Özlem Topcu liest in der Bibliothek über die „neuen Deutschen“ mit Migrationshintergund

„Eigentlich ganz schön hier“

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Özlem Topcu las in der Bibliothek aus ihrem Buch „Wir neuen Deutschen“ – und hätte dabei eine größere Resonanz verdient gehabt.

Von Ilse-Marie Voges. Eine volle Bibliothek und viele Zuhörer hätte Özlem Topcu am Samstagabend verdient. Sie ist eine der drei Autorinnen, mehrfach ausgezeichnete Politikredakteurin der „Zeit“, hat für sich und ihre Kolleginnen gesprochen sowie aus dem Buch „Wir neuen Deutschen“ gelesen.

Zum Abschluss des Internationalen Frauentages begrüßte die Gleichstellungsbeauftragte Katrin Stern die Gastleserin aus Hamburg, die ihren Vortag mit den Worten „Eigentlich ganz schön hier“ begann. Damit war vielleicht auch Syke gemeint, aber es ging um viel mehr. Es ging darum, wie es sich in „unserem“ Land leben lässt und wie man es bezeichnen soll: Heimat? Zuhause? Unser Deutschland – oder euer Deutschland? Özlem Topcu ist in Flensburg geboren. Ihre Eltern sind Emigranten aus der Türkei.

Wie schwer es für die drei Autorinnen (türkischer, polnischer und vietnamesischer Abstammung) als Heranwachsende in Deutschland war, schilderte Özlem Topcu eindrücklich und nachvollziehbar. Kinder, die mit deutschen Kindern Erfahrungen austauschten, auf Klassenfahrt gingen, als Studentinnen jobten, in den Ferien mit ihren Eltern in deren Heimat reisten, wo nichts so war, wie sie es in Deutschland kannten.

Wo war nun ihre eigentliche Heimat? Das Zuhause bei den Eltern war nicht vergleichbar mit dem deutschem Leben in der Familie. Die Erfahrungen im Alltag, wenn die Mutter im Supermarkt nicht bedient wurde, weil deutsche Sprachkenntnisse fehlten.

Immer wieder die Ermahnungen der Eltern: Lernt was! Macht Abitur! Sonst werdet ihr hier nichts! Und immer wieder das Gefühl: Wir sind anders als unsere Eltern. Wir sind nicht Ausländer, auch nicht Deutsche. Auch dann nicht, wenn wir hier geboren sind. Da macht sich Wut breit.

Die Angst von Deutschen davor, dass Menschen anderer Nationalitäten ihnen den Arbeitsplatz wegnehmen, ist spürbar. Und am meisten fürchten sich jene, die selbst keine Migranten kennen. Wovor eigentlich?

Eines hat sich immer wieder bestätigt, Özlem Topcu spricht aus Erfahrung, der Wunsch, akzeptiert zu werden. „Wir drei haben festgestellt, dass unsere Grundwerte dieselben sind wie die der Deutschen. Wir sind in Deutschland mit dem Wunsch aufgewachsen, dazuzugehören. Unsere Erfahrungen stehen für Millionen anderer Menschen, und wir haben Respekt davor, wie Deutschland sein Image pflegt und die Flüchtlingskrise zu meistern versucht.“

Die Wut, in der Gesellschaft zwar zu leben, aber nicht vorzukommen, hat die drei Autorinnen motiviert, ihre Erfahrungen und Gefühle zu schildern. Eine wichtige Lesung in Syke, die vielen Menschen, die keine Zeit hatten, um zuzuhören, eine neue Sichtweise erlaubt hätte. Aber man kann sich ja immer noch auf 175 Seiten einlesen und lernen.

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