Extrem hohe Nachfrage

„Das Fahrrad ist das neue Toilettenpapier“: Lieferengpässe im Zweirad-Handel

  • Edgar Haab
    vonEdgar Haab
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    Luka Spahr
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Landkreis Diepholz – „Ich hätte gerne etwas, damit mein Fahrrad nicht gestohlen wird“, sagt das kleine Mädchen. Irina Heinrich muss ein bisschen schmunzeln. „Du meinst ein Schloss? Hier entlang!“ Dass die junge Radfahrerin fünf Minuten später mit einem neuen Zahlenschloss das Zweirad-Center Heinrich an der Syker Hauptstraße verlassen kann, ist ungewöhnlich. Wenn es Fahrradhändlerin Irina Heinrich derzeit an einem mangelt, dann an Zubehör. Doch damit ist sie nicht alleine. Die gesamte Branche steht aktuell gewaltig unter Druck.

  • Corona-Pandemie bringt Fahrrad-Händler in Schwierigkeiten.
  • Viele Einzelteile oder Zubehör sind nur schwierig lieferbar.
  • Probleme betreffen ländliche und städtische Regionen im Kreis Diepholz.

Das Problem lässt sich in drei Wörtern zusammenfassen: Verlagerung, Verzögerung, Verzicht. Wegen der Corona-Pandemie pausierte der Fahrradverkauf – das Frühlingsgeschäft verlagerte sich in den Sommer. Wegen der Corona-Pandemie stockt die Produktion – wichtige Bauteile können nur verzögert geliefert werden. Wegen der Corona-Pandemie verzichten viele auf Bus und Bahn – das Fahrrad gewinnt an Popularität.

Thorsten Bobrink in Barnstorf ist durch die Corona-Pandemie in die Bredouille geraten. Es stockt der Nachschub, es boomt die Nachfrage.

Jetzt beklagt Irina Heinrich „massive Probleme“ beim Einkauf. Als sich Anfang Juni in ihrem Verkaufsraum plötzlich die Reihen lichteten, habe sie schnell nachbestellt. Eine kluge Entscheidung, wie sich herausstellte: Sie kann derzeit noch zahlreiche Fahrräder anbieten. Es gibt allerdings auch eine Warteliste für Neubestellungen – mit Lieferzeiten bis Dezember. „2020 bleibt bei uns allen im Gedächtnis – vor allem als Fahrradhändler“, ist sich die Sykerin sicher.

„Lieferengpässe in allen Bereichen“ während Corona-Pandemie

30 Kilometer weiter südlich, die gleiche Situation. „Wir verzeichnen Lieferengpässe in allen Bereichen“, bestätigt Thorsten Bobrink vom gleichnamigen Zweiradhandel in Barnstorf. „Die Gefahr besteht, dass Kunden bestimmte Modelle vorerst nicht mehr bekommen.“ Bobrink verweist ebenfalls auf die angespannte Situation auf dem Weltmarkt. „Bis Mitte nächsten Jahres wird sich die Lage nicht entspannen“, befürchtet der 45-Jährige.

Auch er habe schon früh vorgesorgt, weshalb seine Ausstellungsräume noch gut gefüllt seien. Nach dem Lockdown habe es einen regelrechten Ansturm auf das Zweiradgeschäft gegeben. „Die Leute wollen raus in die Natur“, so Bobrink. Auffällig sei dabei, dass in diesem Jahr besonders die E-Bikes gefragt sind. „Bei vielen fällt der Sommerurlaub aus, und sie haben das Geld zurückerstattet bekommen. Deshalb kaufen sie sich davon ein neues Fahrrad“, mutmaßt der Inhaber. Neben Fahrrädern selbst sind auch Reparaturen bei Bobrink aktuell sehr gefragt. Die Wartezeit liegt in Barnstorf bei gut zwei Wochen.

„Ausnahmezustand par exellence“ in der Fahrrad-Branche

Ein ähnliches Bild zeichnet sich beim Zweirad-Center Heuermann in Twistringen ab. Große Reparaturen dauern dort aktuell bis Ende August, kleine Reparaturen macht das Team zwischendurch. Inhaber Heiner Heuermann hofft auf Verständnis bei den Kunden. Er und sein Team würden derzeit alles geben und teilweise sogar Überstunden leisten.

Irina Heinrich in Syke hat mit Lieferengpässen zu kämpfen.

Die aktuelle Situation nennt der Zweiradhändler einen „Ausnahmezustand par exellence“. Fahrräder gehen in schlechten Zeiten immer, ist er überzeugt. Oder in seinen Worten: „Das Fahrrad ist das neue Toilettenpapier.“

Es ist ein Eindruck, den nicht nur zahlreiche kleine Fahrradhändler auf dem flachen Land haben. Große stadtnahe Geschäfte spüren die hohe Nachfrage ebenso. „Auch wir können den Fahrrad-Boom bestätigen. Die Lage hat sich von null auf 100 entwickelt“, bestätigt Bernd Heumann, Geschäftsführer der Bike & Outdoor Company (BOC), die in Brinkum eine Niederlassung hat. Vor allem E-Bikes seien derzeit der Renner, betont Heumann. Jedes vierte verkaufte Rad habe eine elektrische Unterstützung.

Umsatz in der Fahrrad-Branche.

Aufgrund von Lieferverzögerungen warnt auch Bernd Heumann, dass es sein könne, dass „der ein oder andere spezielle Kundenwunsch nicht erfüllt werden kann“. Das Zentrallager sei derzeit aber insgesamt noch gut gefüllt. Langfristig rechne er damit, dass der Trend „in den nächsten Wochen, spätestens zum Herbst hin, abflachen wird“.

Zur Info: Weltweiter Engpass im Fahrrad-Handel

Sowohl der Zweirad-Industrie-Verband (ZIV), als auch der Verband des Deutschen Zweiradhandels (VDZ) bestätigen auf Nachfrage, dass es derzeit weltweit Lieferverzögerungen in der Fahrradbranche gibt. Der Engpass treffe auf eine extrem hohe Nachfrage, die schon seit Jahren ansteigt, so die Verbände (siehe Grafik). Gerade in Städten könne das Angebot laut VDZ stark schrumpfen. Beim ZIV wird mit einer Verschärfung der Lieferverzögerungen im dritten Quartal 2020 gerechnet.  ls

Rubriklistenbild: © Edgar Haab

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