Pionierfahrt auf über 100 Jahre alten Motorrädern / „Bei Dunkelheit erlischt die Fahrerlaubnis“

Veteranen brettern durch den Bruch

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In der Zündbox der Peugeot von Heiner Rohwick hat sich Öl gesammelt. Sie wird nach jeder Ausfahrt gereinigt.

Wachendorf - Von Heiner Büntemeyer. Heute reicht bei jedem Motor eine Drehung des Zündschlüssels. Bei den über 100 Jahre alten Motorrad-Veteranen, die sich am Sonnabend auf dem Gelände von Kurt Harries ein Stelldichein gaben, ersetzt Arm- und Beinkraft die Magnetzündung. „Man fährt zunächst Fahrrad und hofft dann, dass sie anspringt“, sagt Harries.

Kurt Harries, Bernd Tafel und Fahrleiter Hans Göbel hatten zur zweiten Internationalen Pionierfahrt Niedersachsens für Motorräder bis Baujahr 1914 eingeladen. Mit diesen Fahrten verfolgt der Fahrzeug-Veteranenverband die Absicht, diese Denkmäler der Motorisierung zu einem anerkannten Weltkulturerbe der Technik aufzuwerten.

Obgleich sich mancher Laie fragt, ob es vor 1914 überhaupt schon Motorräder gegeben hat, waren 40 Teilnehmer erschienen und hatten Motorräder mitgebracht, die jeden Technikfreak entzücken müssten. Fast alle überstanden sogar ziemlich mühelos zwei insgesamt rund 90 Kilometer lange Ausfahrten. Dabei zog sich das Feld doch spürbar in die Länge, weil die schnelleren Maschinen durchaus auf Tempo 60 beschleunigten, während andere mit nur der halben Geschwindigkeit über die wenig befahrenen Straßen im Wachendorfer Bruch bretterten.

Hans Göbel hatte bei der Streckenplanung darauf geachtet, dass unterwegs keine Ampeln die Fahrt unterbrechen. Denn das hätte zum Beispiel für Werner Stockmann aus Stemwede bedeutet, dass er mit seiner Progress3HP, Baujahr1905, ganz langsam an die Kreuzung heranfahren und kalkulieren müsste, wann die Ampel wieder auf Grün springt. Denn sonst wäre mit einiger Wahrscheinlichkeit der Motor abgesoffen, und Stockmann hätte wieder Fahrrad fahren müssen, bis er wieder anspringt. Denn einen Leerlauf hat seine Maschine nicht.

Eine wichtige Funktion beim Anschmeißen hat der Zündversteller, wie Heiner Rohwick aus Osthofen erklärt. Damit verändert er an seiner Peugeot, Baujahr 1905, den Zündzeitpunkt. Zum Anlassen schaltet er auf Spätzündung. Das unterstützt die Kurbelbewegung und verhindert das Zurückschlagen des Kolbens. Läuft der Motor, schaltet Rohwick sofort auf Frühzündung um. Wenn allerdings bergauf die Motorkraft nachlässt, wird wieder auf Spätzündung umgestellt. „Dann muss er einen auf den Kopf haben.“ Der Fahrer muss unterwegs also sehr genau in seinen Motor hineinhören.

Gleiches gilt für die Verlustschmierung: Dabei wird die Ölpumpe bedient, um während der Fahrt einige Tropfen Öl direkt auf die Kurbelwelle zu spritzen, die sich dann durch den Schwung als Nebel im Zylinder verteilen. Und wann benutzt man sowas? – Das hat ein Motorradfahrer eben im Gefühl.

Aber Fakt ist: Zweifellos sind diese Uralt-Motoren robuster als sie scheinen. Und unwillkürlich fragt man sich, ob heutige Chopper, Quads und Roller in 100 Jahren auch noch so fit sein werden.

Auch der TÜV hat keine Einwände. „Die freuen sich doch, wenn so ein Uralt-Oldtimer vorgestellt wird“, sagt Bernd Tafel. Er hat eine eingeschränkte Fahrerlaubnis für seine NSU aus dem Jahr 1913. Im Fahrzeugbrief steht: „Bei hereinbrechender Dunkelheit erlischt die Fahrerlaubnis“, denn am Motorrad sorgt noch immer eine Karbidfunzel für die Beleuchtung.

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