Herausforderungen im Blick

Kreislandwirt Wilken Hartje: Branche im Wechselbad der Witterung

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Die Landwirtschaft steht nach zwei Extrem-Jahren vor neuen Herausforderungen. Kreislandwirt Wilken Hartje hat sie fest im Blick. 

Landkreis  Diepholz - Von Anke Seidel. 719 landwirtschaftliche Betriebe haben in nur einem Jahrzehnt in den Landkreisen Diepholz und Nienburg ihre Hoftore für immer geschlossen. Im Landkreis Diepholz gab zwischen 2008 und 2018 exakt 441 Betriebsaufgaben, im Landkreis Nienburg 278. Der Diepholzer Kreislandwirt Wilken Hartje hat die Herausforderungen seiner Branche fest im Blick.

Es war ein Wechselbad der Witterung, das die Landwirte in nur zwei Jahren meistern mussten, stellt Wilken Hartje klar. Versanken die landwirtschaftlichen Fahrzeuge 2017 noch auf den vom Dauerregen aufgeweichten Böden, der sowohl Aussaat als auch Ernte stark behinderte, so litt die Landwirtschaft 2018 unter extremer Trockenheit.

„Die Pflanzen vertragen die Sahara-Krankheit ein bisschen besser“, stellt der Kreislandwirt salopp fest. Denn bei zuviel Nässe würden sie unweigerlich absterben. Deshalb blickt Hartje auch zuversichtlich auf die nun neu bestellten Äcker: „Das was gesät wurde, sieht gut aus!“

Und doch überschatten dunkle Wolken die Landwirtschaft - vor allem die Schweinehalter. Denn die Afrikanische Schweinepest (ASP) bleibt nach verschiedenen Seuchenausbrüchen in anderen europäischen Ländern eine unberechenbare Gefahr. Es sind kontaminierte Essensreste, die fatale Folgen haben könnten. Weil das Virus für den Menschen ungefährlich ist, könnte es unwissentlich über infizierte Wurstprodukte aus den betroffenen Ländern eingeschleppt werden. Achtlos weggeworfen, könnten solche Reste von Wildschweinen gefressen werden - mit wahrscheinlich tödlichen und multiplen Folgen.

Vor dieser Gefahr werde schon an Rastplätzen gewarnt, sagt der Kreislandwirt, „aber es interessiert viele Leute nicht“.

Seuchenausbruch hätte ungeahnte Auswirkung

Die Folgen eines Seuchenausbruchs in Deutschland mag er sich kaum ausmalen - angefangen von einem toten Wildschwein in einem reifen Weizenfeld. „Das Getreide dürfte der Landwirt wohl nicht mehr ernten.“ Die Folge: Verdienstausfall. Den müssten vor allem Schweinehalter befürchten - auch wenn ihre Ställe wirksam vor dem Virus geschützt wären.

„Der Markt würde zusammenbrechen“, blickt Hartje auf ein plötzliches Überangebot an Schweinen, weil Landwirte ihre gesunden Tiere natürlich noch vor einem Vermarktungsverbot verkaufen würden - um zu retten, was zu retten ist. Der Kreislandwirt ist genauso überzeugt: „Der Fahrzeugverkehr würde eingeschränkt.“ Ganz sicher würde es Ex- und Import-Verbote geben: „Handel findet nicht mehr statt.“

Ohnehin sei die Zahl der Schweinehalter in Deutschland um 4,1 Prozent gesunken. Aufgegeben hätten vor allem Sauenhalter. Einer der Hauptgründe: Einerseits müssten sie als Ferkelerzeuger in den Tierschutz investieren, andererseits schlechte Marktpreise in Kauf nehmen.

202 Anträge auf Dürrebeihilfe

Nicht wenige Ackerbauern litten unter der extremen Hitze des vergangenen Sommers. Im Landkreis Diepholz hätten 202 von ihnen Anträge auf Dürrebeihilfe gestellt, so Hartje, „vornehmlich Grünland- und Futterbaubetriebe aus dem südlichen Landkreis“.

Im Landkreis Nienburg seien es 160 Landwirte. Schon jetzt stehe fest: „Die Beihilfe ist überzeichnet.“ Das zur Verfügung stehende Geld reiche nicht für alle Anträge aus. „Es zeichnet sich also ab, dass man die Beihilfe kürzen muss.“ Ersetzt werden solle ohnehin nur der halbe Schaden.

Welche Auswirkungen die Trockenheit grundsätzlich hatte, macht Hartje am Beispiel des Zuckerrüben-Anbaus deutlich. Ernten die Landwirte normalerweise 80 bis 90 Tonnen Rüben pro Hektar, so waren es nach dem Dürre-Sommer nur 55 bis 60 Tonnen. Wetter, Märkte, Tiergesundheit - das sind nicht kalkulierbare Faktoren in der Branche.

„Aber das ist auch gerade das Interessante an der Landwirtschaft, dass man nicht alles planen kann“, sagt der Kreislandwirt - und gesteht: „Manchmal wünsche ich es mir allerdings etwas langweiliger.“

Landwirtschaft in Zahlen

Landwirtschaftliche Betriebe: 3593 (Diepholz und Nienburg), davon 2110 im Landkreis Diepholz, 1 483 im Landkreis Nienburg Landwirtschaftlich genutzte Fläche insgesamt: 129 653 Hektar (Diepholz) und 82 821 Hektar (Nienburg) Ackerfläche: 104 737 Hektar (Diepholz) und 68 604 (Nienburg) Grünland: 24 916 Hektar (Diepholz) und 14 217 (Nienburg) Schweinehalter insgesamt: 490 (Diepholz) und 311 (Nienburg) Zuchtschweinehalter: 120 (Diepholz) und 85 (Nienburg) Zuchtschweine: 22 908 (Diepholz) und 10 651 (Nienburg) Mastschweinehalter: 446 (Diepholz) und 284 (Nienburg) Mastschweine: 337 875 (Diepholz) und 182 746 (Nienburg); pro Betrieb im Durchschnitt: 758 (Diepholz), 643 (Nienburg) Quelle: Landwirtschaftskammer

Weidetierhaltung

Der Wolf 

Der Umgang mit dem Wolf ist für Kreislandwirt Wilken Hartje ein wichtiges Thema. „Da hat schon ein vorsichtiges Umdenken stattgefunden“, kommentiert er aktuelle politische Entwicklungen. „Der Wolf ist aber unberechenbar und man muss ihn so begrenzen, dass er kontrollierbar bleibt“, sagt Hartje. Sonst habe die Weidetierhaltung irgendwann keine Perspektive mehr: „Das kann es nicht sein.“

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