Angst vor Wiederholung bleibt

Der lange Weg zurück zur Normalität

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Ebenso hilf- wie fassungslos müssen die Feuerwehrleute zusehen, wie ihr Fahrzeugpark in Flammen aufgeht. · Archivbild: Feuerwehr, Hartmut Specht

Syke - Von Frank Jaursch. Heute vor fünf Jahren zerbrach die Welt der Syker Feuerwehr. Bei einem verheerenden Feuer in den frühen Morgenstunden des 10. Januar 2009 verlor die Ortswehr ihr eigenes Domizil – durch Brandstiftung. Zum zweiten Mal innerhalb von 14 Jahren.

Längst ist Normalität eingekehrt. Ein neues Feuerwehrhaus beherbergt eine hochmoderne Fahrzeugflotte. Doch auch nach fünf Jahren sind die Spuren, die die Katastrophe in den Köpfen vielen Beteiligter hinterlassen hat, noch spürbar.

„Lange Zeit waren viele Kameraden damit beschäftigt, das Trauma loszuwerden“, sagt Lutz Budelmann. Er war 2009 stellvertretender Ortsbrandmeister, kam als einer der ersten am brennenden Feuerwehrhaus an. „Jeder nimmt so was unterschiedlich auf“, erinnert er sich.

Wie Skelette wirken die ausgebrannten Fahrzeuge. · Archivbild: Jantje Ehlers

Hoher Sachschaden, aber kein Todesopfer: Syke sei „mit einem blauen Auge davon gekommen“, hatte Bürgermeister Dr. Harald Behrens kurz nach dem Feuer gesagt. Nicht jeder in der Syker Feuerwehr teilte diese Auffassung. Zu viel Herzblut, zu viel Engagement lag in diesem Gebäude. Und auch die persönlichen Habseligkeiten in den Spinden fielen den Flammen zum Opfer. „Ich habe in dieser Nacht einige unter Tränen gesehen“, erinnert sich Sykes Ordnungsamtsleiter Horst Meyer. Ein Grund dafür: Viele Mitglieder hatten das gleiche Drama schon einmal durchgemacht: 1994, als das Feuerwehrhaus bei einem Brand zerstört wurde. Eine verstörende Duplizität der Ereignisse: „Vieles lief genau gleich ab wie 14 Jahre vorher“, blickt Stadtbrandmeister Stefan Schütte zurück, „bis hin zum gleichen Leitstellen-Disponenten.“

„Wie gelähmt“ stand Ortspressewart Ralph Harjes 2009 vor den Flammen. „Das alles noch mal zu erleben, war das Allerschlimmste. Unbegreiflich. Unerträglich.“ Harjes erinnert sich noch an die Jahreshauptversammlung der Ortswehr im Kreismuseum am Abend vor dem Brand. Dort hatte der Bürgermeister im Grußwort die Arbeit der Ortswehr gerühmt und hervorgehoben, „wie toll das Gerätehaus geworden ist. Und sechs Stunden später liegt alles in Schutt und Asche. Ich krieg immer noch ‘ne Gänsehaut, wenn ich dran denke.“

Wenige Tage nach dem Brand, nach Abschluss der Ermittlungen, lieferte die Polizei dann die von vielen vermutete und befürchtete Ursache: Das Feuer war vorsätzlich gelegt worden. Zudem gab die Polizei eine erschreckende weitere Neuigkeit bekannt: Auch das Feuer von 1994 war durch Brandstiftung entstanden. „Bei der Mitteilung sind wir aus allen Wolken gefallen“, sagt Harjes. Bis dahin habe es immer „technischer Defekt“ geheißen.

Was folgte, war die wohl schwerste Zeit für die Feuerwehr: Harte Ermittlungen und Befragungen durch die Kriminalpolizei, eine Atmosphäre des Misstrauens und der Unsicherheit innerhalb der Truppe. Zwei Jahre lang war eine Sonderkommission mit dem Fall betraut. Auf eine Auflösung – auf den ersehnten Schlussstrich – warten die Beteiligten bis heute vergebens. Hätte die Polizei den Täter ermittelt, „wären alle Spekulationen erledigt gewesen“, erläutert Stefan Schütte.

Diese enttäuschte Hoffnung tragen die Syker Feuerwehrmänner und -frauen noch heute mit sich. Doch die Öffentlichkeit, da besteht ein unausgesprochenes Einvernehmen, ist kein Ort für Aussagen dazu. Mehrmals fallen im Gespräch Sätze wie „Da könnte ich jetzt was zu sagen – mach ich aber nicht“.

Wie sehr die Ortswehr mit den Ereignissen dieser Wochen zu kämpfen hat, lässt sich nur erahnen. Zum Beispiel anhand der Aussage von Uwe Meyer, heute wie vor fünf Jahren Ortsbrandmeister. Niemand könne ihm garantieren, dass es nicht noch einmal passiere – dass noch einmal ein Unbekannter „sein“ Feuerwehrhaus anzünden wolle. „Die Angst“, räumt Meyer ein, „ist täglich dabei.“

Viel lieber sprechen die Befragten über positive Erlebnisse in der Folge: Die „Riesen-Hilfswelle“ (Lutz Budelmann) zum Beispiel, die durch Syke schwappte – und weit darüber hinaus. Kinder spendeten ihr Taschengeld, viele junge Syker traten in die Jugendwehr ein, aus ganz Deutschland kamen Hilfsangebote. Andere Feuerwehren, Fahrzeughersteller, Firmen, Vereine und Privatleute wollten helfen. Uwe Meyer lobt Stadtverwaltung und Rat für die schnelle Bereitstellung von dringend erforderlichen Mitteln: „Das lief so was von reibungslos.“

Und Ralph Harjes erinnert an die Kreissparkasse, die innerhalb kürzester Zeit drei Mobilbauten für die warme und trockene Unterbringung der Einsatzkleidung zur Verfügung stellte. Ende Februar 2009 war die Feuerwehr wieder ausgerüstet.

Heute verbindet die Syker Wehr eine besondere Freundschaft mit der Feuerwehr aus Bremen-Neustadt – eine Folge des Feuers. Und im Jahr 2012, nach langen Diskussionen um den richtigen Standort, gab es endlich ein neues Feuerwehrhaus – „mit einer Ausstattung“, betont Uwe Meyer, „die am alten Standort gar nicht möglich gewesen wäre“.

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