Unter dem Verzicht leiden die Kollegen

Ohne Auto im Reporter-Alltag: Nachhaltigkeit im Härtetest

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Während der Aktionstage Nachhaltigkeit ist das Auto in den Hintergrund gerückt. Syke, Bassum, Twistringen durften sich statt des rasenden über einen radelnden Reporter freuen.

Syke/Landkreis - Von Marc Lentvogt. Wie viele Menschen bin ich mit Karla Kolumna aufgewachsen! Sie hat das Bild geprägt, welches ich von Journalisten habe – zumindest teilweise. Die rasende Reporterin ist immer in Windeseile dort, wo etwas passiert (meist also in der Nähe von Benjamin Blümchen).

Diesem Ideal will ich natürlich entsprechen (auch ohne den freundlichen Elefanten), und so steige ich jeden Tag ins Auto. Aber muss das sein? Schaffe ich nicht alles, was anfällt, auch mit dem Fahrrad? Zeit für einen Selbstversuch.

Sündigen musste ich direkt zum Start der Aktionstage Nachhaltigkeit am Mittwoch. Morgens und abends ein Termin in Twistringen, unterbrochen von einer Veranstaltung in Syke – die Zeit am Vormittag reicht nicht aus, also absolviere ich die Fahrt zur Arbeit mit dem Rad, steige für den ersten Termin aber ins Auto. Es soll mein einziges „Versagen“ bleiben. Alles gut also? Steigt die Kreiszeitung komplett auf das Fahrradfahren um? Ganz so leicht ist es nicht.

Distanz

160 Kilometer habe ich bis Montagabend mit dem Rad zurückgelegt. Die Hälfte davon entfällt auf An- und Abfahrten am Morgen und Abend. Auf einen Monat hochgerechnet hätte ich mit diesem Schnitt eine Tankladung eingespart. Das – muss ich eingestehen – ist absolut machbar. Im Alltag scheine ich das bislang zuwenig reflektiert zu haben.

Zeit

Eine Fahrt nach Twistringen kostet mich mit dem Rad knapp eine Stunde – doppelt so lange wie die Fahrt mit dem Auto. Wohlwollend gerechnet, verliere ich durch Hin- und Rückfahrt also insgesamt 60 Minuten, die ich nicht mit dem Schreiben oder anderen Terminen verbringen kann.

Das muss nicht ausnahmslos verteufelt werden: Viele Artikel schreiben sich nicht nur an der Tastatur, sondern auch im Kopf. Die Fahrt auf dem Rad ermöglicht es, verschiedene Varianten auszuprobieren und bestimmte Dinge im Voraus auszuschließen. Aber natürlich: Gelegentlich habe ich auch in der Natur rumgeschaut und nicht nachgedacht.

Innerhalb Sykes ist die Differenz nahezu unerheblich. Dank Ampeln und Parkplatzsuche ist das Rathaus mit dem Fahrrad sogar schneller erreicht.

Stress

Die Radfahrten selbst waren trotz hoher Temperaturen erfrischend. Ich mag Fahrtwind. Das Problem folgt im Anschluss: Nach einer halben Stunde fließt der Schweiß weitaus stärker als nach einer kurzen Autofahrt. Da das abzusehen war, bin ich ausschließlich mit viel Gepäck gereist. Die obligatorische Kamera musste an einzelnen Tagen weichen, damit Ersatzklamotten, Regenjacke, Flickzeug und Handtuch ihren Platz im Rucksack finden.

Am Zielort angekommen, musste ich dann wenigstens Zeit aufbringen, um mich abzukühlen oder umzuziehen. Der Schweiß verschwindet aber nicht automatisch, und so saß ich gelegentlich im Gespräch und fragte mich, was für ein Bild ich abgebe. Dabei geht Konzentration verloren, die meine Gesprächspartner und ihre Themen verdient hätten. Ein weiterer Punkt, der gegen die Radfahrt spricht.

Kollegen

Meine Kollegen fühlen jede Minute, die ich länger brauche. Bis meine Texte fertig für das Lektorat sind, dauert es etwas länger, gleichzeitig kann ich das Korrekturlesen nicht so stark unterstützen. Nachdem ich vier Arbeitstage auf dem Rad verbracht habe, bekomme ich die Rückmeldung: Das hat schon gepasst. Wunderbar!

Was aber, hätten wir nun nicht einen, sondern drei radelnde Reporter? Die Arbeitsbelastung für Einzelne stiege sich in diesem Fall merklich, bis irgendwann der Redaktionssegen schief hängt.

Erkenntnis

Eigentlich müsste ich heute einen Termin in Colnrade mit dem Rad wahrnehmen. Dann allerdings sitze ich vier Stunden – meinen halben Arbeitstag – auf dem Rad. Ein attraktiver Gedanke, aber ich bin (leider) kein Radsportprofi geworden. Ich werde fürs Tippen und nicht fürs Strampeln bezahlt. Eine zweite Autofahrt nehme ich also doch noch als Makel in meine Bilanz auf... Oder? Das schlechte Gewissen plagt mich in beiden Fällen. Ich muss noch eine Nacht darüber schlafen.

Ist das Experiment radelnder Reporter also gescheitert? Ganz so drastisch ist es nicht, aber die Grenzen sind deutlich geworden. In der Vorbereitung fragte ich mich insbesondere, ob ich mit der Distanz zurechtkomme. Vielleicht nicht ganz unverständlich, aber definitiv zu egozentrisch. Okay, ich war erfolgreich, aber deswegen hatten andere mehr zu tun.

Nachhaltigkeit

Vom 30. Mai bis 5. Juni wurde die Europäische Nachhaltigkeitswoche (ESDW) begangen. Diese europaweite Initiative hat zum Ziel, Aktivitäten, Projekte und Veranstaltungen, die zur nachhaltigen Entwicklung beitragen, sichtbarer zu machen. Daher stellen wir einige Aktivitäten von Kommunen und Bürgern im Landkreis Diepholz vor, die Nachhaltigkeit im Alltag umsetzen – oder eben nicht. Nachhaltig leben ist eine Herausforderung. Hier geht es zur Übersicht

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