Zwei Redakteure, zwei Meinungen

Braucht es mehr Maßnahmen zur Einhaltung von Tempo-30-Limits?

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Zwischen 7 und 16 Uhr gilt unter der Woche auch vor der Grundschule an der Wassermühle Tempo 30.

Gessel - Über ständige Verstöße gegen Tempo 30 im Wohngebiet zwischen Feldstraße und Ristedter Straße in Gessel beschwert sich ein Anlieger. „Immer wird die Geschwindigkeit weit überschritten“, schreibt er in einer Mail an die Kreiszeitung. Besonders vor dem Hort und am Kindergarten. Ebenso ein Stück außerhalb der Ortsgrenzen vor der Grundschule an der Wassermühle in Barrien.

Die Stadtverwaltung verweist auf eine 24-Stunden-Messung entlang der Ristedter Straße. „Die Auswertung hat keine besonderen Auffälligkeiten ergeben“, heißt es da. Sicher: Hin und wieder würden Fahrzeugführer zu schnell fahren, insgesamt aber „ergeben die gemessenen Werte keinen Anlass zur Sorge“.

„Leider sehe ich das komplett anders“, sagt der Anlieger, und schlägt vor, eine vorhandene Bedarfsampel mit einer geschwindigkeitsabhängigen Schaltung auszustatten oder zusätzliche Fahrbahnverengungen zu bauen.

Wäre das sinnvoll? Oder ist das eine subjektive Sichtweise, die sich objektiv nicht nachvollziehen lässt?

Darüber kann man geteilter Meinung sein. Sind wir auch!

Die eine Meinung

Von Michael Walter

Das Phänomen ist bekannt: Anlieger einer Straße stellen fest: Die fahren hier alle viel zu schnell – praktisch niemand hält sich ans Tempolimit (egal, ob das bei 30, 50 oder 70 liegt). Kommt aber dann die Behörde und misst, ergeben die Resultate fast immer dasselbe Bild: Tatsächlich halten sich nicht alle jederzeit stoisch ans vorgegebene Tempolimit. Fast alle fahren aber innerhalb einer nach oben sehr eng bemessenen Toleranzgrenze. Nur wenige fahren so schnell, dass sie dafür überhaupt ein Knöllchen kriegen würden, und nur sehr selten gibt es Ausreißer nach oben, die ihren Führerschein los wären.

So auch in Gessel. Da hat die Stadt gemessen. 24 Stunden am Stück, mitten in der Woche, außerhalb der Ferien. Und rausgekommen ist das Übliche. Ein paar wenige fahren deutlich zu schnell, der große Rest bewegt sich im Rahmen.

Das ist letztlich wie auf der Autobahn, wo man von Hamburg nach München auf seiner Spur zehntausend verschiedenen Autos begegnen kann. Die, an die man sich hinterher erinnert, sind die drei Spinner, die einen beinahe von der Piste gedrängelt hätten. Weil man sich erschrocken hat. Weil man sich über die geärgert hat. Die 9997, die in der gleichen Zeit vernünftig gefahren sind, hat man da längst verdrängt.

Die Frage wäre: Kann man aufwendige „Erziehungsmaßnahmen“ rechtfertigen, um auch diese letzten drei zu disziplinieren? Meine Antwort wäre: Nur wenn man konsequent flächendeckend jegliche Geschwindigkeitsüberschreitung verfolgen würde. Wie zum Beispiel in der Schweiz. Da gibt es keine Toleranzgrenze wie bei uns, und schon 1 km/h zu viel kann 40 Franken kosten. Die betreiben da aber auch einen ganz anderen Kontrollaufwand als bei uns.

Die andere Meinung

Von Frank Jaursch

Ich möchte ja jetzt nicht mit der „Muss denn erst etwas passieren?“-Keule kommen, aber doch. Es gab gute Gründe, Tempo 30 vor Kindergärten und Schulen einzuführen. Und es gibt gute Gründe, den eingeschlagenen Weg weiterzugehen – und dieses Tempolimit jetzt auch konsequent umzusetzen.

Wer morgens in der Kolonne der Grundschulkinderbringerautos an der Barrier Grundschule vorbeifährt, der erkennt mit einem Blick auf den Tacho: Tempo 30 ist für viele offenbar mehr eine unverbindliche Fahrempfehlung. Tempo 40 – das sind immerhin gut 30 Prozent mehr als erlaubt – ist da eher die Regel als die Ausnahme. Und nach oben geht es auch schon mal bis jenseits der 50 km/h.

Nun hat die Stadt in Gessel den Verkehr kontrolliert. Mit den beliebten „Smiley“-Messgeräten, die dem entgegenkommenden Fahrer gleich das derzeitige Tempo anzeigen. Kein Wunder, dass die Auswertung so ausfiel, wie sie ausfiel: Auch ohne Bußgeldandrohung gehen viele Autofahrer bei dem Anblick der Messstation vom Gas. Ich bin sicher, die Ergebnisse würden anders ausfallen, wenn die Messung von den Autofahrern unbemerkt vorgenommen würde.

Zum Thema Ahndung: Im Rahmen meines Studiums haben wir mal (hypothetisch!) darüber diskutiert, ob die Einführung der Todesstrafe für Falschparker nicht zu einer deutlich höheren Parkdisziplin führen würde. Erkenntnis: Ja, würde sie. Aber das wäre weder angemessen noch verhältnismäßig.

Viel sinnvoller als die Bußgeldkeule nach Schweizer Vorbild wäre es doch, andere Wege zu schaffen, um das Tempo an den neuralgischen Stellen zu reduzieren. Die Ampel mit Temposchaltung wäre ein gutes Beispiel: Wer zu schnell ist, verliert Zeit.

Möglich wäre auch, dass ein fest installierter Geschwindigkeitsmesser wahre Wunder wirkt. Denn das eigene zu hohe Tempo rot auf schwarz aufleuchten zu sehen, ist keine angenehme Erfahrung.

Erst recht, wenn man gerade vor den Augen aller sein Kind zur Schule fährt.

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