106 Jahre alte Feldpostbriefe von Heinrich Reiners wiederentdeckt / Soldat fiel 1914 bei Lüttich

Papa kehrt nicht mehr zurück

Ingmar Gödecke fand die Feldpostbriefe von Heinrich Reimers beim Aufräumen in einer schwarzen Handtasche. Er übergab sie Agnes Eickhoff, der Enkelin des Briefeschreibers. Reimers selbst kehrte nicht von der Front zurück: Er starb im November 1914.
+
Ingmar Gödecke fand die Feldpostbriefe von Heinrich Reimers beim Aufräumen in einer schwarzen Handtasche. Er übergab sie Agnes Eickhoff, der Enkelin des Briefeschreibers. Reimers selbst kehrte nicht von der Front zurück: Er starb im November 1914.

Syke – Die Weihnachtszeit 1914 war für Sophie Reiners und ihre fünf kleinen Kinder eine traurige Weihnacht. Im Häuslingshaus in Henstedt herrschte tiefe Trauer. Ehemann und Vater Heinrich Reiners, im Juni 1876 in Steimke geboren, war am Sonntag, 8. November 1914, in den Abendstunden bei schweren Gefechten in Belgien bei Lombartzyde/ Nieuwpoort gefallen.

Was Ehefrau Sophie blieb, waren liebe- und sorgenvoll geschriebene Feldpostbriefe ihres Heinrichs. Jetzt, nach 106 Jahren, wurden diese Briefe bei Umbauarbeiten eines alten Bauernhauses in der Syker Ortschaft Ramminghausen von Ingmar Gödecke (31) wiederentdeckt.

In einem alten Schrank auf der Diele fand sie in einer schwarzen Handtasche. Ingmar Gödecke übergab den für die Familie historischen Schatz an Agnes Eickhoff (79, geborene Bothe). Sie ist die Enkelin von Heinrich und Sophie Reiners. Ihre Mutter Anna, 1980 gestorben, war das älteste Kind und Weihnachten 1914 sieben Jahre alt.

Zur Weihnachtszeit 2020 liest nicht nur Agnes Eickhoff die 106 Jahre alten Briefe ihres Großvaters, von deren Existenz sie zuvor keinerlei Ahnung gehabt hatte. Auch jüngste Familienmitglieder sind an den Briefen des Uropas interessiert.

„Was der Großvater damals schrieb, geht mir sehr nahe“ , sagt Agnes Eickhoff im Gespräch mit unserer Zeitung Ihr sei bewusst, dass die Weihnachtszeit 1914 für die Familie eine schwere Zeit gewesen sein muss. Für ihre Oma Sophie mit den fünf Kindern muss es nach dem Tod des Mannes und Vaters ein sehr trauriges Weihnachtsfest gewesen sein, vermutet sie. Ihre Oma Sophie habe später noch einmal geheiratet, weiß Eickhoff. „Meine Mutter Anna hat mir oft von Opa Heinrich erzählt.“

Sie sei überrascht gewesen, als sie die Briefe in den Händen hielt. Die Feldpostbriefe hat der Großvater in deutscher Kurrentschrift verfasst. Der Heiligenfelder Heimatforscher Ulrich Dannemann hat sie für Agnes Eickhoff in die jetzige Schriftart übertragen. Für ihn sind die Briefe bemerkenswerte Zeitzeugen aus dem Ersten Weltkrieg.

Heinrich Reiners, Sohn des Häuslings Heinrich Reiners und dessen Frau Anna (geborene Hüneke) wurde am 6. Juni 1876 in Steimke geboren. Er arbeitete nach dem Schulbesuch in Clues als Knecht. 1906 heiratete er Sophie Dannemann, Dienstmagd aus Heiligenfelde.

Den Lebensunterhalt erarbeitete sich das Paar auf einer Häuslingsstelle des Bauern- und Mühlenbesitzers Kannengießer in Henstedt. Es bezog ein Häuslingshaus im Dorf. Zwischen 1907 und 1913 bekam Ehefrau Sophie fünf Kinder.

Mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs am 1. August 1914 änderte sich das Leben der Familie schlagartig. Als die Mobilmachung erfolgte, erging auch an Heinrich Reiners der Gestellungsbefehl. Er musste schweren Herzens Frau und Kinder am 7. August alleine lassen.

Heinrich Reiners wurde dem Landwehr- Regiment Nr. 77 zugewiesen. Am 12. August wurde die Einheit nach Tellingstedt (Kreis Dithmarschen) verlegt. Dort erfolgte eine Ausbildung. Per Feldpostbriefen hielt er Kontakt zur Ehefrau und zu Freunden. In einem Brief vom 18. August 1914 schreibt er voller Zuversicht: „Nur den Kopf nicht hängen lassen, immer guten Mut.“ Einem weiteren Brief ist zu entnehmen, dass er per Zug von Schleswig-Holstein über Syke bis Aachen transportiert wurde. Ab Aachen ging es für seine Einheit marschierend nach Belgien – bis nach Lüttich. Er war zum Beispiel eingesetzt, als das Deutsche Heer um Lüttich einen Stacheldrahtzaun zog. In einem weiteren Brief schreibt Heinrich Reiners: „Mich dauern immer die Kinder. Die betteln um ein bisschen Brot. Ich gebe ihnen immer Brot.“

Deutlich herauszulesen ist aus seinen Briefen die große Sorge um seine Familie. Es lag ihm am Herzen, ob und wie der Lebensunterhalt in der schweren Zeit für die Familie gesichert war. Ob das Heu schon eingebracht sei, ob die Preise für die Schweine stimmten, ob die Ernte eingefahren sei und ob seine Frau Unterstützung bekommen habe. An anderer Stelle will er wissen, ob sie die Kohlen für den Winter schon hat. Sein Vertrauen in die Frau und Mutter seiner fünf Kinder war groß. Er ließ sie wissen, dass er sich sicher sei, sie werde schon alles richtig machen.

Ein in Lüttich fotografiertes Bild, das er an die Frau geschickt hat, ist erhalten geblieben. Aus anderen Briefen geht hervor, dass er von Sophie Päckchen mit warmer Wäsche, schwarzen Zwirnsfaden und eine Nähnadel erhalten hatte.

Das Verhängnis nahm seinen Lauf, als Heinrich Reiners" Einheit am 2.  November an die Front bei Leffinghe verlegt wurde. Dort erlebte Reiners das Grauen des Krieges. In einem seiner letzten Briefe schreibt er: „Wenn bloß erst das Morden zu Ende wäre, es ist ganz schrecklich hier.“ In seinem letzten Feldpostbrief steht: „Wenn es nicht bald alle ist, machen sich die Mächte wohl alle gegenseitig kaputt.“

Am 8. November, einem Sonntag, ereilt ihn das traurige Schicksal. Von Kameraden erfährt die Familie in Henstedt, dass der Kompanieführer zur Beisetzung in den Dünen eine kurze Rede hielt und ihnen alle die Kehle wie zugeschnürt war.

Seine letzte Ruhe fand Heinrich Reiners auf dem Soldatenfriedhof im belgischen Vladslo, heute ein 1200 Einwohner zählender Ortsteil der Gemeinde Diksmuide. Nach Kriegsende waren dort 3233 deutsche Gefallene bestattet. Durch Umbettungen zwischen 1956 und 1958 ist der deutsche Soldatenfriedhof Vladslo heute Ruhestätte für 25 645 deutsche Soldaten des Ersten Weltkriegs und steht seit 1997 unter Denkmalschutz.

Was bleibt von Heinrich Reiners? Wenige Erinnerungen. Enkelin Agnes Eickhoff hat später erfahren, dass ihr Großvater voller Fürsorge um seine Familie war. Sie vernahm, dass der Opa damals der Oma im Haushalt und in der Küche half.

In mehreren Feldpostbriefen von der Front beklagte er die Sinnlosigkeit des Krieges. Stark war sein Gottvertrauen. In einem Feldpostbrief von der Front kommt dieses Vertrauen in Gott besonders zum Ausdruck.

Von Ulrich Dannemann Und Dieter Niederheide

Das könnte Sie auch interessieren

elona ist da. Ihre lokalen Nachrichten.

Mehr zum Thema:

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Fünf wirklich außergewöhnliche Erlebnistouren

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

Dominikanische Republik: Der bunte Hund von Cabarete

So fährt es sich im Ford Mach-E

So fährt es sich im Ford Mach-E

Desserts mit Gemüse zubereiten

Desserts mit Gemüse zubereiten

Meistgelesene Artikel

Mögliche Vorerkrankungen: Infizierter Pfleger gestorben

Mögliche Vorerkrankungen: Infizierter Pfleger gestorben

Mögliche Vorerkrankungen: Infizierter Pfleger gestorben
Zufälle gibt’s: Lotto-Spieler gewinnt knapp 10 Millionen Euro

Zufälle gibt’s: Lotto-Spieler gewinnt knapp 10 Millionen Euro

Zufälle gibt’s: Lotto-Spieler gewinnt knapp 10 Millionen Euro
Twistringerin kritisiert fehlende Wertschätzung für pädagogisches Personal

Twistringerin kritisiert fehlende Wertschätzung für pädagogisches Personal

Twistringerin kritisiert fehlende Wertschätzung für pädagogisches Personal
Impfstart im Landkreis Diepholz mit nur 600 Dosen

Impfstart im Landkreis Diepholz mit nur 600 Dosen

Impfstart im Landkreis Diepholz mit nur 600 Dosen

Kommentare