Menschen mit und ohne Demenz singen regelmäßig gemeinsam

Musik macht glücklich

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Musik kann Demenz nicht heilen – aber sie hilft. Das ist eine Erfahrung aus dem Projekt der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz.

Syke - Von Michael Walter. Es ist eine kleine, aber herzliche Runde, die sich da einmal die Woche im Seminarhaus Waldstraße 1 trifft. Man lacht und scherzt miteinander, man nimmt sich gegenseitig liebevoll ein bisschen auf die Schippe. Vor allem aber singt man zusammen. Den harten Kern bilden drei demenzkranke Senioren und ihre Begleitung.

Der neutrale Beobachter könnte dabei auf Anhieb gar nicht sagen: Wer ist jetzt was? Erst recht nicht, sobald Musiklehrerin Brigitte Jorek zur Gitarre greift und die ersten Akkorde spielt. So gleichermaßen ton- wie textsicher zeigt sich die Gruppe.

Anfang September hat sie sich zusammengefunden. Ein Angebot der Lokalen Allianz für Menschen mit Demenz und im Grunde zufälliges Resultat eines Gesprächs zwischen Heike Wilhelm von der Stadtverwaltung und Musikschul-Leiter Uwe Wegert. „Musik spricht alle Hirn-Areale gleichzeitig an“, sagt Wegert. „Und zwar Musik machen – hören allein reicht dafür nicht.“ Von Synapsenbildung spricht Wegert, von Sensorik und Motorik. Vor allem aber: Musik spricht Emotionen an. Sie kann Menschen gleichzeitig zum Weinen bringen und trotzdem glücklich machen.

„Wir können mit Musik kein Alzheimer heilen“, betont Wegert. „Aber sie macht das Leben schöner, und das ist nicht nur so dahergesagt.“

Die Gruppe im Seminarraum ist der beste Beweis. Im ersten Moment erinnert es zwar ein wenig an Kindergarten und „Musikalische Früherziehung“, wenn da als Begleitung zur Gitarre noch Rhythmushölzchen und Rasseln zum Einsatz kommen. Aber gerade das finden die Senioren gut: „So können wir mitspielen“, sagt eine Frau.

Das Repertoire der Lieder umfasst theoretisch alles, was man auf Deutsch zur Gitarre singen kann. Praktisch reicht es von vierte Klasse Volksschule bis zu Drafi Deutscher. „Schreiben Sie bloß nicht alles auf, was wir hier so singen“, sagt eine andere Frau und lacht.

Dass es diese Gruppe gibt, hat sie aus der Zeitung. „Da hab ich meinen Mann gefragt, ob er da hinmöchte.“ Beide sind geblieben. „Das ist für uns beide gut“, hat sie festgestellt.

Eine dritte Frau bringt ihre Tante regelmäßig aus dem Seniorenheim mit. „Da macht sie fast gar nichts“, sagt sie. „Obwohl es da so viele Angebote gibt, hat sie einfach keine Lust dazu.“ Zum Singen in der Gruppe kommt sie dagegen gerne. Über die Gründe können die anderen nur spekulieren. „Hier ist man selbstbestimmt aktiv“, lautet ein Erklärungsversuch. „Im Seniorenheim schwingt dagegen latent immer so eine Erwartung mit: Man muss da hin.“

Am 2. Dezember trifft sich die Gruppe zum letzten Mal vor der Winterpause. Im Januar geht es dann weiter, und dann würden alle gern wieder dabei sein, sagen die Senioren durchweg. „Wenn es gesundheitlich geht…“

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