60 Jahre Gleichberechtigungsgesetz

Raus aus der Abhängigkeit

Landkreis Diepholz - Von Janna Silinger. Frauen und Männer sind gleichberechtigt: Vor 60 Jahren, am 1. Juli 1958, trat das Gesetz in Kraft. Männer durften nicht mehr für ihre Frauen kündigen. Verheiratete Frauen konnten ihr Vermögen selbst verwalten. Wie gleichberechtigt fühlen sich Frauen heute? Wir fragten Frauen verschiedener Generationen:

Eine Frau, die sich durchgesetzt hat, ist Helga Alves. Die 84-Jährige war 23 Jahre lang Vorsitzende des Bassumer Bürgerblocks. Zuvor war sie 14 Jahre Schulleiterin der Grundschule am Markt in Twistringen. „Ich habe in meiner Familie immer Rückhalt bekommen. Bei uns wurde kein Unterschied zwischen den Geschlechtern gemacht.“ Es sei für sie immer klar gewesen, dass sie studieren würde. Als man sie in den 70er-Jahren darauf ansprach, ob ihr Ehemann ihr erlaubt hätte zu arbeiten, habe sie nur laut gelacht. „Man sollte sich nie in Abhängigkeitsverhältnisse stürzen.“

Ihrer Meinung nach gibt es heute keine 100-prozentige Gleichberechtigung: „Frauen müssen selbstbewusster sein und mehr können, um sich in bestimmten Positionen gegen männliche Mitbewerber durchzusetzen.“ Etwas habe sich aber gebessert. Wenn vor 20 Jahren ein Mann als Hausmann zu Hause geblieben wäre, hätte er als „Schlappschwanz“ gegolten. „Das ist heute zum Glück anders.“

Was immer noch ein Problem sei, wie Gönna Obsen, ehemalige Lehrerin am Gymnasium Syke, betont: das Muttersein. „Es läuft gut, solange man keine Kinder hat“, so die 69-Jährige. Sie habe sich von einem Schulleiter richtigen Unsinn anhören müssen. „Der sagte, wenn ich den Unterricht fürs Stillen unterbreche, müsste ich mit einer Versetzung rechnen, weil dann keiner mehr das Fach in Anspruch nehmen möchte“, erinnert sie sich. Frauen wegen so etwas zu drohen, sei damals nicht ungewöhnlich gewesen.

Inge Human, Präsidentin des Zonta-Clubs (Netzwerk für Frauen und Mädchen) im Landkreis, übte in ihrem Leben schon früh Führungspositionen in der Kommunalpolitik aus. Sie war häufig die einzige Frau. „Ich wurde mit den Ehefrauen zum Damenprogramm mitgeschickt“, erzählt die 60-Jährige. Sie sieht eines der Probleme darin, dass Frauen oft zurückhaltender seien, mehr Ansprüche an sich selbst stellen. Männer hingegen würden sich auf eine höhere Position einfach bewerben, ohne Scheu. Das wiederum führe dazu, dass Frauen beruflich häufig den Kürzeren ziehen, in die Hausfrauen- und Mutterrolle geraten, gedrängt werden oder sich dorthin zurückziehen, woraus häufig Altersarmut resultiere.

Die Erfahrung von Christiane Blewski, Vorsitzende von Fairnet aus Weyhe, einem Netzwerk für Unternehmerinnen: „Viele haben konkrete Ziele, wissen, was sie wollen, und setzen sich durch“, so die 45-Jährige. „Aber noch immer haben Frauen mehr mit der Doppelrolle Familie und Unternehmen zu kämpfen als Männer.“

„Frauen wird zu wenig zugetraut“

Als Nourin Attya, Cafebesitzerin aus Syke, geheiratet hat, „war das mit der Karriere vorbei, weil alle davon ausgingen, dass ich sofort Kinder kriege“, berichtet sie. Damals war sie in der Hotellerie tätig. Als ihre Zwillinge drei Monate alt waren, kehrte sie zurück an den Arbeitsplatz. Statt ihrer blieb ihr Mann zu Hause.

„Frauen wird zu wenig zugetraut“, ist sich die 30-Jährige sicher. Sie glaubt, dass Frauen es heute ähnlich schwer haben wie noch vor ein paar Jahrzehnten. „Die Ansprüche sind gestiegen. Früher wollten Frauen einfach arbeiten, heute wollen sie den Laden schmeißen.“ Ersteres sei inzwischen normal, Letzteres leider noch überhaupt nicht.

Rubriklistenbild: © dpa

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