Lebhafte und kontroverse Diskussion zum Thema „70 Jahre Kriegsende“

Drei Schlagworte zum 8. Mai

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Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg brachte den Zuhörern im Vorwerk unterschiedliche Sichtweisen auf den Tag der deutschen Kapitulation vor 70 Jahren näher.

Syke - Von Frank Jaursch. Über großes Interesse an seinen Ausführungen hat sich am Donnerstagabend Oberst Prof. Dr. Matthias Rogg freuen können. Nahezu alle 50Plätze im Vorwerk waren besetzt, als der Direktor des Militärhistorischen Museums der Bundeswehr zum Thema „70 Jahre Kriegsende“ referierte – und anschließend noch rund eine Stunde Zeit für angeregte Diskussionen blieb.

Dabei legte der Experte den Fokus zunächst auf den Unterschied zwischen der Erinnerung und dem Gedenken. Erinnern könne sich nur der, der dabei gewesen sei. Und dieser Umstand mache die Erinnerung – die eigene oder auch die aus Erzählungen der Eltern – zu einer subjektiv geprägten Angelegenheit. „Auch heute, in der dritten Generation, suchen wir noch nach Erklärungen in den eigenen Familien“, sagte Rogg. Bei allem Wert von Zeitzeugen-Berichten müsse man als Historiker durchaus kritisch mit ihnen umgehen.

Von diesen Zeitzeugen war eine ganze Reihe im Auditorium; so entspann sich nach dem einstündigen Vortrag schnell eine kontroverse Diskussion. Dabei widersprach Rogg auch durchaus robust einem „älteren Herrn, der offenbar nichts gelernt hat“ und zum Teil offen antisemitische Äußerungen getätigt habe. Der Referent lobte im Anschluss das „unheimlich aufmerksame“ Publikum, das sich ebenfalls deutlich gegen die Aussagen des Mannes stellte.

Zuvor hatte Rogg den 8.Mai 1945, den Tag der bedingungslosen Kapitulation der Wehrmacht, aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet: „Niederlage, Befreiung, Stunde Null“ waren die drei Schlagworte, die er dazu heranzog.

Die deutsche Bevölkerung habe die Soldaten aus den USA oder Großbritannien durchaus nicht als Befreier gesehen, sondern vielmehr den Kriegsverlauf als Niederlage, als „persönliche Katastrophe“ wahrgenommen. Ihnen sei vielfach klargeworden, dass sie sich einer „persönlichen Komplizenschaft“ (Rogg) schuldig gemacht hätten. Die Befreiung habe zunächst lediglich aus Sicht der Befreier stattgefunden.

Fraglich sei auch, inwieweit das Bild von der „Stunde Null“, also vom völligen Neubeginn, zutreffend sei. Denn mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei zwar der NS-Staat zusammengebrochen, viele Leitungspositionen aber seien von denselben Köpfen wie im Dritten Reich besetzt worden – in der Justiz, in der öffentlichen Verwaltung, in der Polizei. „Diese Kontinuitäten sind mit Händen greifbar“, so Rogg.

War das Kriegsende für die Deutschen also Niederlage, Befreiung, Stunde Null? „Eine Mixtur aus allem“, betont Rogg. Die West-Alliierten seien nach Kriegsende auf Deutschland zugegangen, hätten eine zweite Chance eröffnet. „Sie haben uns gewissermaßen von uns selbst befreit“, erklärte der Historiker.

Der Bundeswehr-Oberst nutzte die für viele aufschlussreiche Veranstaltung für eine deutliches Statement: „Die Hauptschuld und Alleinschuld am Zweiten Weltkrieg nicht Deutschland in Rechnung zu stellen, ist einfach unhaltbar. Es ist historisch falsch und gefährlich. Und es spielt politischen Irrlichtern in die Karten.“

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