Leserbeitrag: Erinnerungen zum Kriegsende von Dieter Paterkiewicz

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Dieter Paterkiewicz

Syke - Sein Persönliches Kriegsende erlebte Dieter Paterkiewicz am 29. April 1945. Zum 70. Jahrestag schrieb der ehemalige Syker Gymnasialzweigleiter seine Erinnerungen dazu nieder.

"Schicksalswende um den 8. Mai 1945

„Deutschland hat kapituliert, Kumpel, der Krieg ist aus!“ raunte mir ein Obergefreiter mit verhaltener Stimme zu. „Na gut“, murmelte ich unbewegt zurück ohne meinen zusammen gesunkenen Körper zu rühren und den ausdruckslosen, stieren Blick zu verändern. Gut eine Woche schon vegetierten wir als Kriegsgefangene, erschöpft von endlosen Märschen und qualvoller Mangelversorgung stets unter freiem Himmel ohne Hygienemöglichkeit. Erschöpfung, Hunger, Durst, Körperausdünstung, Läusebefall, Demütigung, Resignation, das sind Faktoren, die einen Menschen bis auf die unterste Ebene seiner physischen und psychischen Existenz abzuwürdigen vermögen. In dieser Verfassung erlebte ich den historischen Tag des Friedens nach 6 Kriegsjahren.

Eigentlich war der Krieg für mich bereits am 29. April 1945 zu Ende, dem Tag meiner Gefangennahme durch die Amerikaner in Italien. Nach kurzer Abeitsdienstzeit war ich im Januar 1945 als 16-Jähriger Soldat der Fallschirmjägerarmee zugeteilt worden, die während der Kämpfe um Montecassino hohe Verluste erlitten hatte und mit jungem „Menschenmaterial“ aufgefüllt werden sollte. Nach einer abenteuerlichen Odyssee bis zur Hauptkampflinie südlich von Bologna meldete ich mich schließlich, so wie es mir als Rekrut eingebläut worden war, mit einem zackigen „Heil Hitler, Herr Hauptmann“ zum Dienstantritt. Und da erlebte ich das damals für mich Unfassbare: Die Elitesoldaten der ersten Fallschirmjägerdivision feixten nur über meinen Deutschen Gruß und zeigten mir den Vogel. Einer äffte mir sogar nach: „Heil und Sieg, nie wieder Krieg!“ Es wurde mir bald klar: Die wollten mich gar nicht in ihrem Schützengraben haben. Hauptmann Krause, einer der Haudegen wie ich sie von Wochenschauen her kannte, erfasste spontan die Situation und entschied: „Der kleine Kerl scheint flink zu sein. Sie sind ab sofort mein Melder.“ Und leise, leicht abgewandt mit Augenzwinkern: „Melder wie einstmals Adolf Hitler.“

Diese kalte Dusche hatte gesessen. Als Melder pendelte ich fortan zwischen den Gefechtsständen der Kompanie und dem Bataillon, brauchte mich also nicht im Schützengraben zu verschanzen. Andererseits verliefen meine Meldegänge direkt durch das Einschlagsgebiet der Artilleriegranaten. Außerdem war es unmöglich, diese Zone von Partisanen zu „säubern“, belehrte mich Hauptmann Krause warnend. Auf den Meldegängen flatterten mir zwar die Hosenbeine, aber ich vollzog meine Aufträge befehlsgemäß. Neben den aufgetragenen Depeschen, übermittelte ich außerdem rar gewordene Feldpostbriefe, flickte zerfetzte Telefonkabel und brachte auch mal etwas Tabak von der Etappe mit. Ich entwickelte mich alsbald zu einem nützlichen Mitglied der Kompanie. Trotzdem vermochte ich drei Probleme nicht zu ignorieren. Das waren mein so wirkungsvoll indoktriniertes Nazi-Ethos, die Konfrontation mit brutalen Kriegsgräueln und mein geografisches Orientierungsdefizit. Letzteres ist für einen Melder fatal. Meldegänge führen nämlich nicht auf direkten Wegen zum Ziel, sondern stets Deckung suchend an Hecken, Gebüschen und Baumgürteln entlang. Der Melder läuft also im Zick-Zack-Kurs und muss außerdem die veränderten Einflüsse von Tag und Nacht einkalkulieren.

Am 29. April 1945, hatte ich mich wieder einmal verlaufen. Eine Depesche für den Kommandeur war in die Kleinstadt Cittadella, nördlich von Verona gelegen, zu überbringen. Aus Angst vor Tieffliegern und dem Beobachtungsflugzeug „Lahme Ente“, hatte ich einen Umweg gewählt und so den Sicherrungsbereich meiner Einheit verlassen. Ein gut getarnter AMI-Panzer nahm mich ins Visier und feuerte wie aus dem Nichts eine Granate auf mich ab. Zerknall, Lichtblitz, Luftsprung, Pulverdampf, ich rannte los wie Schmidts Katze. Mit donnerndem Motorengeheul nahm der Panzer samt aufgesessenen Infanteristen die Verfolgung auf. Stahlhelm, Maschinenpistole und Gasmaskentrommel behinderten jedoch meinen Sprint. Erschöpft warf ich mich bäuchlings in das grüne Gras und erwartete den Fangschuss. Aber er kam nicht. Stattdessen erfasste eine mächtige Pranke meinen Kragen und stellte mich mit einem Ruck auf die wackeligen Beine. Ich sah verschreckt einem bulligen „Neger“ direkt in die Augen. – Black out.

Auf dem Marktplatz der gerade eingenommenen Provinzstadt Cittadella fand ich mich wieder, dem jubelnden Mob wie eine Jagdtrophäe zur Schau gestellt. „Die Partisanen knüpfen alle Gefangenen auf“, hatte mir Hauptmann Krause versichert. Und jetzt stand ich genau unter der eisernen Marktplatzlaterne. Da erwies sich der stämmige Schwarze als rettender Verbündeter. Mit seiner Maschinenpistole im Hüftanschlag drehte er seine Runden um die Laterne und hielt mir die Aggressoren vom Leibe.

Innerhalb einer Stunde standen an die hundert Exsoldaten mit erhobenen Händen auf der Markplatzmitte. Die von den Partisanen Gestellten, sahen arg ramponiert aus. Offiziere kamen barfüßig in langen Unterhosen und erhobenen Händen anmarschiert. Man hatte ihnen ihre Stiefel und Gabardineklamotten abgenommen.

Dann begann der Leidensweg, auf dem mich so nebenbei die Friedensnachricht erreichte. Während der Fußmärsche wurden wir durch eiskalte Gebirgsflüsse geschickt, weil die Deutschen mit ihrem Gleichschritt die Brücken zum Einsturz bringen könnten. Auf den Fahrten per Lastwagen prasselten uns Steine und Blumentöpfe auf die jetzt stahlhelmlosen Häupter. Zwei Wochen dauerte dieser Zustand an, oder mögen es drei gewesen sein? Ich vegetierte in einem Trancezustand vor mich hin bis wir endlich in Pisa in einem organisierten Gefangenenlager Aufnahme fanden. Von dort ging es dann in ein Arbeitslager nach Neapel. Im Herbst 1946 wurde ich schließlich in ein kleines Dorf bei Verden in die Freiheit entlassen. Abitur, Studium, Pauker bis zum 66. Lebensjahre, Pensionärsleben bis heute.

Abschließend noch eine Episode. Der Weg zum Sammellager führte uns direkt am Schiefen Turm von Pisa vorbei. Traurig und entmutigt schaute ich von der Ladefläche des L.K.W. auf den Campanile und träumte von dem Glück, einmal im Leben vor diesem Monument in frischer Wäsche, ohne Läuse, mit Sonnenbrille und Fotoapparat flanieren zu dürfen. 65 Jahre danach ging dieser Traum tatsächlich in Erfüllung."

Dieter Paterkiewicz

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