Daniel Kahn entführt sein Publikum in musikalische Welten

Pur und radikal tiefgründig

Singt Brecht im Sparkassen-Saal: Daniel Kahn.
+
Singt Brecht im Sparkassen-Saal: Daniel Kahn.

Syke – Das Konzert eines Künstlerpaares sollte es werden, eine Begleitveranstaltung zur Kunst-Ausstellung „auf ins Kaff“ des Syker Vorwerks, in Kooperation mit dem Verein Jazz Folk Klassik am Samstag im Konzertsaal der Kreissparkasse Syke. Doch leider – so Nicole Giese-Kroner in ihrer Begrüßung – fiel die Künstlerin Yeva Lapsker krankheitsbedingt aus und somit der Part der bildenden Kunst. Übrig blieb nicht minder ein Konzert, das unter die Haut ging.

Daniel Kahn hatte die Playlist des Auftrittes noch schnell in der Garderobe hinter der Bühne angepasst an die neue Situation, wirkte etwas verlassen und gestresst. „Meine Frau fehlt mir heute Abend!“

Kahns Lieder werden umschrieben mit dem Begriff „brüchige Balladen“. Was man darunter verstehen kann, wollen wir von ihm wissen. „Ach, das weiß ich auch nicht“, kommt die Antwort. Und beim nächsten Wort – „Werbetexter“ – verdreht er gespielt empört die Augen. „Balladen sind Geschichtenlieder, stabile Geschichtenbehälter wenn sie gut gemacht sind, die ältesten sozialen Medien.“

Der US-Amerikaner hat sich die jiddische Sprache erst spät angeeignet. Aus sentimentalen Gründen? „Am allerwenigsten sentimental!“, ruft er aus, wird lebhaft und umreißt in wenigen Sätzen die über 1 000-jährige Geschichte der jiddischen Sprache, ihren Ursprung, ihre nationenübergreifende Entwicklung. „Ich betreibe hier keine persönliche Aufarbeitung, keine Aufklärung“, so Kahns Antwort. Jiddisch sei eine spannende Kultur-Community. „Mich interessiert das Menschliche, das Paradoxe, das Kontroverse und Radikale dieser Sprache und der Humor. Jiddisches Liedgut ist eine wahnsinnig reiche Welt, die erhalten bleiben muss.“

Daniel Kahn ist ein Multitalent, ein Singer-Songwriter, ein Schauspieler, Regisseur, Multiinstrumentalist, Kurator, Dichter und Denker. Nach 16 Jahren in Berlin wohnt er heute mit seiner russischen Frau und ihrem gemeinsamen Kind in Hamburg, dort wo Jiddisch seinen Ursprung hat, mitten in Europa. Er lebt, was er performt.

Im folgenden zweistündigen Konzert stellt er sein erstes Solo-Album vor: „Word Beggar“. Seine Lieder sind „translation adaptations“ (Kahn): Aus dem Russischen, Deutschen, Englischen ins Jiddische übersetzte vertonte Lyrik. Er wechselt auf der Bühne zwischen den Sprachen, ebenso spielerisch wie zwischen den Instrumenten Piano, Akkordeon, akustische Gitarre und Mundharmonika hin und her.

Daniel Kahn als weltlicher Prophet und Reiseführer mit alttestamentarischem Habitus und avantgardistischer Anziehungskraft nimmt seine Gäste mit auf eine multikulturelle Reise. Dabei behilflich sind ihm so wortgewaltige Lyrikerinnen und Lyriker wie Beyle Schaechter-Gottesmann, Kurt Tucholsky, Mordechai Gebirtig, Leonard Cohen und immer wieder Bulat Okudschawa – auch der Bob Dylan Russlands genannt. Die Stilrichtung der Musik bewegt sich irgendwo zwischen Jazz, Folk und Klezmer.

„Ich habe mich niemals so wohl in einer Bank gefühlt“, meint Kahn zum Schluss und bedankt sich höflich bei den Veranstaltern. „Dabei steht die Sparkasse ja eigentlich für strukturelle Entfremdung!“ Hastig schiebt er hinterher: „Also das Treppenhaus! Hier könnte man sich ja verlaufen“ – und beendet verschmitzt den Abend mit der Moritat von Mackie Messer aus der Dreigroschenoper, Text von Bertolt Brecht.

Von Ruth Cordes

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Diepholz: Kreuzung ist nun Kreisel

Diepholz: Kreuzung ist nun Kreisel

Diepholz: Kreuzung ist nun Kreisel
Unterkünfte werden noch benötigt

Unterkünfte werden noch benötigt

Unterkünfte werden noch benötigt
Millionenprojekt nimmt Formen an

Millionenprojekt nimmt Formen an

Millionenprojekt nimmt Formen an
Fünf Standorte in Syke kommen laut Planungsbüro für Windkraftanlagen in Frage

Fünf Standorte in Syke kommen laut Planungsbüro für Windkraftanlagen in Frage

Fünf Standorte in Syke kommen laut Planungsbüro für Windkraftanlagen in Frage

Kommentare