„Wir sind auch nur Menschen“

Nach Vorwürfen vor Gericht: Polizeisprecher Thomas Gissing über Fehler im Dienst

Thomas Gissing, Pressesprecher der Polizeiinspektion Diepholz
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Thomas Gissing, Pressesprecher der Polizeiinspektion Diepholz

Die Gerichtsverhandlung rund um einen tödlichen Unfall auf der B 51 im Januar 2019 endete vor Kurzem mit einem Schuldspruch gegen den Angeklagten wegen grob fahrlässiger Tötung. Doch im Verlauf des Prozesses stand nicht nur das Verhalten des Mannes im Fokus. Auch die Polizei musste sich einer ganzen Reihe von kritischen Fragen stellen.

Landkreis Diepholz – Warum erreichte das Polizeifahrzeug die Unfallstelle erst nach Rettungswagen und Feuerwehr? Warum erhielt der Gutachter keine Gelegenheit, die Unfallfahrzeuge am Unfallort in Augenschein zu nehmen? Warum kursierten im Internet bereits Fotos vom Unfall, noch bevor die Angehörigen über den Tod der 29-jährigen Frau informiert wurden? Warum wurde das Blut des Unfallverursachers nicht auf Drogen untersucht? Diese Fragen, die im Verfahren gestellt wurden, beschäftigen auch Polizeisprecher Thomas Gissing im Nachgang des Prozesses. Im Gespräch mit der Kreiszeitung bemüht er sich um Antworten und Erklärungen.

Fehlender Drogentest nach Autounfall bedarf Klärung

Dass es Fehler gab im Nachgang rund um den Unfall, stellt er nicht grundsätzlich infrage. Eine Reihe von Vorwürfen allerdings sei unbegründet gewesen. Etwa der, die Staatsanwaltschaft sei nicht rechtzeitig informiert worden („Die Info ging noch am Freitagnachmittag raus“). Oder auch der vermeintlich zu spät benachrichtigte Gutachter. Das, so Gissing, hänge letztlich davon ab, wofür sich die Staatsanwaltschaft entscheide. „Da telefonieren wir manchmal zwei-, dreimal hin und her, um zu klären, was gemacht wird.“

Weniger deutlich sieht die Antwort in der Frage des fehlenden Drogentests aus. Dass der mutmaßliche Verursacher des Unfalls schon einmal seinen Führerschein wegen eines Drogendelikts abgeben musste, „müssten die Beamten vor Ort bei einer Abfrage über Funk eigentlich erfahren“. Warum es dann einen Alkohol-, aber keinen Drogentest gab? „Das ist eine gute Frage, die einer Klärung bedarf“, so Gissing.

Problembereich: Unfallfotos im Internet

Eine klare Antwort hat der Polizeisprecher auf die Frage, warum von dem tödlich verletzten Unfallopfer keine Blutprobe entnommen wurde. „Es gab keine Hinweise auf ein Mitverantworten für den Unfall“, betont Gissing. „Es muss einen Anfangsverdacht geben.“

Für das Problem mit den Unfallfotos im Internet hat Gissing keine absolute Lösung parat – lediglich einen Ansatz. Wenn er Medienvertreter am Unfallort wahrnehme, versuche er stets, mit ihnen zu sprechen. Ziel: Eine Veröffentlichung der Fotos erst dann zu ermöglichen, wenn Angehörige die traurige Nachricht bereits erhalten haben. Das funktioniere oft, aber eben nicht immer. „Ich kriege da leider nicht immer alle zu greifen“, sagt der Pressesprecher.

Ansprache von Angehörigen: Nur eine kurze Schulung in der Ausbildung

Stichwort „traurige Nachricht überbringen“: Für diese schwierige Aufgabe gibt es bei der Polizei – von einer kurzen Schulung während der Ausbildung – keine besondere Vorbereitung. Die Beamten bekommen im Zweifel den Rat, einen Pastor oder Seelsorger mit zu dem Treffen mit den Hinterbliebenen zu bringen.

Nicht immer läuft alles rund. „Fehler passieren“, sagt Gissing, „wir sind auch nur Menschen.“ Was ihm wichtig ist: Diese Fehler bleiben anschließend nicht im luftleeren Raum. Es gibt in der Polizeiinspektion Diepholz eine Arbeitsgruppe, die sich gezielt mit der Nachbearbeitung solcher schweren Unfälle befasst. Was ist gut gelaufen, wo sind Fehler bei der Arbeit der Polizei passiert?

Das Reflektieren nach solchen Einsätzen sei ein wichtiger Prozess. „Wir stellen uns selber die Frage: Muss ich was ändern?“ Ein wichtiger Prozess für alle Polizisten, betont Thomas Gissing. „Schon damit man am Ende des Tages mit sich im Reinen ist.“

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