Tagesbildungsstätten vermitteln Schulbildung und ermöglichen Teilhabe am Alltag

Mathe beim Frühstück

Díe Kinder und Jugendlichen werden an der Erlenschule in Syke in kleinen Klassen unterrichtet. - Fotos: Husmann

Syke - Von Katharina Schmidt. Politik und Verwaltung beschäftigen sich derzeit mit der Frage, ob im Landkreis Diepholz eine Förderschule mit dem Schwerpunkt „Geistige Behinderung“ eingerichtet werden soll. Einen entsprechenden Antrag hatte die Kreiselternratsvorsitzende Katrin Kurtz gestellt (wir berichteten). Sie fordert, dass Eltern die Wahl haben müssen zwischen Förderschule und Tagesbildungsstätte. Doch was ist eine Tagesbildungsstätte überhaupt? Und wie unterscheidet sie sich von anderen Bildungseinrichtungen? Ein Besuch bei der Erlenschule in Syke.

Montag, 8.15 Uhr. Für die Schüler der Erlenschule, einer staatlich anerkannten Tagesbildungsstätte der Lebenshilfe Syke mit dem Schwerpunkt „Geistige Entwicklung“, beginnt der Schultag wie üblich mit einem Frühstück im Klassenraum. Ein entspannter Start – aber auch ein lehrreicher. Zum einen ist es laut Schulleiterin Martina Wrobel für geistig behinderte Kinder und Jugendlichen oft wichtig, alltägliche Dinge zu üben. Zum anderen könnten zum Beispiel kleine Matheaufgaben spielerisch integriert werden, wie das Zählen der Teller auf dem Tisch.

Schon das Frühstück verbindet die zwei Förderschwerpunkte der Erlenschule. Zum einen soll die Selbstständigkeit der Schüler gefördert werden, um ihnen die Teilhabe am Alltag zu ermöglichen. Hinzu kommt eine schulische Ausrichtung. Die Tagesbildungsstätte ist aufgrund der durch das Kultusministerium erteilten Anerkennung eine Möglichkeit für behinderte Kinder und Jugendliche, ihre Schulpflicht zu erfüllen. 91 Jungen und Mädchen besuchen die Erlenschule, unterteilt in die Klassen eins bis zwölf. Alle seien bei der Landesschulbehörde registriert, betont Wrobel.

Nach dem Frühstück und einer Pause geht der Unterricht richtig los. Für eine neunte Klasse zum Beispiel mit Deutsch. Der Unterricht erfolgt nach Vorgaben des niedersächsischen Kerncurriculums. Vorgesehen sind Mathe, Deutsch, Hauswirtschaft, Musik, Sachkunde, Werken und Sport. Bei einem Blick auf den Stundenplan der neunten Klasse fallen kaum Unterschiede zu herkömmlichen Schulen auf. Alles ist durchgetaktet. Im Unterricht selbst wird klar: Reiner Frontalunterricht ist nicht das Richtige für junge Menschen mit geistiger Behinderung.

Werkunterricht: Gerd Fuhrmann (r.) gibt sein Wissen weiter.

Die Klassen – eine besteht aus maximal acht Schülern – werden jeweils von einer Klassenleitung, einer pädagogischen Fachkraft und einer Helferkraft geführt. Letzteres können Menschen sein, die einen Bundesfreiwilligendienst oder ein Freiwilliges Soziales Jahr leisten.

Die personelle Aufstellung ist einer der wesentlichsten Unterschiede zu einer Förderschule, wie sie künftig im Landkreis etabliert werden könnte. An Förderschulen unterrichten in erster Linie ausgebildete Förderschullehrer. In Tagesbildungsstätten gibt es diese zwar auch, allerdings nicht in derselben Anzahl. An der Erlenschule sind es zwei. In Tagesbildungsstätten werden neben Förderschullehrern beispielsweise auch Sozialpädagogen sowie Heil- und Behindertenpädagogen mit Zusatzausbildungen eingesetzt, um den individuellen Bedürfnissen der Schüler zu entsprechen.

Gelernt wird in der Regel im Klassenverband, bei den Fächern Deutsch und Mathe aber auch in leistungsbezogenen Fördergruppen. So soll der großen Bandbreite der Behinderungen und Fähigkeiten Rechung getragen werden. Typische Klausuren gibt es nicht, aber Anforderungen – zum Beispiel bestimmte Situationen mit der Zeit bewältigen zu können. Am Ende des Schuljahres gibt es schriftliche Zeugnisse.

Das Unterrichten von geistig Behinderten birgt Schwierigkeiten. Manchmal müssen Schüler besonders betreut werden, manchmal den Unterricht verlassen. Dafür sind Räume zum Entspannen und Bewegen, eine Therapiewanne und ein Bällebad vorhanden. „Wir nehmen alle Schüler auf“, betont Sandra Sonnemann, Bereichsleiterin Kinder und Jugend der Lebenshilfe Syke. Man schaue, wie man ihren Bedürfnissen gerecht werden könne. Manche würden auch in Außenklassen in Kooperation mit Gundschulen unterrichtet. Für Ältere gebe es zudem Wohnprojekte und Berufsvorbereitung.

Was besser ist, Förderschule oder Tagesbildungsstätte, müssen Eltern selbst mit Blick auf die Neigungen und Fähigkeiten ihrer Kinder entscheiden. Das sollen sie jetzt mit einer Umfrage tun, für die sich der Schulausschuss ausgesprochen hat. Diese soll ans Licht bringen, ob neben Tagesbildungsstätten, bestehende Förderschulen mit anderen Schwerpunkten und Kooperationsklassen Bedarf an einer neuen Förderschule besteht.

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