Richard David Precht sprach in der Sparkasse in Syke über Moral

„Nicht auf Heilige warten“

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Richard David Precht erläutert seine Gedankengänge über Moral und menschliches Handeln.

Syke - Von Julia Kreykenbohm. Stellen Sie sich vor, Sie könnten fünf Menschen retten, indem Sie einen in den sicheren Tod schicken. Würden Sie es tun? Und wie wäre es, wenn Sie diesen einen Menschen mit Ihren eigenen Händen töten müssten, um den anderen zu helfen? Würden Sie noch genauso entscheiden? Und wenn nicht, warum?

Die Fragen, die Richard David Precht, Philosoph, Publizist und Autor, den rund 300 Gästen am Donnerstagabend im Gebäude der Kreissparkasse in Syke stellte, hatten es in sich.

„Moralische Gefühle. Warum wir anders handeln, als wir denken“ lautete der Titel der Vortragsveranstaltung. Wobei Vortragsveranstaltung nicht ganz zutrifft. Denn Precht referierte nicht bloß über philosophische Themen und Entdeckungen aus der Hirnforschung, sondern band sein Publikum mit ein, in dem er Situationen schilderte und die Gäste bat, per Handzeichen zu zeigen, wie sie sich entschieden hätten.

So hätten 80 Prozent der Zuhörer einen Menschen für fünf geopfert. „Das erscheint logisch“, sagte Precht. „Sie entscheiden rational, dass fünf Leben mehr wert sind als eins.“ Doch als es dann darum ging, diesen einen Menschen zu töten, um fünf zu retten, meldeten sich nur noch wenige. „Dabei ist das Ergebnis noch immer das selbe. Aber da ist etwas in Ihnen, das sagt: ,Das kann ich nicht bringen‘. Wird also die Moral vom Kopf gesteuert und nimmt Einfluss auf unsere Gefühle, oder ist sie mehr ein Gefühl, das im Nachhinein vom Verstand gerechtfertigt wird?“

Um es vorweg zu nehmen: eine klare Antwort auf diese Frage wurde an diesem Abend nicht gegeben. Vielmehr versuchte Precht deutlich zu machen, dass der Begriff Moral zwar häufig und gern benutzt wird – aber im Grunde niemand weiß, was sich konkret dahinter verbirgt.

Precht hatte keine wirklich neuen Erkenntnisse im Gepäck oder präsentierte innovative Lösungsvorschläge. Er erhob aber auch keinen Anspruch darauf. Stattdessen schärfte er den Blick seiner Gäste für Dinge des Alltags, hinterfragte scheinbar selbstverständliche Handlungen und fasste menschliche Verhaltensweisen kurz zusammen: „Menschen sind lieber die Bösen als die Dummen.“ Er sei kein Pessimist, sondern wolle ein realistisches Bild vom Menschen vermitteln, auf dessen Grundlage man nach Lösungen für Probleme suchen könne.

Bei all den tiefschürfenden Fragen, kam aber auch der Humor nicht zu kurz, mit dem Precht seinen Gästen kleine Erholungspausen vom Grübeln gönnte: „Sehen wir uns mal hier im Raum um, 300 Primaten sitzen friedlich nebeneinander. Wären wir Schimpansen, wäre schon ein Kampf der Silberrücken um die Weibchen ausgebrochen.“

Besonders die Anekdoten aus dem Tierreich, wie die über die Bonobos (Zwergschimpansen), bei denen Konflikte meist mit Sex gelöst werden, lockerten den Abend auf, ebenso wie der kleine Streifzug in die Welt der menschlichen Kommunikation. So sei die Ehe die seltsamste Form davon. „Die wichtigsten Sätze werden nicht gesagt, weil man erwartet, vom Partner gelesen zu werden, während die unwichtigsten Sätze ständig wiederholt werden müssen, wie zum Beispiel ,Ich liebe dich‘“, erläuterte Precht, was besonders bei den Paaren für Gelächter sorgte.

Zum Ende wurden die Töne wieder ernster, als der Philosoph auf die Flüchtlingsdebatte zu sprechen kam. „Deutschland will nun ernst nehmen, woran es glaubt. Das können wir, weil es uns gut geht.“ Eine Gefahr sieht Precht, wenn sich die wirtschaftliche Lage verschlechtert und die Stimmung umschlägt. Der Nährboden dafür sei gelegt, denn „je höher der Fairness-Anspruch in einer Gesellschaft, desto höher der Neid und die Schadenfreude.“

Doch Precht hat die Hoffnung nicht aufgegeben: „Die Geschichte zeigt, das moralischer Fortschritt möglich ist. Aber wir sollten etwas dafür tun und nicht auf Heilige warten, die haben die Welt selten besser gemacht.“ Dem Vortrag folgte eine Fragerunde, die ein Mann mit dem Kommentar abschloss: „Vielleicht sollten wir Probleme öfter wie Bonobos lösen.“

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