Der Leiter des Kreismuseums liebt Objekte, die Geschichten zu erzählen haben

Dr. Ralf Vogeding und der Nachkriegs-Schnaps

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Dr. Ralf Vogeding, Leiter des Kreismuseums, vor seinen (derzeitigen) Lieblings-Exponaten. Vorn der Schnapsbrenn-Apparat, dahinter das Brautkleid aus Fallschirmseide und die Zieharmonika von Wilhelm Doberstein.

Von Frank Jaursch. Dr. Ralf Vogeding liebt sein Museum. Kein Wunder, dass es für ihn voller Exponate ist, an denen sein Herz besonders hängt. Für unsere Serie hat er sich auf immerhin drei beschränken können: Eine Zieharmonika, ein weißes Nachkriegs-Brautkleid und einen Schnapsbrenner.

„Vor einem Jahr hätte ich was Anderes genommen“, gibt Vogeding lachend zu. „Ich kann ja zu tausend Objekten eine Geschichte erzählen, aber das verschwindet dann wieder im Hinterkopf.“ Er begeistert sich immer wieder aufs Neue für „das Aktuelle“ – und das ist eben in diesem Jahr die Ausstellung, die sich mit der entbehrungsreichen Nachkriegszeit in der Region befasst.

Seit Vogeding vor 35 Jahren mit Museen beruflich in Berührung kam, „haben mich Dinge fasziniert, die für etwas stehen“. Die drei Objekte seiner Wahl hatte Vogeding in der Vorbereitung auf die Sonderausstellung in der Hand. Er begeistert sich für das Trio, weil diese Exponate „auf mehreren Ebenen“ etwas zu sagen haben.

Denn sie dokumentieren zum einen die Entbehrungen und den Mangel jener Zeit, stehen aber zugleich für das unerschütterliche Bestreben der Menschen, so etwa wie Normalität und Lebensfreude auch in harten Zeiten zu entwickeln.

Das Trio wird nicht ohne Grund in der Ausstellung gemeinsam präsentiert. Denn es steht für die Holschenbälle der Nachkriegszeit, für Tanzveranstaltungen. „Es gab immer einen im Dorf, der spielte Handharmonika oder Zieharmonika“, weiß Vogeding von der ländlichen Musiktradition.

Wilhelm Doberstein war so einer. Schon in den 30er-Jahren spielte der Stührener mit seiner „Quetschkommode“. Dobersteins Geschichte war schon einmal Thema in einer Kreismuseums-Ausstellung: 1995 erfuhren die Besucher von den halb legalen Festen auf den Dielen und bei Lüdeke, von schwarz gebranntem Schnaps und handgemachter Musik. Sein Instrument aber wollte Doberstein seinerzeit nicht für die Ausstellung zur Verfügung stellen.

Als 2014 eine Handharmonika im Museum abgegeben wurde und Vogeding das Formblatt zur Inventarisierung las, wurde ihm klar: Das ist ja die Zieharmonika von Wilhelm Doberstein! Nach seinem Tod hatte Dobersteins Tochter das Instrument abgegeben – und damit der Geschichte ein Ende zum Anfassen gegeben.

Und weil es so wunderbar dazu passt, hat Vogeding den alten Kornbrenner-Apparat aus Seckenhausen daneben platziert. Das Exponat bezeichnet der Museumsleiter als „Synonymobjekt“ – stehe es doch wie kaum ein anderes für die Kultur, wieder feiern zu wollen. „Schnaps war damals viel wichtiger als heute“, betont er. Und weist darauf hin, wie sehr das Instrument und der Brenn-Apparat einander ergänzen.

Komplettiert wird die Auswahl von Vogeding durch das Brautkleid aus Fallschirmseide. Nach dem Kriegsende ging es für viele darum, Dinge zu „organisieren“. Und wo es eine Hochzeit zu feiern gab, galt dies ganz besonders. „Man konnte ja nicht einfach in ein Modegeschäft gehen.“ Irgendwie wurde für die Braut die Fallschirmseide organisiert. Wie viel Speck oder Schnaps dafür wohl den Besitzer wechselte?

Die drei Objekte, die derzeit in der Sonderausstellung zu sehen sind, stehen für die ungebrochene Energie einer „betrogenen Generation“, sagt Vogeding. „Diese Art der Objekte liebe ich. Da geht es nicht um Alter und Wert.“ Es sind Zeugnisse ihrer Zeit.

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