Ulrike Bavendiek: „Hässlicher“ Wahlkampf

Liverpooler Sykerin: Brexit „Katastrophe“

Ulrike Bavendiek

Liverpool/Syke - Von Frank Jaursch. Ulrike Bavendiek kommt aus Heiligenfelde, Alexander Steiner aus Barrien. Seit 20 Jahren lebt das Paar jetzt schon in England. In Liverpool arbeiten beide an der Universität, dort sind ihre Töchter Clara und Johanna aufgewachsen, dort hat die deutsche Familie sich einen Freundeskreis aufgebaut. Seit gestern ist alles anders. Das britische Votum zum Ausstieg aus der EU hat vieles verändert.

„Für uns ist es eine Katastrophe“, räumt Ulrike Bavendiek im Gespräch mit der Kreiszeitung ein. Die Universität ist auf den internationalen Austausch von Wissenschaftlern und Studenten angewiesen. Die britischen Universitäten hatten sich offen gegen den Brexit ausgesprochen. Bavendiek: „Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“

Die Rückkehr in die Heimat steht seit Jahren als mögliches Familien-Szenario im Raum. Die Verbindung nach Syke ist nach wie vor eng, regelmäßig schaut die Familie in der deutschen Heimat vorbei. Auch eine Rückkehr an die Hache „könnte durchaus sein“, so Bavendiek. Aber was, wenn die eigene Altersvorsorge ein gutes Stück weniger wert ist?

Die ganze Stadt Liverpool – deren Bevölkerung sich mit mehr als 58 Prozent für einen Verbleib in der EU ausgesprochen hatte – stehe unter Schock, berichtet Bavendiek. „Wir wussten im Kopf, dass es sehr knapp wird. Aber es gibt Wahrheiten, die so furchtbar sind, dass man sie nicht wahrhaben will.“

Die 51-Jährige hat den Wahlkampf als „ hässlich und aggressiv“ empfunden. Halbwahrheiten und Lügen inklusive – von beiden Seiten, aber vor allem von der „Exit“-Seite. „Die Kampagne war nicht schön“, so Bavendiek. „Sie hat sich leider stark gegen Immigranten gerichtet. Und wir sind Immigranten.“

Also auch gegen Menschen wie sie? „Im täglichen Leben haben wir nichts gespürt, die Menschen sind nach wie vor freundlich und aufgeschlossen. Aber die reißerische Kampagne in der Presse hat mir Angst gemacht.“ Der Wahlkampf brachte offenkundige Vorbehalte zum Vorschein. „Wir fühlen das jetzt zum ersten Mal“, sagt Bavendiek. „Was ist hier bloß los?“

Das deutsche Paar konnte selbst nicht mitwählen: Bis heute haben beide keine doppelte Staatsbürgerschaft beantragt. „Wir haben es nie für nötig gehalten.“ Nach dem EU-Austritt werde das Paar aber ernsthaft über die englische Staatsbürgerschaft nachdenken – „einfach um uns abzusichern“.

Tochter Clara ist 17 und war am Wahlabend in einer der Wahlstationen. Sie kehrte schockiert zurück, berichtete von Männern, die betrunken und „Independence!“ grölend zur Stimmabgabe kamen. „Warum dürfen die über unsere Zukunft entscheiden, und wir dürfen nicht mitwählen?“ Auf die Frage ihrer Tochter hatte Ulrike Bavendiek keine Antwort.

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