„Tag der Jugend“ erreicht aber nur wenig Publikum

Reichlich Denkanstöße

Nur wenig Jugendliche beim Tag der Jugend auf dem Syker Rathausplatz.
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Nur wenig Jugendliche beim Tag der Jugend auf dem Syker Rathausplatz.

Syke – Also, am Wetter hat"s jedenfalls nicht gelegen: Blauer Himmel, Sonnenschein – schöner kann ein
9. November in unseren Breitengraden kaum sein. Trotzdem begann das Programm zum „Tag der Jugend“ Dienstag auf dem Rathausplatz weitgehend ohne die Hauptzielgruppe. Nur eine Handvoll besetzte beim Auftakt um 16 Uhr die Stühle vor dem Bühnenwagen. Im weiteren Verlauf wurden es dann etwa 50. Doch die Veranstalter konnten nicht abstreiten: Sie hatten auf mehr gehofft.

Am schwierigen Thema und dem sperrigen Zugang könnte es gelegen haben: Der 9. November ist der Jahrestag des antijüdischen Pogroms von 1938 in Deutschland und Österreich, das als Wendepunkt gesehen wird von der bloßen Diskriminierung hin zur staatlich gelenkten offenen Judenverfolgung, die wenige Jahre später im organisierten Massenmord an der jüdischen Bevölkerung im von Deutschland besetzten Europa mündete. Wie zahlreiche andere Kommunen auch hatte die Stadtverwaltung diesen Jahrestag als „Tag der Jugend“ geplant (wir berichteten). Weil sie es wichtig findet, die heutige Schülergeneration zu sensibilisieren, sich für Demokratie und Menschenrechte und gegen Rassismus und Ausgrenzung einzusetzen. Und weil sie glaubt, diese Generation eher mit einem Programm zu erreichen, bei dem es um die Art von Rassismus geht, mit der die jungen Leute selbst jeden Tag konfrontiert werden, als mit einem bloßen Gedenktag zum 9. November 1938.

„Nicht nach hinten schauen, sondern nach vorn“, gab Bürgermeisterin Suse Laue die Marschrichtung aus. „Informiert euch ein bisschen, habt gute Gespräche und viel Spaß!“

Anstöße dazu bot das Programm auf dem Rathausplatz reichlich. In Form einer Fotoausstellung, in der sich Prominente zum Thema Rassismus positionieren. In Form einiger Infostände von Diakonie, Martinsclub, Landkreis und Polizei. In Form eines Kurzfilms, der parallel in der Stadtbibliothek gezeigt wurde. Vor allem aber in Form einer kleinen Podiumsdiskussion auf dem Bühnenwagen.

Die Foto-Wanderausstellung „Sei eine Stimme“ war Teil des Programms.

Wie weit der 9. November 1938 für heute lebende Menschen weg ist, deutete Moderator Martin Rietsch dabei an, in dem er fragte, ob seine Gäste denn Erinnerungen an den 9. November 1989 hätten, den Tag des Mauerfalls. Selbst Ex-Profi Holger Wehlage, Double-Sieger 2004 mit Werder Bremen und mit Baujahr 1976 Ältester in der Runde musste gestehen: „Nur dunkle.“ Schauspieler und Regisseur Benjamin Stoll, drei Jahre jünger als Wehlage, hatte immerhin eine persönliche Verbindung: „Meine Mutter stammt aus Thüringen und ist schon vor dem Mauerfall in den Westen gekommen. Ich hatte daher Verwandtschaft im Osten, die ich noch nie gesehen hatte.“

Stoll war es auch, der sich dem Thema Rassismus am tiefgründigsten näherte: „Rassismus ist eine Angst“, glaubt er, „und Angst gehört überwunden.“ Er warf die Frage in den Raum, ob es sinvoll sei, „Rassisten genauso zu behandeln wie diejenigen, die der Rassismus trifft“, nämlich mit Ablehnung und Ausgrenzung. „Die Angst vor dem Fremden ist in uns Menschen ganz tief verankert.“ Das sei der Punkt, an dem man den Hebel ansetzen müsse.

Eine Podiumsdiskussion über Rassismus bildete den inhaltlichen Mittelpunkt.

Moderator Martin Rietsch fiel daraufhin ein eigenes Erlebnis in einer Apotheke ein, wo er – als Schwarzer – den schwarzen Apotheker automatisch für die Putzkraft gehalten habe. Als der dann von einer Mitarbeiterin als Chef angeredet wurde, habe er ihn angesprochen. „Und er sagte mir hinterher, er hätte mich für einen Kiffer gehalten, der gerade einen Laber-Flash hatte. Wir sind uns also beide mit Rassismus und Vorurteilen begegnet.“

Abdelhafid Catruat zog am Ende ein durchwachsenes Fazit: „Ein super Programm. Publikum hätte ein bisschen mehr sein können. Aber so eine Veranstaltung muss sich erst etablieren, und das braucht Zeit.“

Martin Rietsch sah das ähnlich. Die einzige Kritik, die er anzubringen hatte: „Ich hab heute den ganzen Vormittag vor Schülern gesprochen. Die wussten gar nicht, dass nachmittags diese Veranstaltung war. Deshalb sind von über 100 auch nur fünf gekommen.“

Von Michael Walter

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