Der Mensch Ringelnatz

Juraj Sivulka zeichnet interessantes Porträt

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Juraj Sivulka rezitiert Joachim Ringelnatz.

Barrien - Von Heiner Büntemeyer. Joachim Ringelnatz – Da gibt es sicher einiges zu lachen, mögen sich die meisten Besucher gedacht haben, als sie am Freitag Juraj Sivulka mit einer weiteren Lesung im Rahmen seiner Reihe „Stationen eines Lebens“ in der Barrier St. Bartholomäuskirche erwarteten. Sie waren in der Hoffnung auf zwei unterhaltsame Stunden mit Juraj Sivulka gekommen, der zwar aus der Slowakei kommt, der sich aber in der deutschen Literatur wesentlich besser auskennt als die allermeisten seiner Zuhörer. Und Juraj Sivulka enttäuschte sie nicht.

Allerdings stellte er seinen Zuhörern keinen Kabarettisten vor, der eine Pointe nach der anderen produzierte. Die Zuhörer lernten durch den Referenten vielmehr den Menschen Klaus Bötticher kennen, der sein Leben in keiner Phase seines Daseins in den Griff bekam, in der Schule als „Rüpel ersten Ranges“ galt, als „wildes, ungezogenes Kind“ sich selbst ein Rätsel ist und keinen Beruf erlernt.

Als Matrose wird der schmächtige Kerl mit dem ungewöhnlichen Aussehen schikaniert. Er mustert ab und verdient seinen Lebensunterhalt mit Gelegenheitsarbeiten und dem Schreiben von Reklameversen.

Erstaunlich an seinen Arbeiten, die schlecht bezahlt werden, ist der trotz allem hintersinnige, feinfühlige und natürlich auch bissige Humor seiner Gedichte.

Man gönnt ihm die Anerkennung, die er in der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus“ erhält. Dort bleibt Bötticher zwei Jahre, obgleich er weiß, dass die geschäftstüchtige Wirtin ihn nur ausnutzt. Aber er spürt, dass er beim Publikum ankommt, dass er endlich Erfolg hat. Trotzdem gibt er dieses Engagement im „Simpl“ auf und setzt sein unstetes Leben fort. Für seinen ersten Gedichtband „Kleine Wesen“ erhält er 1910 ein einmaliges Honorar von 200 Mark. Bis zum Kriegsausbruch 1914 ist er meistens mittellos und heuert bei der Kriegsmarine an. Aber seine anfängliche Begeisterung für den Krieg lässt schnell nach.

1918 stirbt sein Vater, der ihm immer wieder aus finanziellen Notlagen geholfen hatte. 1919 beschließt Hans Bötticher, sein bisheriges Leben zu beenden und es als „Joachim Ringelnatz“ fortzusetzen. Im Jahr darauf heiratet er. Ringelnatz bekommt ein Engagement im bekannten Berliner Kabarett „Schall und Rauch“ und zieht als reisender Vortragskünstler im Matrosenanzug, seinem Markenzeichen, über die deutschen Bühnen.

Tim-Luis Kloth an der Orgel

Auch als Maler hat er plötzlich Erfolg, nimmt aber die Nationalsozialisten nicht ernst genug. Als er mit Auftrittsverboten belegt wird und seine Bücher verbrannt werden, ist es zu spät. Freunde helfen dem verarmten Ehepaar, aber als Joachim Ringelnatz 1934 stirbt, begleiten nur neun Personen seinen Sarg.

„Meine lange Nase und mein zackiges Profil reizen zur Karikatur. Aber mir scheint, dass die meisten Maler über der Karikatur das Porträt vergaßen“, hat Ringelnatz einst geschrieben. – Juraj Sivulka hat in dankenswerter Weise auch bei der Auswahl der Ringelnatz-Gedichte das Porträt des Menschen Joachim Ringelnatz nicht vergessen.

Tim-Luis Kloth begleitete viele Stationen des Vortrages an der Orgel und spielte zur Freude des Publikums ausgewählte Melodien aus Musicals und Popmusik.

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