„Das letzte Tabu – Über das Sterben reden lernen“

Henning Scherf und Annelie Keil zu Gast im Rathaus Syke

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Annelie Keil und Henning Scherf referieren im Rathaus in Syke über das Altwerden und den Tod. Lydia Neumann (r.) von der VHS freut sich über die beiden prominenten Referenten.

Syke - Von Detlef Voges. „Jeder stirbt für sich allein“ hat noch einst Hans Fallada geschrieben. Das gleichnamige Buch des bekannten deutschen Schriftstellers entstand 1946, Bilanz eines vom Nazi-Krieg desillusionierten Menschen. Der Umgang mit dem Sterben hat einen festen Platz in der Literatur. 72 Jahre später eröffnete die Syker Volkshochschule am Donnerstagabend ihr Semester mit einer Lesung im Rathaus. Das Thema: „Das letzte Tabu – Über das Sterben reden und den Abschied leben lernen“.

Ein Abend im kleinen Kreis? Alles andere als das. Ein Abend im voll besetzten Ratssaal. Denn befasst haben sich damit in einem gemeinsamen Buch zwei Promis: Professor Dr. Annelie Keil und Dr. Henning Scherf. Die Soziologin und der lange Ex-Bürgermeister, beide 79-jährig, ziehen eine andere Bilanz als Fallada, sehen heute eine Kultur der Menschlichkeit am Ende des Lebens.

VHS-Leiterin Lydia Neumann hatte als Moderatorin einen stressfreien Abend. Die beiden Gäste aus Bremen plauderten über das Leben, weniger über den Tod. Sie gestalteten das ungemein lebendig, lebhaft, beredt, ernsthaft, aber mit dem nötigen Humor, der zum Leben und Sterben dazugehört.

Nie aus den Augen verloren

Beide kennen sich aus ihrer Studentenzeit in Hamburg und haben sich nie aus den Augen verloren. Deshalb fahre sie mit Henning auch immer viel früher zu Veranstaltungen, weil der lange „Knutsch-Opa“ ja stets jeden Besucher mit Handschlag begrüße, flachste Annelie Keil einleitend locker, um anzufügen, dass der „Lange“ es ja von Herzen tue.

In der Tat stellen sich bei dem literarischen Paar Barrieren nicht ein. Die Soziologin und der Ex-Bürgermeister argumentieren nicht nur gegen das Motto „Jeder stirbt für sich allein“, sie leben auch etwas Anderes vor. Der „Lange“ seit über 30 Jahren als Mitglied einer Wohngemeinschaft, sie als Teil der Hospizbewegung und Begleiterin Schwerstkranker.

Er werbe dafür, so Scherf, zu lernen, mit alten und verwirrten Menschen vertraut zu bleiben und umsichtig umzugehen. „Wir sollten alten Leuten nicht nehmen, was noch geht, sondern entfalten, was noch möglich ist“, so der Bremer, der gemeinsame Singveranstaltungen besuche und glücklich nach Hause komme. Den Seniorengremien empfiehlt er, nicht nur in Seminaren über Alter und Sterben zu reden, sondern sich der Alten praktisch anzunehmen und zu kommunizieren.

„Anrufen und sprechen“

Einsamkeit mache krank, betont Keil. Das Risiko, durch Einsamkeit zu erkranken, sei so groß wie 14 Zigaretten am Tag zu rauchen. „Anrufen und sprechen, ohne das geht es nicht“, so die Wissenschaftlerin, die übrigens diese Aufgabe bei den Menschen sieht, nicht beim Staat. „Wir lassen die Leute aber sozial sterben, bevor sie sterben“, mahnt die Soziologin.

Satt, still und sauber, die Lebensphilosophie von früheren Kinderheimen, reicht für beide bei Weitem nicht, damit der Mensch sich entwickelt und entfaltet. Das sei eher menschenunwürdig. Wichtig seien besonders auch im Alter die Kommunikation, das Miteinander und die Nächstenliebe.

„Wir öffnen uns zu wenig“, erklärt Annelie Keil und appelliert daran, über alles zu reden, auch über Tabus. Die Schwerstkranken auf den Palliativstationen etwa wollen auch über das Leben sprechen und ihren Alltag besser gestalten.

„Das hat mich bereichert“

Beide lassen keinen Zweifel daran, dass sie aus der Hospizbewegung auch etwas für ihr eigenes Leben mitgenommen haben. Keil: „Das hat mich bereichert.“ Das Verdrängen von Endlichkeit in einer vielfach gesehenen Spaßgesellschaft ärgert Scherf. Es sei sinnvoll, sich damit vertraut zu machen und die Gesellschaft zu verändern – hin zur Teilhabe.

Für kompletten Unsinn hält Annelie Keil Marketingstrategien wie „Fit und gesund bis 100“. Wer solle das denn glauben, fragt sie und stellt fest, sie wolle nicht mit einer Rolle vorwärts in den Saal kommen, sondern getragen werden.

Die Frage an die beiden Gäste nach dem, was bleibt, orientiert sich zwischen Glauben, Hoffnung und mal sehen. Scherf wünscht sich, dass sein Leben in dem seiner Enkelkinder, Kinder und Freunde weiterlebt. Keil könnte sich etwa energetisch Göttliches vorstellen.

Ein Abend über Sterben und Tod mit Handreichungen über das Leben.

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