Edith Heckmann blickt zurück

Raue Sitten in der Syker Politik: „Damals war oft richtig Zoff“

Eine Frau sitzt an einem Sekretär und blickt in die Kamera.
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Den alten Sekretär von 1996 hat Edith Heckmann noch. Früher stand er aus Platzmangel im Schlafzimmer. Inzwischen hat sie sich längst in einem ehemaligen Kinderzimmer ihr Büro eingerichtet.

Sie ist das dienstälteste Mitglied des Syker Rats: Edith Heckmann (CDU). Seit einem Vierteljahrhundert bringt die Christdemokratin ihre Erfahrung in die Kommunalpolitik ein. Die Anfänge seien oft von „raue Sitten“ geprägt gewesen. Heckmann: „Damals war oft richtig Zoff.“

Barrien – Sie ist die Dienstälteste. Die Erkenntnis hat sie selber ein bisschen überrascht. Aber es lässt sich nicht abstreiten: Edith Heckmann ist das Mitglied mit der längsten Erfahrung im Rat der Stadt Syke. Seit 25 Jahren gehört sie ununterbrochen dazu. 1996 ist sie das erste Mal für die CDU in den Rat gewählt worden. „Und davor war ich schon fünf Jahre im Barrier Ortsrat.“

Wilhelm Vogel hatte sie damals angesprochen. Der war Ortsbürgermeister in Barrien, Mitglied im Rat der Stadt und Anfang der 1990er Jahre auch mal ehrenamtlicher Bürgermeister von Syke (damals war der Chef der Stadtverwaltung noch der Stadtdirektor. Der Bürgermeister hatte nur repräsentative Aufgaben. Hauptamtliche Bürgermeister als Chef der Verwaltung gibt es in Niedersachsen erst ab 1996. Mit Ausnahmen und Übergangslösungen bis 2004). Wilhelm Vogel jedenfalls hatte miterlebt, wie sich Edith Heckmann als Elternvertreterin in einer Ratssitzung für einen Radweg von Barrien nach Syke stark gemacht hatte, und das hatte ihm imponiert. Also fragte Vogel die damals 37-Jährige, ob sie sich vorstellen könnte, bei der nächsten Wahl für die CDU als Kandidatin anzutreten.

„Ich war sehr unwissend, was das ganze Prozedere angeht“, erzählt Heckmann. „Deshalb hatte ich gesagt: Wenn überhaupt, dann nur für den Ortsrat.“ Tatsächlich wurde sie gewählt. „Ich bin dann immer in die Sitzungen der Ratsfraktion mitgegangen. Da habe ich sehr viel gelernt. Und dabei habe ich Blut geleckt.“ Kurze Zeit später war sie bereits im Vorstand des CDU-Stadtverbands aktiv, und 1996 trat sie dann bei den Wahlen zum Rat der Stadt an.

Dort herrschten damals raue Sitten. Sowohl innerhalb der einzelnen Fraktionen als auch im Umgang mit der politischen Gegenseite. Manche Zeitzeugen würden vielleicht von Kasernenhofton und persönlichen Diffamierungen sprechen. Edith Heckmann drückt es viel gemäßigter aus: „Die Streitkultur ist heute besser.“

Damals habe es auf allen Seiten „sehr energische Fraktionsvorsitzende“ gegeben, die die Meinung vorgegeben haben – und erwarteten, dass der Rest der Fraktion pariert und folgt. „Ich habe das nicht als diktatorisch empfunden“, sagt sie. „Ich kannte das ja nicht anders. Heute ist es lockerer. Die Anerkennung für den Einzelnen und die andere Meinung ist höher. Damals war oft richtig Zoff.“ Das hat sie nicht abgeschreckt. „Obwohl bei mir zuhause nie so ein Ton herrschte.“

Der zweite große Unterschied zwischen damals und heute sind für Edith Heckmann die Berge von Papier, die früher bewegt wurden. Buchstäblich. „Das waren Aktenordner ohne Ende“, erzählt sie. „Ich hatte damals zuhause kein Büro. Wir hatten vier Kinder, und die Zimmer waren alle belegt. Mein Mann hat mir im Schlafzimmer Regale angebracht und mir einen alten Sekretär reingestellt, an dem ich arbeiten konnte.“ Den hat sie heute immer noch. Aber einen modernen Schreibtisch gleich nebenan. Und beide stehen jetzt in einem der ehemaligen Kinderzimmer, das heute als Büro eingerichtet ist.

Nur ungern denkt Edith Heckmann an 2001 zurück. Die Frenken-Affäre: Für Syke stand der Wechsel zur eingleisigen Verwaltungsspitze an, und der amtierende Stadtdirektor Rudolf Frenken sollte für die CDU zur Wahl des ersten hauptamtlichen Syker Bürgermeisters kandidieren. Doch Frenken fiel vor allem durch Ungeschicklichkeiten und Skandälchen auf. Kurz vor dem Wahltag erklärte die damalige CDU-Fraktionsspitze um den Vorsitzenden Helmut Beyerle ihren eigenen Kandidaten als politisch untragbar. „Es gab einen Riss in der Fraktion“, sagt Heckmann. Die Frenken-Unterstützer setzten sich durch. Beyerle und seine Mitstreiter mussten gehen. Ein Parteiausschlussverfahren stand im Raum. Frenken blieb Bürgermeisterkandidat – und fiel bei der Wahl mit Pauken und Trompeten durch.

„Für mich war es sehr schwer, damit umzugehen“, sagt Heckmann. „Jemanden erst zu holen und dann öffentlich fallen zu lassen: So bin ich nicht gestrickt. Ich hatte in dieser Zeit manche schlaflose Nacht. Ich hab versucht, Vermittlerin zu sein. Aber was da an Anrufen und Faxen kam – wenn mich meine Freunde nicht so aufgefangen hätten, hätte ich damals nicht weitergemacht.“

Hat sie aber. Sogar als Fraktionsvorsitzende. Bis ihr Mann 2005 schwer krank wurde. Da gab sie den Vorsitz auf, um mehr Zeit zu zweit zu haben.

Einmal will sie noch antreten, jetzt im Herbst 2021. „Es gibt sowieso viel zu wenig Frauen in der Politik.“ Und weil sie inzwischen zu den wenigen gehört, die von vielem noch wissen, wie alles gekommen ist. „Davon gibt es auch im Rathaus nicht mehr viele. Der letzte ist Hein Sievers. Und der geht in anderthalb Jahren in Pension.“

Vor allem aber, weil sie Spaß daran hat. „Die Politik hat mir den Horizont erweitert. So viele Themen! Und befassen muss man sich mit allem. Und: Alles, was das Leben ausmacht, ist Politik. Vom Anfang bis zum Ende.“

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