihrer Jugend mal probiert haben.

Rubriklistenbild: © Mediengruppe Kreiszeitung

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