AfD-Anfrage macht wütend

Von Psychos, Flüchtlingen und Vorurteilen

Joachim Schröder und Annette Jahn ärgern sich über eine Anfrage der AfD-Bundestagsfraktion an die Regierung.

Eine „Kleine Anfrage“ der AfD-Bundestagsfraktion an die Regierung schlägt Wellen bis nach Syke. Es geht um einen möglichen Zusammenhang zwischen psychisch Kranken und Gewaltverbrechen.

Joachim Schröder hat bei Awo-Trialog 20 Jahre lang in Syke mit psychisch kranken Menschen gearbeitet. Praktisch ebenso lange ist Annette Jahn als psychisch Kranke Klientin dort. Im Interview schildern sie, warum sie diese Anfrage so wütend macht. Die Fragen stellte Michael Walter.

Die AfD möchte wissen, wie viele Straftaten von psychisch kranken Flüchtlingen begangen worden sind, wie hoch der Anteil von psychisch Kranken unter den Flüchtlingen ist und welche Kosten die bisher verursacht haben. Was ist denn so schlimm daran?

Annette Jahn (56) ist gleichermaßen Klientin wie ehrenamtliche Mitarbeiterin bei Awo-Trialog. 17 Jahre lang hat sie in einer Wohnstätte der Einrichtung gelebt.

Annette Jahn: Dass man spalten will. Zwischen Ausländern mit psychischen Erkrankungen und Deutschen mit psychischen Erkrankungen. Joachim Schröder: Und dass ein Zusammenhang zwischen psychischen Erkrankungen und Gewaltverbrechen hergestellt wird. Natürlich gibt es psychisch Kranke, die auch gewalttätig sind. Aber es gibt keinen grundsätzlichen Zusammenhang. Das stimmt einfach nicht. Ich bin in über 20 Jahren Arbeit konkret zweimal in gewalttätige Auseinandersetzungen verwickelt worden. Und mindestens einmal hab ich die auch noch selber ausgelöst, weil ich mich falsch verhalten hatte. Dass ich diese Situationen heute noch benennen kann, zeigt doch schon, wie überaus selten so was ist.

Gibt es denn einen auffallend hohen Anteil von Flüchtlingen in der psychischen Betreuung?

Joachim Schröder: Eben nicht! Wenn wir davon ausgehen, dass viele Flüchtlinge während der Flucht traumatisierende Erlebnisse hatten, müssten viel mehr in Therapie sein. Tatsächlich sind sie unterdurchschnittlich vertreten. Meine These ist dazu: Offensichtlich bekommen diese Menschen nicht in dem Maß Hilfe, wie sie bräuchten. Und die Frage müsste dementsprechend lauten: Was müssen wir tun, damit sie diese Hilfe erhalten, sodass aus diesen Traumata eben keine dauerhaften psychischen Erkrankungen werden?

Warum regt Sie diese Anfrage so auf?

Joachim Schröder (54) war lange Leiter der Betreuungseinrichtung Awo-Trialog und hat die Begegnungsstätte Gleis 1 mit aufgebaut. Heute ist er Referent für Unternehmensentwicklung.

Joachim Schröder: Weil sie auch unsere Arbeit hier in Syke torpediert. Ich kann mich gut daran erinnern, wie wir 1997 auf der Suche nach Standorten für unsere ersten Wohngruppen gewesen sind. Was für Bedenken da an uns herangetragen worden sind. Können wir unsere Kinder jetzt noch frei rumlaufen lassen? Sinkt der Grundstückswert, wenn hier diese ganzen Psychos sind? Wir mussten so viel arbeiten, um den Leuten zu zeigen, dass solche Sorgen unbegründet sind. Annette Jahn: Es gibt viele Vereine und Verbände, die seit Jahren daran arbeiten, dass die Diskriminierung von psychisch Kranken aufhört: Am Arbeitsplatz, bei Praktika, bei der Wohnungssuche, aufgrund der ganzen Vorurteile. Und genau diese Vorurteile werden unterschwellig hier jetzt wieder bedient. Joachim Schröder: Einen Psycho will niemand bei sich wohnen haben. Oder die Versuche unserer Klienten, ganz normal in einen Sportverein einzutreten. Da sagt zwar niemand offen: Dich wollen wir hier nicht haben. Aber sehr oft kommen unsere Klienten dann wieder zurück und sagen: Nö, lieber doch nicht.

So schlimm?

Joachim Schröder: Es hat sich viel geändert in den letzten 20 Jahren. Zumindest in dem kleinen Mikrokosmos, in dem wir hier leben. Es ist heute selbstverständlich, dass wir am einen Ende der Stadt das Delcasy haben, am anderen Ende den Westflügel und mittendrin das Gleis 1. Es ist selbstverständlich, dass wir zum Comedy-Abend ins Gleis 1 gehen, uns zum Kaffeetrinken im Delcasy verabreden und unseren Besuch im Westflügel unterbringen. Psychisch Kranke gehören mittlerweile genauso dazu wie Menschen im Rollstuhl. Das dürfen wir uns aber nicht wieder nehmen lassen. Deshalb müssen wir uns laut bemerkbar machen, wenn wir sehen, dass uns so was wie diese Anfrage unterkommt. Es geht letztendlich um alle sogenannten Randgruppen. Annette Jahn: Ich hab selbst in meinen Psychosen immer gemerkt, dass es diese Vorurteile gibt. Das hatte auch eine schlimme Wirkung auf mich selbst. Das führt richtig zur Verzweiflung. Deshalb ist es so wohltuend, in einem Umfeld leben zu können, in dem die Menschen keine Angst vor mir haben und nicht glauben, ich wäre gefährlich. Joachim Schröder: Wie soll ich denn auch aus einer krisenhaften Situation wieder rauskommen, wenn ich merke, dass meine Umgebung mich ablehnt und Angst vor mir hat?

INFO

Die AfD-Anfrage 19/14807 ist auf den Internetseiten des Bundestags abrufbar.

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