Über den Job mit dem Tod

Gerichtsmediziner: Mit der Schattenseite des Lebens auf Du und Du

War es ein Herzinfarkt? Oder doch eine andere Todesursache? Dr. Olaf Cordes, der mit seiner Familie im Raum Syke lebt, leitet das Rechtsmedizinische Institut am Klinikum Bremen-Mitte.
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War es ein Herzinfarkt? Oder doch eine andere Todesursache? Dr. Olaf Cordes, der mit seiner Familie im Raum Syke lebt, leitet das Rechtsmedizinische Institut am Klinikum Bremen-Mitte.

Syke – Aufgrund der angespannten Corona-Lage dürfte es vielen in diesem Jahr schwer fallen, an Weihnachten einfach mal zu entspannen und die Zeit mit der Familie zu genießen. Doch wie geht es jemandem, der schon seit vielen Jahren tagein tagaus mit Toten und Schicksalsschlägen zu tun hat? Im Interview erzählt der im Raum Syke lebende Gerichtsmediziner Dr. Olaf Cordes, wie er nach einem langen Arbeitstag den Kopf freikriegt, warum er ausdrücklich kein Pathologe ist, und warum der Tatort im Fernsehen nicht immer ganz der Wirklichkeit entspricht.

Herr Dr. Cordes, das Erste, was Sie mir im Vorgespräch gesagt haben, ist, was Sie nicht sind: ein Pathologe. Warum ist das wichtig?
Weil das ungefähr so ist, als würden sie einen Orthopäden mit Frauenarzt bezeichnen. (lacht) Aber was den Gerichtsmediziner angeht, ist die Verwechslung häufig. Man kann sie auch ganz leicht erklären: In den ganzen amerikanischen Fernsehsendungen wird immer vom forensischen Pathologen gesprochen, weil es im angloamerikanischen Raum so etwas wie einen Rechtsmediziner nicht gibt. Und da das dann ganz oft eins zu eins übersetzt wird, heißt das hier halt oft Pathologe. Selbst Polizisten bezeichnen uns oft so. Aber: Sowohl die Pathologen als auch die Rechtsmediziner führen Sektionen an Leichen durch. Und da schon mal vorweg: Sektion, Obduktion, Autopsie, innere Leichenschau – das sind alles Synonyme und meint das gleiche. Sprich: Dass ein verstorbener Mensch geöffnet wird und dass man sich die Organe anguckt.
Wie sieht Ihr beruflicher Alltag aus?
Bei meiner Arbeit am Klinikum Bremen-Mitte haben wir mehrere Bereiche. Da wäre zum Beispiel das Sektionswesen. Dort haben wir zuletzt einen deutlichen Zuwachs erfahren. Dieses Jahr kommen wir auf gut 300 Sektionen. Häufig sind wir gefragt, wenn zum Beispiel jemand in der Klinik stirbt. Da wird dann nochmal geguckt: Woran ist er denn jetzt konkret gestorben? Wir müssen dann immer Kopf, Brust und Bauchhöhle öffnen und alle Organe präparieren. Es reicht nicht, wenn wir jetzt am Herzen einen Herzinfarkt feststellen und sagen „Oh, das ist die Todesursache“ und dann machen wir Schluss. Deswegen kann man am Ende immer grob rechnen: Eine Sektion dauert ungefähr zwei Stunden. Das hängt aber auch immer ein bisschen vom Fall ab. Die Untersuchung wird natürlich auch immer dann gemacht, wenn eine Fremdeinwirkung nicht auszuschließen ist. Und was in den letzten Jahren außerdem noch deutlich zugenommen hat, sind Fälle aus der Klinik, bei denen es möglicherweise um Kunstfehler geht.
Welches ist das häufigste Vorurteil, mit dem Sie sich als Gerichtsmediziner konfrontiert sehen?
Wir können zum Beispiel nicht den Todeszeitpunkt auf zehn Minuten genau angeben. Das ist in der Praxis sehr schwierig und man landet meistens in so einem Bereich von plus/minus 2,8 Stunden. Genauer kommt man in der Regel nicht dran. So genau wie im Film schafft man es eigentlich nicht.
Egal ob Kunstfehler oder Gewalttat: Dr. Cordes muss immer den Kopf, die Brust und die Bauchhöhle für eine umfassende Untersuchung öffnen.
Die meisten dürften Ihre Vorstellung eines Gerichtsmediziners wohl aus Krimis wie dem Tatort haben. Können Sie sich sonntagabends noch vor dem Fernseher entspannen, ohne durchzudrehen?
Ja. (lacht) Manchmal rolle ich ein bisschen mit den Augen. Mir ist ja auch klar, dass das ganz andere Voraussetzungen sind: Die müssen in 90 Minuten ja den Fall lösen. Kriminalisten sagen deswegen auch oft: So schnell, wie die da vorankommen mit ihren Ermittlungsergebnissen, ist das völlig aberwitzig. Aber klar: In 90 Minuten muss der Täter feststehen. Ich gucke den Tatort aber auch nicht so häufig. Hin und wieder mal zur Entspannung. Dann gucke ich aber auch nicht fachkritisch darauf.
Derzeit sind viele durch die Corona-Pandemie im Homeoffice. Bei Ihnen stelle ich mir das schwierig vor. Wie arbeitet ein Gerichtsmediziner unter Corona-Bedingungen?
Das ist schwierig, ja. Da gibt es auch immer die alten Pathologen-Witze, wo die Angehörigen nicht so begeistert sind, wenn die sich Arbeiten mit nach Hause nehmen. (lacht) Aber ein stückweit geht es schon. Eines unserer Tätigkeitsprofile ist nämlich auch, das wir Gutachten erstellen. Und eine Akte kann man natürlich auch mal mit nach Hause nehmen und da bearbeiten. Aber abgesehen davon bringt Corona für uns eigentlich kaum Unterschiede. Der einzige ist eigentlich, dass wir jetzt auch ständig mit Maske rumlaufen. Wir haben aber auch schon ein paar coronapositive Menschen seziert. Das ist dann natürlich ein höherer Aufwand, weil da dann sehr strenge Hygienemaßnahmen stattfinden müssen.

Rechtsmediziner arbeiten auch mit Lebenden

Es ist ein weitverbreiteter Irrtum, dass Gerichtsmediziner ausschließlich mit Toten arbeiten. „Ich habe nicht nur mit Verstorbenen zu tun, sondern sogar sehr häufig auch mit Lebenden“, berichtet der Syker Gerichtsmediziner Dr. Olaf Cordes. Das Stichwort: Gewaltschutz- oder Opferambulanz. Dabei dokumentiert der Rechtsmediziner auch die Verletzungen von jenen Opfern, die nicht direkt an den jeweiligen Gewalttaten gestorben sind. „Das ist eine wichtige Tätigkeit, denn: Wenn es nachher vor Gericht geht, dann hat unser Gutachten eine ganz andere Wertung bei den Richtern, als wenn das jetzt irgendein Hausarzt aufnimmt“, so Cordes. Das bedeute aber nicht, dass er schlauer sei als ein Hausarzt. „Wir gucken nur einfach mit anderen Augen darauf. Das macht manchmal schon einen krassen Unterschied aus.“ Cordes und seine Kolleginnen und Kollegen haben dadurch nicht nur mit Schicksalen und Tragödien zu tun. Es gebe auch Momente, die einen glücklich machen oder befriedigen würden, so der Syker Gerichtsmediziner. Und sei es, wenn man irgendwelche Verdachtsmomente ausräumen könne.

Corona beschäftigt viele Menschen dieser Tage sehr. Da kann es schwerfallen, mal abzuschalten. Doch wie sieht es aus, wenn jeder Tag durch Schicksale und den Tod geprägt ist? Wie schaffen Sie es, nach Feierabend und gerade jetzt an Weihnachten, den Kopf freizukriegen?
Eine der größten Herausforderungen beim Rechtsmediziner ist aus meiner Sicht, dass man das dicke Fell mit der Empathie im Gleichgewicht hält. Was auch nicht selten passiert, ist, dass Einige in den Sarkasmus abdriften und das alles gar nicht mehr an sich heranlassen. Ich brauche jedoch immer einen gewissen Grad an Empathie, wenn ich etwa mit Angehörigen zu tun habe. Aber: Je mehr man mit den Angehörigen zu tun bekommt, desto schwieriger wird es. Und wenn ich jetzt jedoch wie ein Seelsorger völlig empathisch mit denen arbeite, und das tagtäglich, dann halte ich den Job auch nicht lange durch. Deswegen bin ich auch eigentlich immer ganz froh, wenn diese Arbeit von der Kripo übernommen wird. Was bei mir am Ende auch immer hilft, ist, dass ich so oft wie möglich mit dem Fahrrad fahre. Alleine das ist schon was anderes, als mit dem Auto nach Hause zu fahren. Durch das Fahrradfahren wird tatsächlich der Kopf so ein bisschen freigepustet.
Aber es gibt doch sicher auch Bilder oder Situationen, die man so schnell nicht vergisst?
Auf jeden Fall. Ich weiß noch, das war schon vor etlichen Jahren, aber das Bild habe ich immer noch vor Augen: Da sind zwei relativ junge Kinder in einer Wohnung verbrannt. Die wurden beide in einem Bett gefunden und man hat noch genau gesehen, dass die jüngere Tochter versucht hatte, sich hinter dem größeren Bruder vor dem Feuer zu verschanzen. Das hängt mir bis heute noch an. Generell muss man sagen: Wir stehen schon immer mit der Schattenseite des Lebens auf Du und Du. Man braucht schon ein stabiles Seelenleben, um Rechtsmediziner auf Dauer zu sein.
Sprechen Sie dann auch mal privat mit Ihrer Familie über solche Eindrücke?
Ich versuche, das möglichst aus den eigenen vier Wänden rauszuhalten. Auch weil ich natürlich weiß, dass die das sonst auch belastet. Aber hin und wieder rede ich natürlich schon mal über Fälle – vor allem mit meiner Frau. Meine Kinder wissen natürlich auch, was ich beruflich mache. Aber so richtig Thema ist es dann doch eher seltener.
Sie sagten, dass Sie zur Entspannung abends auch mal einen Krimi schauen ...
(lacht) Meine Frau lästert manchmal schon, weil ich nach der Arbeit noch Thriller und Krimis schaue. Sie sagt dann: Mensch, hast du das nicht schon beruflich genug? Aber es ist für mich schon noch mal ein Unterschied, wenn ich das nur im Fernsehen sehe. Ich gucke auch gerne Dokumentationen und das ist dann ja noch mal komplett was anderes.
Dann vielleicht zum Ende noch ein Tipp: Wenn Sie einen Film, eine Serie oder einen Roman empfehlen müssten, der oder die den authentischsten Einblick in Ihren Beruf gibt. Welche/r wäre das?
Ich habe sie nicht ganz so oft gesehen, aber bei authentisch würde ich auf jeden Fall die ZDF-Serie Der letzte Zeuge nennen. Das war soweit relativ realistisch, meine ich.

Zur Person

Dr. med. Olaf Cordes (50) arbeitet seit 2002 in Bremen als Rechtsmediziner und ist seit 2015 Direktor des Instituts für Rechtsmedizin am Klinikum Bremen-Mitte. Der passionierte Fahrradfahrer lebt mit seiner Frau und seinen drei Töchtern im Raum Syke.

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